Switzerland

Weshalb an der «Zurich Pride» auch am Stadthaus Regenbogen-Flaggen gehisst werden

Bisher waren lediglich an vier Anlässen im Jahr alle offiziellen Masten der Stadt Zürich beflaggt. Nun kommt die Zurich Pride dazu – wegen seiner internationalen Ausstrahlung.

Bei der «Zurich Pride» gilt künftig sogenannte Vollbeflaggung.

Bei der «Zurich Pride» gilt künftig sogenannte Vollbeflaggung.

Karin Hofer / NZZ

Die Stadt Zürich überlässt nichts dem Zufall, und so erstaunt es nicht, dass es ein offizielles Beflaggungsreglement gibt. Das 42-seitige Papier gibt vor, bei welchen Anlässen an den städtischen Masten welche Flaggen zu sehen sind, und auch, in welcher Reihenfolge diese gehisst werden müssen. Lediglich vier Mal im Jahr wurden bisher sämtliche 18 Standorte der Stadt mit insgesamt 135 Flaggen behängt, nämlich am Sechseläuten, am 1. Mai (Tag der Arbeit), am Nationalfeiertag sowie am Knabenschiessen. 

Nun kommt ein weiterer Anlass hinzu. Ab diesem Jahr werden auch während dem LGBT-Festival «Zurich Pride» alle Masten geschmückt. Damit hängen am Anlass gut doppelt so viele Flaggen wie bisher. Der Stadtrat hat dafür eigens eine Sonderbewilligung für den Zeitraum von 2020 bis 2026 gewährt, wie es im Sitzungsprotokoll des Gremiums vom 5. Februar heisst.

Flaggen wehten bereits im letzten Jahr

Zur Begründung führt der Stadtrat aus, dass die «Zurich Pride» in der Tradition der weltweiten Pride-Bewegung stehe, die sich für die Sichtbarkeit, Akzeptanz und rechtliche Gleichstellung von nicht-heterosexuellen Lebensweisen einsetze. Die Festivals fänden gleichzeitig in vielen Städten rund um den Globus statt. Kurz: Es handelt sich um einen internationalen Anlass und für solche kann der Stadtrat gemäss Beflaggungsreglement eine Vollbeflaggung bewilligen.

Die Zurich Pride ist das grösste jährlich stattfindende Festival der LGBT-Gemeinschaft in der Schweiz. Rund 55 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren bei der letzten Ausgabe durch die Zürcher Innenstadt gezogen, um für eine offene Gesellschaft und mehr Gleichberechtigung zu demonstrieren. In diesem Jahr steht der Anlass, der Mitte Juni über die Bühne gehen wird, unter dem Motto «Bekenne Farbe gegen Hass».

Mit der Sonderbewilligung reagiert die Stadtregierung auf ein Postulat des SP-Gemeinderäte Alan Sangines und Vera Ziswiler. Diese hatten in ihrem Vorstoss vom Herbst 2018 gefordert, der Stadtrat solle prüfen, wie er während dem Festival eine Vollbeflaggung sicherstellen könne. Das Anliegen war im September 2019 mit grosser Mehrheit vom Gemeinderat an den Stadtrat überwiesen worden.  

Bei der Debatte im Rat erklärte Sangines, die Regenbogen-Beflaggung sei ein starkes Bekenntnis dafür, dass die offizielle Stadt hinter der Gleichstellung und den Rechten und dem Schutz der LGBT-Gemeinschaft stehe. Dies sei vor allem angesichts der gewalttätigen Attacken gegen Homosexuelle wichtig. «Die Gleichstellung und der Schutz sind nicht verhandelbar.» Eine Regenbogen-Offensive sei im übrigen auch durch die grosse Bedeutung des Anlasses gerechtfertigt.

Bereits anlässlich der letztjährigen «Zurich Pride» wehten an Amtshäusern und VBZ-Fahrzeugen Regenbogen-Flaggen. Die Organisatoren hatten dafür anlässlich ihres 25-Jahr-Jubiläums bei den industriellen Betrieben und dem Hochbaudepartement einen Antrag gestellt, welcher auch bewilligt wurde. In den nächsten Jahren braucht es ein solches Gesuch nun allerdings nicht mehr.

Bis 2026 beschränkt hat der Stadtrat die Sonderbewilligung wegen der Lebensdauer der regenbogenfarbenen Stoffe. Diese beträgt – je nach Witterung – fünf bis sechs Jahre. Zum Vergleich: Die Zürich-Flagge am Bürkliplatz, die das ganze Jahr über Wind und Wetter ausgesetzt ist, muss nach rund einem halben Jahr wieder ersetzt werden.

Flaggen im Trend

Nicht nur an der Zurich Pride sind Flaggen beliebt. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Anlässe mit Beflaggung laufend erhöht. Im vergangenen Jahr kamen insgesamt 19 Veranstaltungen in den Genuss einer sogenannten Teilbeflaggung, wie es auf Anfrage bei der Stadt heisst. Dazu gehört etwa der Dies academicus, das Züri Fäscht, die Street Parade oder das Züri Film Festival.

Das war bei der Publikation des städtischen Beflaggungsreglements 2009 noch nicht in diesem Ausmass der Fall gewesen. Aufgeführt waren damals neben den vier Anlässen unter Vollbeflaggung erst sechs andere Veranstaltungen, die vom Stadtrat für würdig für eine offizielle Beflaggung befunden wurden.

An den 19 Veranstaltungen mit sogenannter Teilbeflaggung bleibt das Stadthaus ausgespart. Doch dürfen die Flaggen auf der Bahnhofbrücke flattern, auf der Quaibrücke, am Utoquai, auf der A 1 Wallisellenstrasse, der A 3 Europabrücke, der A 3 Wollishofen und mit 25 Quadratmetern am Bürklisteg bei den Zürichsee-Schiffen. 

Den Veranstaltern von Anlässen steht es allerdings nicht frei, welchen Stoff sie an den städtischen Masten hissen lassen. In den Ausführungsbestimmungen ist unter anderem festgehalten, welche Masse die Flaggen aufweisen müssen, wie sie gehisst und welche Art überhaupt zugelassen sind. Generell nicht erlaubt sind nämlich Flaggen für Kundgebungen und Werbezwecke sowie das Aufführen von Werbepartnern.

Im Todesfall auf Halbmast

Auch bei Naturkatastrophen und anderen ausserordentlichen Ereignissen sieht das Reglement eine Beflaggung vor. Bei solchen Ereignissen werden die Flaggen auf dem Turm des Stadthauses und weiteren Standorten auf Halbmast gehisst. So gehandhabt wird dies auch beim Tod eines amtierenden Stadtrats oder einer Regierungsrätin. Eine Beflaggung auf Halbmast kommt allerdings sehr selten vor, wie die Stadt Marc Huber, Sprecher von Immobilien Stadt Zürich, auf Anfrage schreibt. Letztmals war eine Trauerbeflaggung nach dem Tsunami im Dezember 2004 angeordnet worden.