Switzerland

Wie die Bauern ihre Pestizide in den Griff bekommen

Dass die Schweizer Landwirtschaft auf dem Gebiet des Umweltschutzes eine Pionierin ist, entpuppt sich immer mehr als Mythos. Das Beispiel Dänemark zeigt derweil, wie eine nachhaltigere Agrarpolitik funktionieren könnte. 

Weizenernte auf Jütland: Eine Lenkungsabgabe hat in Dänemark den Einsatz von Pestiziden um 40 Prozent reduziert.

Weizenernte auf Jütland: Eine Lenkungsabgabe hat in Dänemark den Einsatz von Pestiziden um 40 Prozent reduziert.

Henning Bagger / Reuters

Man wähnt sich manchmal in verschiedenen Welten: Die Schweizer Landwirtschaft sei eine Pionierin in Sachen umwelt- und tierfreundlicher Produktion, verkündete der Schweizer Bauernverband an der diesjährigen Medienkonferenz. «Aber unsere Leistungen und Bemühungen für eine intakte Umwelt und sauberes Wasser erfahren in diesen Tagen kaum Beachtung», fügte Martin Rufer, der designierte Direktor des Schweizer Bauernverbands, an. Verschiedene Erhebungen gelangen derweil zu dem Schluss, dass die Landwirtschaftspolitik in kaum einem Bereich der Umweltgesetzgebung die vorgegebenen Ziele erreicht. Das Grundwasser weise zunehmend Verunreinigungen auf, die mehrheitlich aus der Landwirtschaft stammten, lautete beispielsweise das Fazit eines jüngst veröffentlichten Berichts des Bundesamts für Umwelt, der sich auf landesweit durchgeführte Messungen und Analysen stützt. Das Hauptproblem seien Rückstände von Pestiziden und Dünger. 

Aktivismus statt konsequente Problemlösung

In der Bevölkerung steigt die Skepsis gegenüber einer Landwirtschaft, die jährlich Milliarden an Subventionen zugesprochen bekommt, den in der Verfassung verankerten Auftrag einer nachhaltigen Produktion jedoch wenig ernst zu nehmen scheint. Darauf lassen die sich häufenden Initiativen schliessen, die eine ökologischere Landwirtschaft fordern – darunter die Trinkwasserinitiative, der Vorstoss für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide, die geforderte Abschaffung der Massentierhaltung sowie die Biodiversitäts- und die Landschaftsinitiative.

Dass hierbei Handlungsbedarf besteht, hat nun auch der Bundesrat erkannt. Laut seiner am vergangenen Donnerstag präsentierten Botschaft zur Agrarpolitik sollen Bauern dazu angehalten werden, den Ausstoss von Treibhausgasen zu reduzieren und zur Erreichung der Klimaziele beizutragen. Der Trinkwasserinitiative, die in der Bevölkerung auf viel Zuspruch stösst, soll eine Alternative in Form eines Massnahmenpakets gegenübergestellt werden. Dieses reicht von einem verbindlichen Absenkpfad für Stickstoff- und Phosphorüberschüsse, weiteren Einschränkungen von risikoreichen Pflanzenschutzprodukten, zusätzlichen Offenlegungspflichten bis zur Reduktion der maximalen Düngerausbringung. Mit anderen Worten: weniger Dünger, weniger Pestizide und strengere ökologische Anforderungen für den Erhalt von Direktzahlungen.

Es handle sich um einen Schritt in die richtige Richtung, erklärt Andreas Bosshard von Vision Landwirtschaft, einer Denkfabrik von ökologisch gesinnten Agrarexperten. Doch im Grossen und Ganzen überwiege in der bundesrätlichen Agrarbotschaft administrativer Aktivismus statt eine konsequente Problemlösung. Zusammen mit einer breit abgestützten Agrarallianz, die auch bäuerliche Organisationen einschliesst, fordert Vision Landwirtschaft bei den Stickstoffemissionen und den Pestiziden verbindliche Zielvorgaben, die die Einhaltung des Umweltrechtes bis ins Jahr 2035 sicherstellten. Bei Nichterreichung von Zwischenzielen müssten zwingend Lenkungsabgaben oder ähnlich effiziente, wissenschaftlich abgestützte Instrumente eingesetzt werden.

Dass es Länder gibt, die diesen Weg bereits erfolgreich beschreiten, zeigt derweil das Beispiel Dänemark: Es setzt seit 2013 bei Pflanzenschutzmitteln auf das Instrument der Lenkungsabgabe. Damit werden die Kosten von Pestiziden verteuert, so dass sie heute deutlich zurückhaltender eingesetzt werden. «In Dänemark wird heute kaum mehr vorbeugend oder nach fixen Spritzplänen gespritzt, sondern nur noch, wenn es für die Sicherstellung des Ertrages unumgänglich ist», sagt Bosshard. Mit dieser relativ einfachen Massnahme konnte der dortige Pestizideinsatz gegenüber dem Jahr 2011 um mehr als 40% verringert werden.

Dänemark habe eine sinnvoll ausgestaltete Lenkungsabgabe eingeführt, erklärt Robert Finger, Professor für Agrarökonomie und Agrarpolitik an der ETH Zürich. Gestützt auf den sogenannten Load Indicator, der die potenzielle Gefährdung für Mensch und Umwelt quantifiziert, werden die Pflanzenschutzmittel in Risikogruppen eingeteilt. Je stärker ein Pestizid die menschliche Gesundheit, Tiere und Pflanzen potenziell belastet und je grösser sein möglicher Schaden für die Böden, desto höher die Abgabe. Mit diesem Load Indicator wird auch das avisierte Ziel, das Risiko von Pflanzenschutzmitteln massgeblich zu senken, gemessen. Zudem werden die erforderlichen Daten in Dänemark für jeden Betrieb detailliert erhoben.

Die Lenkungsabgabe wirkt

Im Gegensatz dazu geben in der Schweiz bloss die Verkaufszahlen von Pflanzenschutzmitteln Rückschlüsse über deren Einsatz. Ein weiterer Unterschied, der besonders frappant ist: Im Gegensatz zu Dänemark, das den Einsatz von Pestiziden deutlich verteuert, werden Pflanzenschutzmittel in der Schweiz künstlich verbilligt – für sie gilt ein reduzierter Mehrwertsteuersatz von 2,5%.

Die Wirkung einer Lenkungsabgabe ist im Urteil von Finger bemerkenswert: Zum einen würden besonders gefährliche Pestizide durch weniger schädliche Mittel ersetzt. Und der monetäre Anreiz sei gross, auf giftige Pestizide gänzlich zu verzichten und stattdessen auf alternative Strategien auszuweichen. Zum anderen wird laut dem Experten der ETH durch eine Lenkungsabgabe der Einsatz neuer Technologien wie der Präzisionslandwirtschaft, die den sparsameren Gebrauch von Pestiziden bezwecken, attraktiver. 

Ein zentrales Element der dänischen Lenkungsabgabe ist, dass deren Einnahmen wiederum an die Bauern zurückfliessen – der grösste Teil davon in Form von reduzierten Landsteuern. Ein weiterer Teil kommt landwirtschaftlichen Fonds zugute, die Forschung und Entwicklung im Agrarsektor finanzieren. Die vor der Einführung der Lenkungsabgabe verbreitete Befürchtung der Bauern, dass einige Pflanzen bald nicht mehr in Dänemark angebaut würden, hat sich jedenfalls nicht bewahrheitet. Die Ausfuhrmengen des Landes, das rund zwei Drittel seiner landwirtschaftlichen Produkte exportiert, konnten in den zurückliegenden Jahren konstant gehalten werden. Auch für den dänischen Steuerzahler zahlt sich die hochspezialisierte, offene und umweltschonende Landwirtschaft aus – und zwar nicht nur in Form nachhaltig produzierter Nahrungsmittel: Das dänische Agrarbudget, das in den kommenden Jahren zurückgefahren werden soll, beträgt laut Vision Landwirtschaft gegenwärtig rund 1 Mrd. Fr. pro Jahr, verglichen mit 3,6 Mrd. Fr. in der Schweiz.