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Switzerland

Wie eine junge chinesische Familie aus Zufall von ihrer Infektion mit dem Coronavirus erfuhr

Experten gehen davon aus, dass die offiziellen Statistiken über die Infizierten in China nur die Spitze des Eisbergs abbilden. Viele Chinesen sind infiziert, weisen jedoch kaum Symptome auf. Darum werden sie nicht erfasst.

Im Pekinger Spital Youan ist die medizinische Versorgung vergleichsweise komfortabel, 14. Februar.

Im Pekinger Spital Youan ist die medizinische Versorgung vergleichsweise komfortabel, 14. Februar.

Roman Balandin / Tass / Getty

Der Himmel über Peking ist wolkenverhangen. Feuchter Schnee fällt, es ist nasskalt und ungemütlich. Das Wetter passt zur depressiven Stimmung in der chinesischen Hauptstadt. Gute Nachrichten sind wegen des Coronavirus rar gesät. Der plötzliche Anstieg der Infektionen als Folge geänderter Erhebungsmethoden hat viele Chinesen zusätzlich verunsichert. «Ist die Situation doch viel schlimmer als bisher gedacht?», lautet eine oft gestellte Frage. Leichte Entwarnung gibt der an der Hong Kong University lehrende Pathologe John Nicholls. In einer Telefonkonferenz sagt er den teilnehmenden Journalisten mit schon fast beschwörendem Unterton, sie sollten im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus nicht immer den Zusatz «tödlich» verwenden. 

Nicholls erhält Unterstützung von einem ebenfalls an der Hong Kong University lehrenden Kollegen. Der Epidemiologe Benjamin Cowling gesteht zwar ein, dass man noch wenig über das neuartige Coronavirus wisse. Den Schweregrad ordnet er jedoch zwischen der Sars-Pandemie vor 17 Jahren am oberen und der jährlichen Grippewelle am unteren Ende der Skala ein. «Bei Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus gibt es im Gegensatz zu Sars viele Personen, die wegen einer nur leichten Erkrankung gar nicht merken, dass sie sich infiziert haben», sagt Cowling. «Und anders als bei der jährlichen Grippewelle sterben an dem neuartigen Coronavirus auch Jüngere mit einem eigentlich intakten Immunsystem», fügt er an.

«Zu Beginn hatte ich Angst»

Auch die Ärztin Xubin, die am Pekinger Spital Youan die Abteilung für Infektionskrankheiten leitet, ist bemüht, ihren Landsleuten die Angst zu nehmen. «Das Virus ist nicht so gefährlich, wie alle denken», betont sie. Sie wird von einer jungen, dreiköpfigen Familie begleitet, die am Freitag das Spital als von der Infektion geheilt entlassen darf und nach der Rückkehr eine Auflage zu erfüllen hat: In den kommenden zwei Wochen darf sie die Wohnung nicht mehr verlassen. Gemeinsam stehen sie einem kleinen Kreis ausländischer Journalisten Rede und Antwort. Die Geschichte der jungen Familie soll vielen Chinesen Mut machen und dem Ausland zeigen, dass es Fortschritte gibt.

Alle drei hatten am 29. Januar die Nachricht erhalten, dass sie mit dem neuartigen Coronavirus infiziert seien. «Ich hatte gar keine Symptome, unser einjähriger Sohn hatte wie mein Mann, der auch noch hustete, leichtes Fieber», sagt sie. Sie begleiteten Ende Januar eigentlich nur die Mutter und den Vater ihres Mannes ins Spital, weil diese sich unwohl fühlten. Das ältere Paar, das aus der zentralchinesischen Provinz Hubei, die als Epizentrum der Coronavirus-Krise gilt, stammt, war nach Peking gereist, um zusammen mit der Familie des Sohnes den Beginn des Jahres der Ratte zu feiern. Dieses Neujahrsfest werden sie wie der Rest der Chinesen nicht mehr vergessen. Statt wie in den Vorjahren ausgelassen zu feiern, zu essen und zu trinken, sitzt ganz China seit Wochen zu Hause und hofft auf bessere Tage.

«Im Krankenhaus hat man neben meinen Schwiegereltern auch uns getestet und anschliessend das Ergebnis mitgeteilt», sagt die schmächtige junge Frau, deren Gesichtszüge wegen der Atemschutzmaske und der Brille kaum zu erkennen sind. Die 31-jährige Li gibt offen zu, dass sie Angst gehabt habe, nachdem sie die Diagnose von den Ärzten erfahren habe.

Nur die Spitze des Eisbergs

Die Geschichte der dreiköpfigen Familie, die nur durch Zufall von der Infektion mit dem neuartigen Coronavirus erfuhr, passt zu der Annahme des Epidemiologen Cowling. Der Brite ist sich sicher, dass die offiziellen Zahlen nur die Spitze des Eisbergs darstellen, weil viele Infizierte wegen kaum wahrnehmbarer Symptome sich nicht testen lassen. Sie tauchen denn auch nicht in den offiziellen Statistiken auf.

Könnte man diese Dunkelziffer berücksichtigen, würde das neuartige Coronavirus etwas von dem Schrecken verlieren, das es verbreitet, so lautet die indirekte These von Cowling. Die Sterblichkeitsrate, definiert als Verhältnis aus Todesfällen und Zahl der Infektionen, würde so deutlich niedriger ausfallen. Der amerikanische Virologe Ian Lipkin hatte jüngst bereits darauf hingewiesen, dass der Wert wegen der vielen nicht erfassten Fälle eher bei ein Prozent liegen dürfte als bei den vor einer Woche noch berechneten zwei Prozent.

Die Ärztin Xubin betont, Li und ihr Gatte seien wegen des milden Verlaufs der Erkrankung mit traditioneller chinesischer Medizin behandelt worden. Bei schwereren Fällen setze man auf Antibiotika oder auch Sauerstofftherapie, fügt Xubin an. Die Zustände in dem renommierten und 1956 eröffneten Spital, das auch für die Behandlung von HIV-Infizierten bekannt ist, dürften im Vergleich mit jenen in Wuhan paradiesisch sein.

Auf dem chinesischen Festland gibt es bisher rund 64 000 offiziell gemeldete Infektionen, 372 davon in Peking. Und von den annähernd 1400 Toten kommen drei aus der Hauptstadt. «Unser ältester Todesfall war eine 94-Jährige, die noch mit anderen Krankheiten zu kämpfen hatte», sagt Xubin, die wie der Rest ihres Teams nicht zu Hause schläft, um die eigenen Familien nicht zu gefährden. 

Überfordertes Personal in den Spitälern

In Wuhan ist die Lage jedoch noch immer dramatisch. Der Ansturm auf die Spitäler ist riesig, wie Augenzeugen in den sozialen Netzwerken berichten. Der Pathologe Nicholls zieht Vergleiche mit der Sars-Pandemie vor 17 Jahren. «Damals wurden die Spitäler ebenfalls überrannt. Und das nicht gut vorbereitete Personal war überfordert», sagt er. Solche Spitäler zählen zu jenen Orten, wo sich viele Mitglieder des medizinischen Personals wegen der unhaltbaren Zustände bei den Patienten infizieren.

Das ältere Paar aus der Provinz Hubei, das die Familie seines Sohnes in Peking besucht hat, dürfte Glück im Unglück gehabt haben. Statt in der Heimat in überfüllten Spitälern auf Hilfe zu warten, ist es in Peking in den Genuss guter medizinischer Versorgung gekommen.

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