Switzerland

Wenn die Schweizer Ärzte einen neuen Präsidenten wählen, sind Ränkespiele inbegriffen – dieses Mal virtuell

Am Mittwoch wird das Präsidium des Ärzteverbands FMH neu besetzt. Die Wahl ist chronisch unberechenbar, der amtierende Präsident ist das beste Beispiel dafür.

Jürg Schlup wurde 2012 reichlich spontan als Präsident der Schweizer Ärzte gewählt, daraufhin musste er rasch seine Praxis an einen Nachfolger übergeben.

Jürg Schlup wurde 2012 reichlich spontan als Präsident der Schweizer Ärzte gewählt, daraufhin musste er rasch seine Praxis an einen Nachfolger übergeben.

Marcel Bieri / Keystone

Von einem Tag auf den anderen wurde sein Leben auf den Kopf gestellt. Jürg Schlup liess sich im Juni 2012 quasi vom Fleck weg als Präsident des Ärzteverbands FMH wählen. Eben noch war er Hausarzt in Zollikofen, nun stand er plötzlich an der Spitze eines der einflussreichsten Verbände des Landes. Die FMH zählt über 42 000 Ärztinnen und Ärzte als Mitglieder, in ihrem Generalsekretariat arbeiten gut 100 Personen. Das Präsidium ist kein Nebenamt, sondern eine Vollzeitstelle, oder eher noch mehr als das. Schlup blieben damals wenige Wochen, um seine Praxis abzugeben.

Nun tritt der Berner ab. Am Mittwoch wird die Ärztekammer, das 200-köpfige Parlament der FMH, seine Nachfolge regeln. Und wieder ist der Ausgang unberechenbar. Das hat bei den Ärzten Tradition. Bei Schlups Wahl schienen die Fronten im Vorfeld klar. Der amtierende Präsident Jacques de Haller, der kurz zuvor für die SP als Nationalrat kandidiert hatte, wollte sich wieder wählen lassen. Doch nach acht Jahren im Amt hatte sich der Genfer intern viele Gegner gemacht. Als Gegenkandidat ging der Zürcher Urs Stoffel ins Rennen.

Spontane «Saalkandidaturen» haben Tradition

Alles schien nach Drehbuch zu laufen. De Haller verpasste bereits die Wiederwahl in den Zentralvorstand (ZV), damit war er aus dem Rennen. Wer nicht in den ZV gewählt wird, kann nicht für das Präsidium kandidieren. Das ist der Grund, weshalb Interessenten ihre Ambitionen nicht immer im Voraus offenlegen. Sie könnten damit ihre Wahl in den ZV gefährden.

Eine zweite Besonderheit prägt die Wahlen bei der FMH: «Saalkandidaturen» sind möglich. Wer die Wahl in den ZV geschafft hat, kann sich vor Ort für das Präsidium bewerben. So geschehen 2012, vor der überraschenden Wahl Jürg Schlups. Nachdem de Haller ausgeschieden war, hat sich spontan einer seiner Vertrauten, der wieder in den ZV gewählt worden war, als Präsident zur Verfügung gestellt. Die ersten Wahlgänge zeigten, dass es knapp werden könnte, weil der Kandidat der «Reformer», Urs Stoffel, nicht genug Unterstützung genoss.

Man brauchte dringend eine Alternative. Damit schlug die Stunde von Jürg Schlup, der eben erst neu in den ZV gewählt worden war. Als Berner fand er offenbar bei den Welschen mehr Anklang. Schlup hatte damals ein Mittagessen lang Zeit, sich zu entscheiden, ob er sein Leben umkrempeln und sich auf das Abenteuer einlassen soll.

Grüne Alt-Nationalrätin Gilli ist Favoritin

Heute, 65-jährig, zieht er sich zurück. An sich hätte seine Nachfolge bereits im Frühjahr geregelt werden sollen, doch dann musste die Ärztekammer wegen der Pandemie vertagt werden. Dies ist auch der Grund dafür, weshalb die FMH eine erneute Verschiebung unbedingt vermeiden wollte und nun zum ersten Mal eine virtuelle Ärztekammer mit Videoübertragung durchführt.

Und wieder scheinen die Fronten klar zu sein, ähnlich wie vor der Überraschungswahl 2012. Als Favoritin geht die St. Galler Hausärztin Yvonne Gilli ins Rennen, die dem ZV seit 2016 angehört. Zuvor war sie acht Jahre lang Nationalrätin für die Grünen. Gilli bestätigt auf Anfrage, dass sie das Präsidium übernehmen möchte. Sie kann für sich in Anspruch nehmen, dass sie den Berner Politikbetrieb von innen kennt.

Kann Gilli glaubwürdig Widerstand gegen Berset leisten?

Allerdings kursieren in der Ärzteschaft dem Vernehmen nach Bedenken, ob sie sich als Linke dem Gesundheitsminister, SP-Bundesrat Alain Berset, glaubwürdig entgegenstellen kann. Berset hat die Ärzte mehrfach gegen sich aufgebracht, insbesondere mit der Publikation einer umstrittenen Statistik zu ihren Löhnen. Zudem verfolgt er gegenwärtig mehrere Projekte wie die Einschränkung des Zugangs zu Spezialärzten, welche die FMH vehement bekämpfen will.

Gilli sieht darin kein Problem. Wer sie kenne, wisse, dass sie für die FMH klare Interessenvertretung betreibe und nicht Parteipolitik mache. Sie gehört zwar nach wie vor den Grünen an, ist politisch aber nicht mehr aktiv. Gilli hat auch unter Bürgerlichen wichtige Fürsprecher. Der Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft, Josef Widler, zum Beispiel spricht sich auf Anfrage für ihre Wahl aus. Die parteipolitische Herkunft sei nicht entscheidend, sagt Widler, der selber der CVP angehört. Zudem habe Gilli bewiesen, dass sie die Linie der FMH glaubwürdig und entschlossen vertrete.

GLP-Nationalrat will je nach Situation auch antreten

Anfänglich sah es so aus, als könnte es für Yvonne Gilli heikel werden. Mit Jürg Lymann, dem Präsidenten der Konferenz der Ostschweizer Ärztegesellschaften, meldete ein gut vernetzter Arzt seine Kandidatur für den ZV an, der ebenfalls aus St. Gallen stammt. Das hätte für Gilli gefährlich werden können, sollen doch die Regionen im siebenköpfigen Ärztevorstand einigermassen ausgeglichen vertreten sein. Doch am Wochenende zog sich Lymann «aus beruflichen und persönlichen Gründen» zurück.

Ein zweiter Name ist allerdings zu hören: Michel Matter. Der Genfer Augenarzt gehört dem ZV seit 2017 an, ein Jahr später übernahm er das Amt als FMH-Vizepräsident. Seit 2019 sitzt er zudem im Nationalrat, wo er die Grünliberalen vertritt. Matter sagt, das Präsidium interessiere ihn grundsätzlich. Allerdings will er nicht gegen Gilli antreten, wenn sie als Einzige kandidiert. Sollten sich aber noch andere Personen bewerben, ist mit ihm zu rechnen.

Die Sache bleibt unberechenbar. Sicher scheint nur eines: Jürg Schlup wird dieses Mal machen, was er geplant hat, und sich nach acht Jahren aus der Gesundheitspolitik zurückziehen.

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