Switzerland

Wie das Märchen zum Albtraum wurde

War am Ende gar das grosse Fest der «Dea», die schönste Stunde in der Vereinsgeschichte von Atalanta Bergamo, der Treiber des Leids? Der Trigger der Eskalation?

In Italien fragt man sich, wie es kommen konnte, dass ausgerechnet Bergamo und die Ebene und die Täler rund um die Provinzstadt im Norden, das «Bergamasco», so dramatisch getroffen ist von der Pandemie, wie keine andere Gegend der Welt – allein in der vergangenen Woche zählte man da 400 Tote. Und immer wieder geht die Erinnerung zurück zum 19. Februar, einem Mittwoch.

An jenem Tag fand das Achtelfinale in der Champions League zwischen Atalanta und dem FC Valencia statt. Atalanta in der Königsklasse? Das ist noch immer ein Märchen, obwohl es ja schon eine Weile andauert. Ein Verein mit kleinem Budget und Spielern, deren Namen man sich erst mal merken muss, spielt mit den Grossen mit, seit einigen Jahren, frisch, schnell und harmonisch, mit wirbligen Automatismen, die so manchen Gegnern den Kopf verdrehen. «Dea» übrigens, Göttin eben, nennt sich der Club, weil er in seinem Wappen eine weibliche göttliche Kreatur mit wallendem Haar trägt.

Der Schweizer Remo Freuler ist Teil des Atalanta-Märchens. (Bild: Keystone)

Für das historische Spiel buchte man das Stadion San Siro. Mailand ist nur fünfzig Kilometer von Bergamo entfernt, auf der A4, da kommt man einfach hin. Das eigene Stadion, das «Gewiss Stadium», ist zwar gerade erst ein bisschen modernisiert worden, die Curva Nord, das Herz, ist schon ganz neu. Doch 21'000 Plätze reichten nirgends hin, die Anfrage war massiv, es ging um Millionen für die Clubkasse. Am Ende sollten 44'236 Zuschauer zur Begegnung kommen, das gab es noch nie. 2500 reisten aus Valencia an, alle anderen aus dem Bergamasco. 540 kamen allein aus dem Val Seriana, einem Tal mit viel Industrie – und einem Infektionsherd. Aber so genau wusste man das damals noch nicht. Es hatte zwei Fälle gegeben, im Krankenhaus von Alzano Lombardo – aber was sind schon zwei Fälle?

Von einer Absage der Begegnung sprach niemand, nicht einmal eine Austragung ohne Zuschauer wurde ernsthaft geprüft, niemand hatte Angst. Die alarmierenden Berichte aus Codogno, der ersten «Zona rossa» Italiens, sollten erst zwei Tage später kommen, am 21. Februar. Dennoch hing der Partie das Label «hohes Risiko» an, aus einem anderen Grund: Die Ultras von Valencia sind mit jenen von Inter Mailand verbrüdert, die von Atalanta eher mit jenen vom AC Mailand, da war viel Zündstoff drin. Deshalb sorgte man sich, nicht wegen Corona.

Den Begriff «Social Distancing» gab es da noch nicht

Und dann passierte gänzlich Unverhofftes: Die Brüder der Rivalen verschwesterten sich mit den Feinden. Der Lokalsender Bergamo TV zeigte Bilder von der Piazza del Duomo in Mailand, wo Fans beider Vereine miteinander lachten, sich gegenseitig fotografierten, alles sehr zivilisiert. Der Sender sprach von einem «Sportfest». Dann nahmen alle die U-Bahn, Linie 5, raus in den Stadtteil San Siro. Man musste früh dort sein, weil die Polizei die Ultras genau kontrollieren wollte. Vor den Toren des Stadions standen die Fans eng an eng an Imbissständen. Man war ausgelassen fröhlich, die Bierbecher wurden zum Trinken herumgereicht. «Social Distancing»? Den Begriff gab es noch gar nicht. Die Szenen waren so aussergewöhnlich, dass sich Augenzeugen nun im Detail daran erinnern. Es waren auch viele ältere Bergamasken dabei, solche, die der «Göttin» auch die Treue hielten, als die in den unteren Ligen dämmerte – Serie C, Serie B.

Dann kam das Spiel, es sollte eine Demonstration der «Dea» werden, 4:1. Zwei Tore schoss der Holländer Hans Hateboer, als wäre er Cristiano Ronaldo. Nun könnte man denken, dass 44'000 Zuschauer in einem Stadion mit fast doppelt so vielen Plätzen nicht eben gedrängt besetzt ist. Doch im San Siro ist der oberste Ring schon eine Weile geschlossen, weil die Statik offenbar prekär ist. Für das Spiel öffneten sie nur genau so viele Sektoren wie exakt nötig. So standen die Fans so nahe beieinander, als wäre der Laden gestopft voll. Und was gab es zu feiern, zu herzen, zu küssen. 4:1!

Hans Hateboer schoss für Atalanta Bergamo zwei der vier Treffer beim 4:1-Sieg im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals gegen Valencia. (Bild: Keystone)

Nun spricht man in Italien von der «Partita zero», dem Spiel null, oder von «Stadio zero». Zwei Wochen nach dem Achtelfinale, nach Ablauf der Inkubationszeit, explodierten die Fallzahlen in Bergamo und Umgebung, das Crescendo hält noch immer an. Und so prüft der Krisenstab des nationalen Zivilschutzes jetzt die These, wonach Atalanta gegen Valencia die Tragödie in den Tälern und den Ebenen des Bergamasco erst richtig beschleunigt hat. Einfach ist die Recherche nicht, es ist viel Zeit vergangen.

Doch die Experten sind sich einig. Ein römischer Virologe etwa gab zu bedenken, dass in der kollektiven Euphorie so viel Schleim und Speichel in der Luft waren, dass sich viele ansteckten. Massimo Galli, ein renommierter Virologe und Oberarzt des Mailänder Krankenhauses «Sacco», sagte es so: «Die Epidemie war wohl schon einige Wochen davor auf dem Land ausgebrochen und war viel grösser, als wir dachten, in den Fabriken, an Landwirtschaftsmessen und in den Bars der Dörfer. Die Tatsache aber, dass sich im Stadion Leute aus derselben Ecke des Landes zu Zehntausenden drängten, könnte ein wichtiger Faktor für die Ausbreitung gewesen sein.»

Das Val Seriana ist seitdem ein Hotspot geworden. Im Krankenhaus von Alzano steckten sich viele Ärzte und Pfleger an, zunächst ohne es zu merken. Man wollte einfach weitermachen. Die Bergamasken sind stolz darauf, ein arbeitsames Volk zu sein – knorrig, spartanisch, eigen. Man neigt dazu, Risiken kleinzureden, nichts soll die Arbeit stoppen. Der Arbeitgeberverband von Bergamo liess die Kunden in aller Welt, die mit Sorge nach Italien schauten, noch Ende Februar wissen: «Bergamo is running.»

Josep Ilicic war der Mann des Rückspiels. (Bild: Keystone)

Zum Rückspiel, am 10. März, war dann natürlich alles anders. Das Mestalla, das Stadion Valencias, blieb gesperrt. Es gab Diskussionen, ob überhaupt gespielt werden sollte, andere Begegnungen waren schon verschoben worden. Doch man hielt an dem Termin fest, trotz viel Skepsis, und obschon es in der Gegend von Valencia schon eine Menge Infektionsfälle gab. Wieder gewann Atalanta, 4:3, alle vier Tore erzielte Josep Ilicic. Er ist der Star der Mannschaft.

Die erstaunliche Qualifikation für das Viertelfinale wurde in Italien gefeiert, als wäre es eine nationale Revanche gegen das Schicksal, eine kleine, flüchtige Freude.

Kike Mateu, ein Sportjournalist der spanischen Zeitung «El Mundo», 44 Jahre alt, konnte nicht dabei sein. Er war nach dem Hinspiel in Mailand positiv getestet worden, er litt an trockenem Husten und an Fieber. 23 Tage sollte er im Krankenhaus bleiben, mit den Bildern von der Piazza del Duomo und vom Gedränge in der Mailänder Metrolinie 5 im Kopf. «Wahrscheinlich steckte ich mich in der U-Bahn an», sagte er der Zeitung «La Repubblica», «ziemlich sicher».

Kein Bergamo-Spieler ist infiziert

Nur Tage nach dem Ausscheiden gab der FC Valencia bekannt, dass fünf Spieler ihres Kaders den Erreger in sich trugen, bald waren es 35 Prozent des gesamten Mitarbeiterstabs. Doch ob sie sich tatsächlich in Mailand angesteckt haben? Valencia spielte zwischen den zwei Terminen mit Atalanta in der spanischen Meisterschaft auch gegen Deportivo Alavés, den Verein aus Vitoria. Und dort hatten sich kurz davor sechzig Menschen bei einer Beerdigung angesteckt.

In Italien klagen mittlerweile mehrere Vereine über Ansteckungen, vor allem Sampdoria Genua und Juventus Turin. Zuletzt wurde der Fall von Paulo Dybala bekannt. Von der «Dea» hingegen ist bisher kein einziger Spieler positiv getestet worden, wie durch ein Wunder.