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Wie die Coronakrise aus Gewohnheitstieren wieder kreative Menschen macht

Das Virus hat unsere Agenden leer geräumt. Das ist das Einzige, wofür man dieser aufdringlichen Corona ein bisschen dankbar sein darf. Nach jahrzehntelanger, pausenloser Produktivität darf der verkümmerte Homo ludens in uns endlich mal von der Leine gelassen werden. In den Wohnungen, in die wir uns zurückgezogen haben, tobt derzeit ein Wettbewerb der Ideen. Wer die Aktivitäten in den sozialen Medien verfolgt, darf neben der tiefschwarzen Prognose für unsere Gesundheit und unsere Wirtschaft zumindest eine optimistische stellen: Ein paar Menschen werden in Post-Coronazeiten ein neues Leben beginnen: Man hat verschüttete Hobbys wiederentdeckt, endlich zu kochen gelernt und nach vielen Ehejahren herausgefunden, dass da ein interessanter Mensch mit einem unterm selben Dach wohnt (die Feststellung des Gegenteils ist natürlich nie ausgeschlossen).

Influencer haben gegen handgebastelte Beiträge keine Chance

Influencer haben radikal an Einfluss verloren. Hat sich die Menschheit mal abgesehen vom kollektiven Erlebnis einer Fussballweltmeisterschaft je so geeint gefühlt wie in dieser Pandemie? Die hochglanzpolierten Instagram-Fotos von Influencern haben dieser Tage angesichts der vielen charmanten handgebastelten Beiträge Unbekannter keine Chance. Wen interessieren schon Reiseberichte und Kosmetikprodukte? Nicht das Streben nach Einzigartigkeit und Perfektion, sondern der Wunsch nach Synchronizität treibt die Menschen derzeit an. Man will Teil einer weltweiten Schicksalsgemeinschaft sein.

Die Wohnung als Affe neu entdecken.

Allein unter dem Hashtag #stayathome tummelt sich auf Twitter eine unüberschaubare Menge an Memes und anderen kreativen Wortmeldungen. Für die #stayathomechallenge nutzen Menschen Toilettenpapier, das Schürfgold der Coronakrise, für Jonglage, als Fitnessgerät oder modisches Accessoire. Aus Langeweile zupft man «Lemon Tree» von Fools Garden auf der Gitarre rum, die man unterm Bett entdeckt hat. Pianisten reinigen ihr Instrument mit der Corona-Etüde, die mit einem Reinigungstuch in der Hand virtuose Tastensprünge fordert. Eine Freundin erkundet ihre Wohnung aus der Affenperspektive und klettert die Türrahmen hoch, eine andere bastelt für ihre Katzen einen Hindernislauf aus Schnüren, ein Dritter lässt Armeen von Gummibärchen in seinem Wohnzimmer aufmarschieren, ein Vierter führt ihren Hund mit einer Drohne aus.

Während die praktisch Veranlagten für ihre Kernfamilie Mehrgangmenus kochen, nutzen Clubgänger ihre Kochplatten als Mischpult und erzeugen mit dem Licht ihrer Abzugshaube Stroboskop-Effekte. Wie Häftlinge in einer Zelle arbeiten diese gelangweilten Stubenhocker ihren Schaffensdrang an dem ab, was sie in ihren paar Quadratmetern Wohnraum so vorfinden. Und wenn das nicht reicht, nutzt man halt seine Fantasie und zeichnet Architekturpläne vom persönlichen Traumhaus oder stellt Wanderwegweiser in die eigenen vier Wände, die einem den Weg in die Küche weisen, um das Gefühl von Weltläufigkeit nicht zu verlieren.

Und weil die Welt da draussen tatsächlich ziemlich leer geworden ist, hatte der argentinische Art-Director Pedro Mezzini den genialen Einfall, die Menschenmassen auf den kultigen «Wo ist Walter?»-Wimmelbildern des Briten Martin Handford einfach wegzuretouchieren. «Wo ist Walter?» gibt es auch in einer Social-Distancing-Version des US-Cartoonisten Clay Bennett. Die Figuren halten da streng die 2-Meter-Regel ein. Pech nur für Walter, der plötzlich ziemlich exponiert ist.

Mit den Nachbarn «Schiffe versenken»

Wahrscheinlich ist es gerade diese neue Exponiertheit im öffentlichen Raum, die manches Menschenexemplar neuerdings dazu ermutigt, seinen Müll im Dino-Ganzkörperkostüm zu entsorgen. Der öffentliche Raum ist kein Tummelplatz mehr, sondern eine Bühne für Einzelaktionen. Mithilfe der sozialen Medien verabredet man sich, tanzt und singt auf Balkonen wie in Italien, oder spielt «Schiffe versenken», sich die Koordinaten durchs Fenster zurufend, mit den Nachbarn wie in Spanien. Oma seilt für den Enkel die Banane an einem Seil die Hauswand ab. Für den Nachbarn plakatiert man unnützes Wissen an die Balkonwand.

Diese Aktionen sind in bester Gesellschaft mit den in leeren Clubs auflegenden DJ’s, Netflix-Partys mit Chatfunktion, Waldkonzerten für Jogger, Online-Literaturfestivals, digitalen Museumsbesuchen, Hauskonzerten auf Instagram und neu gegründeten Podcast-Projekten. Und dennoch gehen sie nicht für alle weit genug. Der Berner Kabarettist Christoph Simon hat auf Facebook vor wenigen Tagen ein Gitarrengeschrummel auf seinem Balkon veröffentlicht: Ein zorniges «Fuck Homeoffice!» schreit er da in die Welt. Die Menschen fehlen einem eben doch, irgendwie.

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