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Wie jede andere Religion muss auch der Islam kritisiert werden dürfen – der Zivilgesellschaft aber mangelt es an Konsequenz und Courage

Die brutale Ermordung eines Pariser Lehrers, der seinen Schülern anhand der Mohammed-Karikaturen die Logik des laizistischen Staates vermitteln wollte, wirft einmal mehr ein Licht auf die dem Islam potenziell innewohnende Gewalt. Kritik ist nötig und angebracht.

Die brutale Ermordung des Lehrers Samuel Paty reist die französischen Eliten aus ihren Illusionen – gerade von den Schulen hatte man sich eine Lockerung in der Frage des islamischen Fundamentalismus erhofft.

Die brutale Ermordung des Lehrers Samuel Paty reist die französischen Eliten aus ihren Illusionen – gerade von den Schulen hatte man sich eine Lockerung in der Frage des islamischen Fundamentalismus erhofft.

Siegfried Modola / Getty

Im Jahr 2020 über Religionskritik zu sprechen, ist schwierig, weil man schlecht die Gefechte des Mittelalters wiederaufleben lassen kann. Es stellt sich die Frage, wie Menschen kritisiert werden sollen, die im 21. Jahrhundert allen Ernstes behaupten, es gebe höhere Wesen, und sich also, ganz freiwillig und ohne Zwang, auf das geistige Niveau von vor ein paar hundert Jahren begeben. Nur zu gerne würde man sich auf den Austausch der besten Propheten-, Jesus- und Messiaswitze beschränken. Doch die letzten Dekaden haben gezeigt, dass das, was heute noch immer unter Religion firmiert, zu ernst ist, als dass man es allein mit den Mitteln humoristischer Kritik erledigen könnte – auch wenn nicht wenige religiöse Dogmen und Vorstellungen wie ein schlechter Witz erscheinen. Man denke nur an die Behauptung, Jihadisten, die sich auf israelischen Gemüsemärkten in die Luft sprengten, würden im Paradies mit ein paar Dutzend Jungfrauen belohnt.

Barbarei im Namen des Glaubens

Leider handelt es sich bei jihadistischen Terrorattacken und islamistischen Selbstmordanschlägen nicht um gedankliche Schrullen, sondern um eine blutige gesellschaftliche Praxis. Die Reaktionen auf den Karikaturenstreit von 2006, der Mordanschlag auf den dänischen Zeichner Kurt Westergaard von 2010, die Ermordung von Redaktionsmitgliedern der Zeitschrift «Charlie Hebdo» und nun die grauenvolle Enthauptung eines Pariser Lehrers, der im Unterricht einige Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte, verdeutlichen, dass Witze insbesondere über den Islam die Probleme dieser Religion eher verharmlosen, als dass sie diese erhellen. Lustig machen könnte man sich darüber, wenn das Ganze nur die Schrulle von ein paar lustfeindlichen Obskuranten wäre, sich unsinnigen Ernährungs-, Abbildungs- und Sexualvorschriften hinzugeben.

Es ginge darum, deutlich zu machen, inwiefern Religionen unterschiedlich weit entfernt sind vom Gedanken der Aufklärung und vom Geist der Kritik.

Es geht keineswegs ausschliesslich um die diversen Ausprägungen des Islam – jedoch aus gutem Grund in erster Linie um ebendiese. Selbstverständlich gilt es ebenso, gewaltbereiten christlichen Fanatikern entgegenzutreten, auch wenn diese die Gesellschaften, in denen sie leben, alles andere als dominieren. Doch kaum etwas kommt an die Barbarei heran, die immer wieder im Namen des Islam begangen wird: von den diversen Fraktionen der Muslimbruderschaft, vom Islamischen Staat und von anderen sunnitischen Fanatikern oder von der Islamischen Republik Iran.

Wenn seit Beginn des Jahrtausends ein paar harmlose Karikaturen einen Flächenbrand um den halben Globus auslösen können, wenn islamistische Todesschwadronen immer wieder wahllos «Ungläubige» ermorden, wenn politisch extreme Gruppierungen wie die Hamas Wahlen gewinnen, wenn ein esoterischer Auserwählter mit Vorliebe für feudalistische Herrschaftsstrukturen wie der Dalai Lama über alle politischen Grenzen hinweg als Vorbild ganzer Generationen fungiert, wenn die katholische und die russisch-orthodoxe Homophobie in Polen und in Moskau als militanter Mob in Erscheinung tritt, wenn also das schon tausendfach Totgesagte sich als ausgesprochen lebendig erweist – dann müsste man noch einmal zum Anfang zurück und sich die Grundlagen der Religionskritik vergegenwärtigen.

Gleichzeitig kann man aber nicht bei solch einer allgemeinen Religionskritik stehen bleiben. Es ginge darum, deutlich zu machen, inwiefern Religionen unterschiedlich weit entfernt sind vom Gedanken der Aufklärung und vom Geist der Kritik. Dass manche religiöse Strömung eine Vermittlung des Glaubens mit der Vernunft anstrebt, während andere diese für reines Teufelszeug halten. Dass es, worauf Max Horkheimer nachdrücklich hingewiesen hat, Formen von Religiosität wie den jüdischen Messianismus gibt, die primär die Sehnsucht nach dem ganz Anderen bewahren und damit auch den Gedanken an eine befreite Gesellschaft in welcher unzulänglichen Form auch immer aufrechterhalten, anstatt die falsche Realität mit den Mitteln der Gewalt zurechtrücken zu wollen. Kurz: Man müsste die moralischen Differenzen zwischen den Religionen thematisieren.

Konformistische Revolte

Man dachte, über Religion sei alles gesagt, und es ist schwierig, dem, was in den letzten 300 Jahren über den Götter- und Götzenglauben festgestellt wurde, viel Neues hinzuzufügen. Kant brachte Vernunft und Mündigkeit gegen den alten Gottesglauben in Anschlag, und Ludwig Feuerbach sah in der Religion die Projektion menschlicher Sehnsüchte. Marx beschrieb die Religion als Opium des Volkes, Freud ortete im Glauben kindliche Wunschvorstellungen, und Sartre betrachtete Religion völlig zu Recht als Bedrohung der menschlichen Freiheit.

Schon Marx ging Mitte des 19. Jahrhunderts davon aus, dass die Kritik der Religion bereits geleistet worden sei und man sich nun mit dem gesellschaftlichen Elend beschäftigen müsse, welches das Bedürfnis nach Religion erst hervorbringe. Er sah in der Religion noch einen Doppelcharakter: Sie sei Flucht aus dem Elend, aber auch «Protestation» gegen dieses Elend.

Doch sollte man diesen Protest nicht überschätzen, denn er vermag kaum zu den wirklichen Ursachen des Elends vorzudringen und bleibt durch sein Gefangensein in den religiösen Illusionen zumeist konformistische Rebellion. Angesichts der heutigen Stellung der christlichen Kirchen hat allerdings auch gegenwärtige, sich vornehmlich auf das Christentum konzentrierende Religionskritik im Vergleich zu ihren Vorläufern in früheren Jahrhunderten immer etwas von einer konformistischen Revolte von Leuten, die radikale Gesellschaftskritik scheuen und sich lieber in anklägerische Pose gegenüber schon längst Erledigtem werfen. Landeten Giordano Bruno und all die anderen Häretiker auf dem Scheiterhaufen, sind Witze über den Papst heute ähnlich subversiv wie die von sozial- oder christlichdemokratischen Mitteparteien vorgetragene Kritik am Kapitalismus.

Heute geht es unter anderem darum, vorbürgerliche Relikte im bürgerlichen Recht endlich zu beseitigen, also die Blasphemie-Paragrafen aus den Gesetzbüchern zu tilgen und überall dort, wo Religionsausübung jene wie auch immer beschränkten individuellen Freiheiten verletzt, welche die westlichen Gesellschaften nach der partiellen Emanzipation von christlichem Tugendterror und staatlicher Willkürherrschaft zumindest garantieren können, die Mindeststandards bürgerlicher Aufklärung durchzusetzen. Es gilt, die Bedingungen gesellschaftskritischer Reflexion – und Religionskritik wird einer der notwendigen Bestandteile solcher Reflexion bleiben müssen – aufrechtzuerhalten. Angesichts der Reaktionen, mit denen in den letzten Jahren insbesondere Vertreter des Islam mit kräftiger Unterstützung von Kulturrelativisten jeglicher Couleur auf Kritik geantwortet haben, müssen diese Bedingungen als bedroht bezeichnet werden.

Die emanzipatorischen Errungenschaften verteidigen

Grosse Teile der Linken überlassen die dringend notwendige Kritik des Islam oftmals Fremdenhassern von rechts, anstatt eine an einer allgemeinen Emanzipation und an einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung orientierte Kritik am islamischen Menschenbild zu formulieren. So gesehen ist es auch nicht verwunderlich, dass ganz so wie nach dem Mordanschlag auf Kurt Westergaard auch nach dem Lehrermord in Paris quer durch Europa die Medien ihren Lesern und Zusehern zwar von den «umstrittenen Karikaturen» berichteten, sich aber kaum jemand getraut, etwa die Abbildung Mohammeds mit Bomben-Turban nachzudrucken, die nach Tausenden jihadistisch motivierten Attentaten in den letzten Dekaden ebenso naheliegend wie in der ironischen Kritik moderat ist.

Es geht heute darum, die bürgerlichen Freiheiten von Islamkritikern wie Ayaan Hirsi Ali zu verteidigen, die den Propheten einen perversen Tyrannen genannt hat, von Hip-Hoppern, die Jesus als Bastard titulieren, und von israelischen Pop-Linken, die verkünden, der Messias werde nicht kommen. Warum die beiden Letztgenannten (ähnlich wie lange Zeit Manfred Deix) mit Kritik, Empörung und schlimmstenfalls mit aberwitzigen strafrechtlichen Konsequenzen leben müssen, Ayaan Hirsi Ali aber mit Morddrohungen und Kurt Westergaard mit Mordversuchen konfrontiert war, lässt sich nur erklären, wenn in Zukunft versucht wird, die Unterschiede zwischen den Religionen und ihrer jeweiligen Funktion in den heutigen Gesellschaften zu benennen.

Die Reaktion auf die entsetzliche Enthauptung eines Pariser Lehrers aufgrund seines selbstverständlichen Eintretens für die Bürgerkunde und das kleine Einmaleins der Aufklärung kann kein abstrakter Feld-Wald- und-Wiesen-Atheismus sein, dem alles eins ist. Wenn Linke und Liberale sich angesichts solcher Brutalität noch immer nicht zu einer konsequenten Kritik sowohl des radikalen Islamismus als auch jener Elemente des orthodox-konservativen Mehrheitsislam aufraffen können, welche die emanzipatorischen Errungenschaften westlicher Gesellschaften bedrohen, werden weiterhin ressentimentgeladene politische Formationen mit ihrer «Islamkritik» die Oberhand haben. Mit ihrem Antisemitismus, ihrer Misogynie und ihrer Homophobie sind die «Verteidiger des Abendlandes» bei weitem nicht so weit entfernt, wie sie ihrem Publikum gerne suggerieren.

Stephan Grigat ist Politikwissenschafter an den Universitäten Wien und Passau sowie Fellow am Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam und an der Universität Haifa. Er ist u. a. Autor von «Die Einsamkeit Israels: Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung».

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