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William Wordsworth – der Romantiker, der sich das Pathos verbat

Die selbstbewusste Pose Lord Byrons, die flackernde Aura William Blakes waren ihm fremd; aber William Wordsworth wird in einem Atemzug mit den wichtigsten Vertretern der englischen Romantik genannt. Am 7. April wäre sein 250. Geburtstag zu feiern.

Das skizzenhafte Porträt Wordsworths schuf William Boxall 1831.

Das skizzenhafte Porträt Wordsworths schuf William Boxall 1831. 

National Portrait Gallery

Es war die vielleicht berühmteste folgenreich gescheiterte Reise der englischen Literaturgeschichte. Im Herbst 1798 schiffte sich der damals achtundzwanzigjährige William Wordsworth zusammen mit seiner Schwester Dorothy und dem befreundeten Samuel Taylor Coleridge nach Deutschland ein. Bald schon gingen sie jedoch getrennte Wege, um die Kosten zu minimieren und im Gespräch allein auf den Gebrauch der deutschen Sprache angewiesen zu sein. Denn deren Erlernen zum Zweck einträglichen Literaturübersetzens war das eigentliche Ziel der Reise.

Während Coleridge eine vergleichsweise angenehme Zeit in Ratzeburg verlebte, verschlug es die Wordsworths nach Goslar im Harz, wo sie einen eisigen Winter unter widrigsten Bedingungen verbrachten. Am Ende zahlten sich die Entbehrungen und die mangelnden sozialen Kontakte allerdings aus: William schrieb in Goslar einige seiner eindrücklichsten Gedichte, darunter eines, «an einem der kältesten Tage des Jahrhunderts», über eine einsam kreisende Fliege, ein «untröstliches Geschöpf», das sich nach Gesellschaft und Wärme sehnt.

Der Erde verhaftet

Als Wordsworth 1798 nach Deutschland kam, war er längst kein unbekannter Autor mehr, soeben war die erste, zusammen mit Coleridge verfasste Ausgabe der «Lyrical Ballads» erschienen. Doch dieser Aufenthalt fokussierte nun seine dichterische Phantasie auf eine Thematik, die für Wordsworths Schaffen bedeutsam und charakteristisch wurde: Er setzte den Anfang für sein autobiografisches Grossprojekt «The Prelude», das die «Entwicklung eines Dichtergeistes» darstellen und ihn über fünf Jahrzehnte hin beschäftigen sollte.

Goethe, zwanzig Jahre älter, hatte in «Dichtung und Wahrheit» seine Geburt in einen kosmischen Plan gestellt. Wordsworth dagegen blieb gänzlich der Erde verhaftet, am Anfang von «The Prelude» gedenkt er des «geliebten Tales», in dem er aufgewachsen war, und stellt sich mitten in die Freiheit des offenen Felds und der Natur. Mit diesem Buch wird das modern empfindende lyrische Ich in der europäischen Dichtung etabliert. Gemeinsam mit dem Grossgedicht «The Excursion» (1814) und einem weiteren, jedoch nie realisierten Projekt sollte «The Prelude» ein biografisches Panorama mit dem Titel «The Recluse» ergeben.

Anders als beim anderen bedeutenden Wanderer der englischen Literatur, John Clare, führten die Umbrüche in Gesellschaft und Landschaft bei Wordsworth nicht zur geistigen Zerrüttung. Er unternahm täglich und bei jedem Wetter längere Spaziergänge und vermass die Landschaft gleichsam im Rhythmus seiner Gedichte; durch das Metrum verschaffte er seiner Ruhelosigkeit und dem Bedürfnis nach Abgeschiedenheit und Stille ein Gleichmass. Seine Dichtung, die kein Idyll kultivierte, wohl aber eine – vor allem formal sich niederschlagende – Gesetztheit und Ordnung, brodelte kräftig unter der stillen Oberfläche.

Klarheit statt Leidenschaft

Die «Lyrical Ballads» begründeten nicht bloss Wordsworths Ruhm, sie stellten auch ein wichtiges Zeugnis der englischen Romantik dar. Die Ausgabe von 1800 leitete er mit einem – im Jahre 1850 dann gründlich revidierten – programmatischen Essay zur Ästhetik ein, der auch Auskunft über seine Arbeitsweise gibt. Gedichte, heisst es dort, seien spontan sich ergiessende kraftvolle Gefühle, die in heiterer Ruhe so lange erinnert werden, bis eine der ursprünglichen Emotion verwandte Initialzündung entstehe. Die Inhalte sollten dem Alltagsleben entnommen sein, die poetische Sprache der gesprochenen angenähert. In der Ankündigung der Erstausgabe bezeichnet er diese Gedichte als «Experimente».

Noch deutlicher brachte Wordsworth seine Poetik dann in der Einleitung zur Ausgabe der «Poems in Two Volumes» von 1815 auf den Punkt: «Die für die Erzeugung von Dichtung nötigen Kräfte sind: erstens die von Beobachtung und Beschreibung, d. h. die Fähigkeit, Dinge genau so zu beobachten, wie sie in sich selbst sind, und sie getreu zu beschreiben, unverändert durch Leidenschaft oder Gefühl im Geist des Beschreibenden; ganz gleich, ob das Geschilderte tatsächlich vor den Sinnen steht oder nur einen Platz in der Erinnerung besitzt.» Ausserdem gehören dazu, komplex ineinander verschachtelt: Sensibilität, Reflexion, Einbildung und Phantasie, Erfindungsgabe und Urteilskraft.

Es war die Zeit, in der man vor allem in der Malerei den pittoresken, wilden Aspekt der Landschaft entdeckt hatte. Wordsworth durchstreifte von Kindheit an die Natur, erst in der näheren Umgebung von Cockermouth im Lake District, später dann in den Alpen, in Wales, in Schottland. Genaue Ortskenntnis prädestinierte ihn geradezu, einen «Guide through the District of the Lakes» (1810–35) für Touristen zu schreiben. Wordsworth, der lieber aus dem Moment heraus dichtete, unterzog sich dieser Aufgabe fast nur aus finanzieller Notwendigkeit, es verwundert also nicht, dass die später aufgenommenen Anhänge z. B. über «das Sublime und Schöne» unverkrampfter sind.

Alles andere als ein Provinzler

William und Dorothy, die bereits in Dorset und Somerset zusammengelebt hatten, zog es nach ihrer Reise nach Deutschland zurück in den Lake District, genauer gesagt ins Dove Cottage in Grasmere, wo sie einen materiell bescheidenen Haushalt führten. Dieser wurde 1802 durch Williams Heirat mit Mary Hutchinson bereichert – und in gewisser Weise auch gestört. Dorothy, emotional irritiert, führte ihr Tagebuch nicht weiter, schrieb fortan nur Reiseerinnerungen und ebenjene Briefe, denen unsere Kenntnis des Familienlebens der Wordsworths vieles verdankt.

1813 wurde Wordsworth zum Distributor of Stamps for Westmoreland ernannt, zum «Stempelverteiler», der Steuermarken verkaufte, mit denen sowohl offizielle Dokumente wie Testamente und Lizenzen als auch Papiere, Bücher und Policen versehen werden mussten. Dieser angesehene, aber sachlich-nüchterne Posten verschaffte dem Dichter gesicherte Einkünfte, die es ihm ermöglichten, nach Rydal Mount in Ambleside zu ziehen, einer kleinen Stadt unweit von Grasmere.

Seit ihn die in den Jahren 1791/92 unmittelbar erlebte Französische Revolution wegen ihrer Gewaltexzesse enttäuscht hatte, wurden Wordsworths deistische Ansichten im Hinblick auf die Bedeutung von Kirche und Religion zunehmend konservativ. Das bedeutete jedoch keinesfalls, dass sich sein aufrührerischer Geist über den Naturbetrachtungen beschwichtigte, im Gegenteil, Wordsworth scheute sich nicht, in öffentlich-politische Belange einzugreifen und klare Positionen zu beziehen. Wenn man Wordsworth mit seinen Nachbarn Coleridge und Robert Southey als ‹Lake Poets› bezeichnete, war das zunächst despektierlich gemeint und völlig zu Unrecht auf vermeintliches Provinzlertum gemünzt.

Das englische Recht begrenzte seit 1814 das Urheberrecht eines Autors auf achtundzwanzig Jahre nach der Veröffentlichung oder bis zu seinem Tod. In Briefen, Gesprächen und Artikeln drang Wordsworth deshalb immer wieder auf eine Verbesserung dieses Gesetzes, das tatsächlich, trotz der Opposition von Londoner Buchhändlern, auf sechzig Jahre nach dem Tod eines Autors ausgeweitet wurde. Allerdings beruht diese Änderung wohl nicht allein auf Wordsworths Einsprüchen.

Kampf für die Landschaft

Nicht immer führten seine Bemühungen zum Erfolg. Den letzten Kampf um den Erhalt der Landschaft trug Wordsworth 1845 aus, als die britische Eisenbahngesellschaft plante, einige Orte des Lake District ans Netz anzuschliessen. Einem Zeitzeugen gemäss soll Wordsworth in Diskussionen sehr emotional, aber nicht wirtschaftlich argumentiert haben. Diesen Eindruck bestätigen die beiden erbitterten «offenen Briefe» an den Herausgeber der «Morning Post». Grasmere und Rydal wurden am Ende zwar nicht ans Eisenbahnnetz angeschlossen, Kendal und Windermere hingegen schon.

Als der amerikanische Transzendentalist Ralph Waldo Emerson den Dichter im August 1833 in Rydal Mount besuchte, notierte er ins Tagebuch: «Dieser alte Mann nahm dieselben Haltungen ein, die er wohl schon mit siebzehn hatte.» Wordsworth indes fühlte sich älter, als ihn seine Umgebung wahrnahm; als man ihn 1843 zum Poet Laureate ernennen wollte, lehnte er die Ehrung zunächst mit der Begründung ab, er sei zu alt, akzeptierte sie aber schliesslich, als man ihm versicherte, dass keine Anforderungen damit verbunden seien. Nach dem Tod seiner Tochter Dora im Jahr 1847 verliessen ihn die poetischen Kräfte dann tatsächlich.

William Wordsworth starb am 21. April 1850 in seinem Haus. Die ein Jahr jüngere Dorothy überlebte ihren Bruder um fast fünf Jahre, die sie in zunehmender Senilität verbrachte. In ihrer starken geschwisterlichen Verbundenheit war sie mehr als nur eine Gehilfin und Stichwortgeberin gewesen; sie war ein Quell der Inspiration und hinterliess selbst nicht nur Gedichte, sondern auch mehrere Tagebücher, deren Entdeckung und Herausgabe das heutige Interesse an William verstärkt haben.

Noch zu entdecken

In England ist William Wordsworth aus dem Kanon nicht wegzudenken, bei der Oxford University Press erschien das dichterische Werk in sechs Bänden, ergänzt durch drei Prosa- und mehrere Briefbände. Im deutschen Sprachraum hingegen blieb seine Rezeption verhalten, übersetzt wurden nur die beiden Fassungen von «The Prelude» (Hermann Fischer, 1974, und Wolfgang Schlüter, 2015) sowie eine Auswahl der Gedichte, besorgt ebenfalls durch Schlüter (2011). Eine Biografie wie etwa die klassische zweibändige von Mary Moorman (1957/65) oder die soeben neu bearbeitete von Stephen Gill ist auf Deutsch nach wie vor ein Desiderat.

Zu entdecken wäre ein Apologet der Kindheit, der Schmetterlinge jagte und Spatzen beobachtete, ein Bewunderer der Natur und ein scharfzüngiger Kommentator politischer Zustände. Wie kaum ein anderer hat Wordsworth die Ereignisse seines eigenen Lebens, seien sie nun erinnert oder mitgeschrieben, in einem fruchtbaren, Phantasie und Gefühle weckenden Prozess zum Gegenstand der Dichtung gemacht. Die Konzentration aufs alltägliche Detail hebt ihn aus dem zeittypischen Gefühlspathos und macht ihn noch heute lesbar. Mag sein, der Menschengeist ist wirklich aus göttlicherem Stoff gewoben, wie Wordsworth am Schluss des «Prelude» propagierte.

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