Switzerland

Wie die Leute richtig hiessen – das steht nun in ihrem Buch

Auf dem Land kennt man einander und weiss, wie der andere heisst. Könnte man meinen. Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn der erste Eindruck kann trügen. Das musste Helen Wehrli merken, als sie 1971 in das Heimatdorf ihres Mannes zog. Sie kam unter anderen in der Musik schnell in Kontakt mit den Menschen im Dorf und merkte, dass viele gar nicht so heissen, wie sie genannt werden. Der Name auf dem Dorf war nicht der gleiche wie Taufschein. Das zu durchschauen, ist nicht immer einfach und bietet auch Potenzial für ungewollt komische Situationen.

Dorfnamen existieren in vielen ländlichen Gebieten der Schweiz. Das sind Übernamen für Familiennamen. Sie wurden unter anderem vergeben, um die vielen gleich heissenden Familien auseinanderzuhalten. Doch die Dorfnamen sind eine aussterbende Gattung, heute werden praktisch keine neuen mehr vergeben und die alten geraten in Vergessenheit oder sterben mit ihren Trägern. Helen Wehrli war fasziniert von den Dorfnamen und beschloss, ein «Büechli», wie sie selber sagt, anzufertigen, in dem sie die Namen festhalten würde. Herausgekommen ist der 400-seitige, grossformatige und reich bebilderte Band «Chüttiger Dorfnäme und wie die Lüüt richtig gheisse händ». Und Helen Wehrli blieb nicht allein mit ihrer Faszination für die Dorfnamen: Sie stiess bei ihren Recherchen ziemlich schnell auf ihren zukünftigen Co-Autoren René Graf. Zusammen investierten sie unzählige Stunden, um die Küttiger Dorfnamen festzuhalten, bevor sich niemand mehr an sie erinnert.

René Graf (79) ist ein waschechter Küttiger. Als Mechaniker für die Swissair hat er die Welt gesehen und ist immer wieder nach Küttigen zurückgekehrt. Als Kind waren die Dorfnamen für ihn eine Selbstverständlichkeit. «Ich wusste manchmal gar nicht, wie die Leute richtig heissen», sagt er. In Küttigen gibt es genau genommen 13 eigentliche Dorfgeschlechter, schreiben Wehrli und Graf. Ihre beiden Familiennamen gehören dazu.

Motive für die Vergabe von Dorfnamen gab es zahlreiche. Zum Beispiel der Beruf – Förstergottlieb – oder der Ort des Hofs – Gräbacher Grafe, Aare- und Kanal-Heiri. Auch Frauen erhielten Dorfnamen oder konnten sogar welche schaffen. Sara Wehrli soll gemäss dem Küttiger Geschichtsschreiber Daniel Bolliger (Horepuur) «energisch gewesen sein». Sie heiratete einen Bolliger, ihr Sohn und seine Sippschaft erhielten den Dorfnamen Sari für Sara. Den Überblick über alle Familien und ihre echten und dörflichen Namen zu behalten, dürfte schwierig gewesen sein. Allein für Wehrli listet das Buch über 50 Dorfnamen auf. Helen Wehrli gehört zum Vizi-Zweig. Dieser Dorfname kommt vom Urahn Karl (geb. 1862), der Vizeammann war.

Den Küttigern auf den Zahn gefühlt

Das Buch von Helen Wehrli und René Graf ist viel mehr als eine Auflistung von Dorfnamen. In unzähligen Gesprächen haben sie bei den Küttigern nachgefragt und gebohrt, Taufregister und Archive nach Stammbäumen und Fotos durchforstet. Auf etlichen historischen Aufnahmen können ernst dreinblickende vergangene Küttiger im Fotostudio oder der Dorfszenerie betrachtet werden. Wenn Bilder mit Menschen zu finden waren, haben Wehrli und Graf die Wohnhäuser der Familien abgebildet. Von der Kommission Kulturgut Küttigen haben sie viele alte Glasnegative erhalten. Die gelernte Fotolaborantin Helen Wehrli hat das Layout für das ganze Buch selber gestaltet und in den Druck geschickt. Eine Arbeit, die ihr Spass machte. Wenn sie am Computer am Buch arbeitete, konnte sie schnell mal die Zeit vergessen. Wenn ein Bild von einem Chüttiger fehlte, rückte sie aus, um es selber zu machen.

René Graf gehört zu den Gräbacher Grafe. Die Stammväter dieses Zweigs wohnten im Gräbacher zu Horen. Bei manchen Dorfnamen konnten Wehrli und Graf nicht herausfinden, woher sie kommen. Die ­Piats und die Stähelins waren so wenige – oder ohne herausragende Mitglieder? –, dass keine Dorfnamen bekannt sind. Aber auch diese Familien sind im Buch vertreten. Das Werk von Wehrli und Graf bietet einen umfassenden Überblick über das Dorf und seine Geschichte. Ein Standardwerk für alle mit und ohne Dorfnamen.