Switzerland

Wie konnte es nur soweit kommen? Zehn Fragen und Antworten zur Schweizer Corona-Situation

Wieder ist die Infektionszahl gestiegen, wie auch die Hospitalisationen. Einiges ist geklärt, anderes bleibt jedoch rätselhaft.

Was will die Covid-19-Task­force des Bundes?

Die Taskforce hat zehn Forderungen gestellt:

Wie war diese Trendwende möglich?

Die Infektionszahlen waren im Sommer in vielen Kantonen bei Null, über Tage, Wochen. Für weite Teile der Bevölkerung schien das Virus einigermassen besiegt. Massnahmen wie eine Gästebeschränkung in Badeanstalten wurden immer weniger akzeptiert. Während Institutionen, Organisationen und Vereine sich weiterhin an die Weisungen halten mussten, liess die Disziplin im Privaten nach.

Die Maskenpflicht im Öffentlichen Verkehr dürfte noch lange bestehen bleiben.

Das führte zur Diskrepanz, dass bei den nun wieder erlaubten Grossveranstaltungen strikte Disziplin herrschte, während man es im Privaten wieder krachen liess. Am meisten Ansteckungen gab es dabei im Alter zwischen 20 und 30.

Von den drei Grundmassnahmen wurde nur die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr eingehalten, Hygiene und Distanz wurden vernachlässigt, was gemäss Marcel Tanner von der Covid-Task­force (siehe Interview Seite 4) nun zur aktuellen Situation mit vielen Neuansteckungen geführt hat.

Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich bei den Infektionszahlen?

Seit Mitte September steigen in Europa die Coronafallzahlen. In der Schweiz allerdings besonders schnell. Am 1. Oktober lag der 7-Tage-Durchschnitt der Schweiz noch bei 3,76 Fällen pro 100'000 Einwohner. Dann stieg er immer steiler an und erreichte am 22. Oktober den Wert von 43. Damit steht die Schweiz auf dem vierten Platz in Europa hinter Tschechien (93), Belgien (82) und den Niederlanden (47).

Frankreich weist mit 39 ebenfalls noch einen hohen Wert auf, Grossbritannien (28) und Spanien (30) stehen wieder etwas besser da. In Deutschland liegt der Wert bei 9 Neuansteckungen pro 100'000 Einwohnern. Die effektive Reproduktionszahl R, die angibt, wie viele Leute ein Infizierter ansteckt, lag im März zwischen 2 und 3.

Über den Sommer pendelte sie sich um 1,1 ein. Seit Mitte Oktober liegt sie wieder über 1,5. Dies würde bedeuten, dass sich die Zahlen etwa in einer Woche verdoppeln. Aktuell muss man von einem höheren Wert ausgehen.

Welche Rolle spielen die vielen Tests?

Seit Mitte Oktober machen wir um die 20'000 Tests pro Tag. Ende September lag die Positivitätsrate – der Anteil positiver Tests an der Gesamtzahl aller Tests – bei vier Prozent. Bis am 21. Oktober ist sie im 7-Tage-Vergleich auf 19 Prozent angestiegen, gestern waren es 26,5 Prozent.

Im Vergleich zu anderen Ländern testen wir nicht übermässig viel: Deutschland zum Beispiel macht seit zwei Monaten mehr als eine Million Tests pro Woche. Am eifrigsten testete bisher Dänemark: 812925 Tests pro eine Million Leute.

Was bedeutet die hohe Positivitätsrate?

Liegt die Positivitätsrate unter 5 Prozent, bedeutet das, dass das Testen effektiv läuft, dass eine grosse Zahl aller Fälle erfasst wird. Das heisst auch, dass man genug testet und dass man die Pandemie unter Kontrolle hat. Aktuell erfüllt nur Deutschland in Europa diese Vorgabe. Liegt die Positivitätsrate über 5 Prozent, kann das darauf hinweisen, dass man zu wenig testet, vielleicht nur Verdachtsfälle.

Das heisst dann aber, dass man das Infektionsgeschehen nicht mehr im Blick hat. Je mehr Tests positiv sind, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit unentdeckter Fälle. Über diese Dunkelziffer kann man aber aktuell nur spekulieren. Geschätzt wird zwischen Faktor 6 und 10. Das deutet auf eine Sterblichkeit zwischen 0,5 bis 1 Prozent hin. Eine neuere Studie von John Ioannidis aus Stanford behauptet, sie liege markant tiefer.

Wie sieht es mit den Hospitalisationen aus im Vergleich zum Frühling?

Martin Ackermann, Chef der Covid-Taskforce, griff vor den Medien zu einer dramatischen Prognose: «Wenn es so weiter läuft, sind die Betten der Intensivstation in zwei bis drei Wochen belegt.» Mittlerweile verdoppelt sich die Spital-Patientenzahl genau wie die Infektionen jede Woche. Am Freitag lagen 1300 Menschen wegen Covid-19 in Schweizer Spitälern. Etwa 140 davon auf der Intensivstation. Die Zahlen sind noch deutlich unter der Spitze des Frühlings.

Anfang April waren etwa 500 Intensivplätze von Coronapatienten besetzt und 2300 Menschen insgesamt hospitalisiert. Doch die Zahlen scheinen nun rasend schnell zu steigen. Ackermanns Prognose wurde von einem Modell gestützt, das ETH-Professor Thomas van Boeckel in Zusammenarbeit mit der Taskforce am Freitagnachmittag veröffentlichte: Verdoppelt sich die Zahl wie bisher in einer Woche, wären demzufolge die Intensivbetten in knapp drei Wochen belegt.

Bei einer Verdoppelung alle zehn Tage in vier Wochen und bei fünf Tagen Verdoppelungszeit schon in zwei Wochen. Im Frühling gab es ähnliche Prognosen, die aber – wohl aufgrund des Lockdowns – nicht eintraten.

Wie steht es um die Todes­fälle?

Der Anstieg der Infektionen und Spitaleintritte hat sich noch nicht voll auf die Todesfälle durchgeschlagen. In den letzten Tagen starben im Schnitt täglich rund zehn Personen in der Schweiz am Coronavirus. Im Frühling waren an Spitzentagen etwa sechzig gewesen.

Der Anstieg ist aber klar: Im Sommer starb an den meisten Tagen gar niemand an Corona. Mittlerweile verdoppeln sich gemäss der Taskforce jede Woche die Todesfälle.

Wie ist die Altersverteilung der Infizierten?

Deutlich am meisten betroffen sind die 20- bis 29-Jährigen, gefolgt von den Schweizerinnen und Schweizern in den Dreissigern. Im Frühling waren die älteren Personen noch deutlich mehr betroffen als aktuell.

Wie hat sich die medizinische Behandlung im Vergleich zur ersten Welle verändert?

Die Spitäler haben heute mehr Erfahrung in der Behandlung von Covid-19 als im Frühling. Und bessere Medikamente: Sie setzen seit Monaten teils routinemässig das Mittel Remdesivir ein. Im Frühling wurde es nur in klinischen Studien eingesetzt.

Ärzte warnen aber vor übertriebenem Optimismus. Huldrych Günthard von der Klinik für Infektiologie des Zürcher Unispitals sagte: «Die Erfahrung hilft. Aber wir hatten noch keinen medizinischen Durchbruch.»

Hat sich das Virus abgeschwächt?

Richard Neher von der Universität Basel analysiert das Coronavirus laufend. Neher sagt, dass es bislang keine Anzeichen gebe, dass sich die Eigenschaften des Virus seit März entscheidend verändert hätten. «Natürlich mutiert das Virus – wie jedes andere RNA-Virus auch – aber diese Mutationen haben meist keinen grossen Effekt auf die Eigenschaften des Virus.»

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