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Wenn der Roboter zweimal klingelt

E-Commerce spielt in China eine immer wichtigere Rolle. Der chinesische Detailhandel setzt bereits jeden vierten Yuan mit Verkäufen im Internet um. Die letzte Meile bei der Auslieferung der Waren stellt jedoch eine Hürde dar. Roboter werden wohl bald Teil der Problemlösung sein.

Immer mehr Chinesen bestellen online – sie könnten ihre Ware bald von Robotern entgegennehmen.

Immer mehr Chinesen bestellen online – sie könnten ihre Ware bald von Robotern entgegennehmen.

Alex Plavevski / EPA

Das chinesische Startup erfüllt alle Klischees: In dem Büro herrscht emsiges Treiben, junge Chinesen sitzen vor Bildschirmen, auf dem Boden liegen Bauteile von Robotern herum, und an den Wänden hängen Auszeichnungen, die die erst vier Jahre alte Roboter-Firma Zhen Robotics bereits erhalten hat. Auch ein Schreiben der Schweizer Botschaft in Peking ist darunter, das der in der ostchinesischen Provinz Shandong geborene Justin Liu stolz zeigt.

Der Unternehmer hat einen Bezug zur Schweiz, denn ein Jahr lang hat Liu an der ETH Zürich künstliche Intelligenz und computerbasiertes Sehen studiert. Noch heute gerät er ins Schwärmen, wenn er an seine Zeit in der Schweiz denkt. Ihn zog es dennoch zurück in die Heimat, um sich seinen Traum vom eigenen Unternehmen zu erfüllen.

Teure letzte Meile

Liu hat mit Zhen Robotics einen Strang innerhalb der Lieferkette im Blick, der in den kommenden fünf bis zehn Jahren revolutioniert werden dürfte. Bei der letzten Meile handelt es sich in der Logistik um jene letzte Etappe bei der Auslieferung von Waren bis vor die Wohnungstür des Empfängers. Laut dem Beratungsunternehmen Bain fallen auf dieser letzten Meile rund die Hälfte der Kosten entlang der gesamten Wegstrecke an, auch weil der Prozess bisher kaum automatisiert ist.

Die letzte Meile ist vielmehr personalintensiv und damit fehlerbehaftet. Die Auslieferer lassen in ihrer Eile die Waren immer mal wieder fallen, oder sie finden wegen ungenauer Angaben das Ziel nicht. Mit Drohnen, Robotern und unbemannten Fahrzeugen soll sich dies ändern.

E-Commerce-Konzerne und Auslieferer von Getränken sowie Speisen haben in China in den vergangenen Jahren eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Der chinesische Detailhandel setzt bereits jeden vierten Yuan im Internet um – mit weiter steigender Tendenz. Und die Coronavirus-Pandemie hat die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen nochmals befördert. Die Chinesen bestellten aus Angst vor Infektionen Waren und Speisen im Internet, statt in den stationären Geschäften einzukaufen.

Liu gibt offen zu, dass sein Unternehmen davon profitiert hat. Im Februar und März sei die Nachfrage nach seinen Robotern grösser als die Produktion gewesen. Es ist zu Lieferengpässen gekommen. Inzwischen hat Zhen Robotics mehrere hundert Modelle, die in der eigenen Fabrik in der unweit von Schanghai gelegenen Provinz Zhejiang hergestellt werden, ausgeliefert. Und Liu ist sich sicher, dass diese Entwicklung erst der Anfang ist, auch weil die demografische Entwicklung in seiner Heimat dem E-Commerce natürliche Grenzen setzt.

Zu jeder Tages- und Nachtzeit parat

Noch gibt es ein Millionen-Heer von Chinesen, die auf ihren Töffs unter grossem Zeitdruck die Waren an die Kundschaft ausliefern. Sie sind immer gehetzt, weil sich verspätete Lieferungen negativ in ihrem Salär bemerkbar machen. Entsprechend gross ist die Unfallgefahr.

Wegen der Alterung der Gesellschaft – in China sinkt bereits die Zahl der Erwerbstätigen – und wegen des Sinneswandels bei den Jüngeren, die solch harte Jobs nicht mehr ausüben wollen, müssen sich E-Commerce-Firmen nach Alternativen umschauen. Drohnen, Roboter und unbemannte Fahrzeuge haben einen grossen Vorteil für den Detailhandel: Sie passen sich den Wünschen der Kunden an und können zu jeder Tages- und Nachtzeit ausliefern – 365 Tage im Jahr.

Lius Büro liegt im Nordwesten Pekings und ist nur einen Steinwurf von der renommierten Tsinghua-Universität entfernt. «Die hier niedergelassenen jungen Firmen müssen für die Räumlichkeiten nichts zahlen», sagt Liu und spielt damit auch auf den Ansatz der chinesischen Regierung an, Innovationen für ein modernes China von morgen zu fördern.

Justin Liu will mit seinem Unternehmen Zhen Robotics die in der Lieferkette heikle letzte Meile revolutionieren.

Justin Liu will mit seinem Unternehmen Zhen Robotics die in der Lieferkette heikle letzte Meile revolutionieren.

Matthias Müller

Und mit einem Augenzwinkern fügt Liu an, dass Zhen Robotics mit 30 Angestellten das grösste Startup innerhalb des Quartiers sei. Dank der Nähe zu Tsinghua und zur Pekinger Universität hat Liu Zugang zu hervorragend ausgebildeten Absolventen, die jeden Tag zwölf Stunden arbeiten und nur sonntags freinehmen. «Dadurch sind wir bei der Entwicklung deutlich billiger als unsere Konkurrenz im Ausland», sagt Liu.

Bisher haben amerikanische Firmen bei Robotern für die Logistik eine Vorreiterrolle gespielt. Nun ziehen chinesische Unternehmen wie Zhen Robotics oder Neolix nach. Die Investoren wittern die grosse Chance. Zhen Robotics hat drei Finanzierungsrunden erfolgreich absolviert. Nun steht die vierte an.

Kommunikation mit dem Fahrstuhl und dem Kunden

In den ersten zwei Jahren nach Gründung hat das Team von Liu mit Firmen aus den Branchen E-Commerce, Auslieferung von Essen und Getränken sowie Immobilienentwicklung eng zusammengearbeitet. Sie gaben Feedback, welche Probleme die Roboter noch hatten. So konnte Liu an den Produkten feilen. Inzwischen hat Zhens Firma Roboter der fünften Generation im Angebot, und viele Schwachstellen sind seit der ersten Entwicklungsphase ausgemerzt worden.

Liu und sein Team haben die Roboter auf Namen wie Robo Whale oder Robo Bale getauft. Ersterer reinigt und desinfiziert in Bahnhöfen, Bürogebäuden, Flughäfen, Immobilien, Metrostationen oder Supermärkten mit einer Geschwindigkeit von 8 bis 10 km pro Stunde die Böden. Pro Tag schafft Robo Whale so eine Fläche von 10 000 m2. Robo Bale wird vor allem in Einkaufszentren eingesetzt, wo der Roboter den Betreibern umgehend meldet, falls ein Kunde keine Maske trägt oder eine erhöhte Körpertemperatur hat. Und auf der letzten Meile kommt das Modell Robo Deer zum Einsatz.

In den vergangenen Monaten ist Robo Deer vor allem in Wohnanlagen eingesetzt worden, um Waren bis vor die Haustür zu liefern. «Dabei werden die Daten der Bestellung in der Cloud gespeichert, mit der anschliessend der Roboter kommuniziert», sagt Liu. Der mit sechs Rädern ausgestattete, batteriebetriebene, 0,68 Meter lange, 0,62 Meter breite und 0,74 hohe Roboter verfügt über zwei Ladeflächen; er kann bis zu 30 kg transportieren, 90 km pro Tag zurücklegen und dank dem Navigationssystem GPS zentimetergenau ausliefern.

Zudem setzt das Unternehmen auf Lidar, eine dem Radar verwandte Technologie, wodurch der Roboter die richtigen Entscheide während seiner autonomen Fahrten trifft. Auch starkem Regen und heftigem Schneefall haben die Roboter von Zhen Robotics offenbar getrotzt, wie Tests gezeigt hätten. Die Roboter erfüllen damit die Kriterien der zweithöchsten Stufe 4 der durch die Organisation SAE International vorgegebenen Klassifizierung. Dieses Niveau wird auch als «voll- bzw. hochautomatisiertes Fahren» bezeichnet. Die Roboter bewegen sich weitgehend selbständig fort.

Am Eingangstor der Wohnanlage wird der Roboter zunächst beladen, bevor er den letzten Weg in der Logistikkette beginnt, wobei er Steigungen von bis zu 35 Grad meistern kann. «Ihm gelingt es, selbst mit Fahrstühlen zu kommunizieren, und er gelangt so bis vor die Wohnung des Empfängers», sagt Liu. Dort angekommen, kann der Roboter den Kunden per Kurznachricht oder Anruf informieren, dass er vor der Tür stehe.

«Zu frühe Regulierung bremst Innovationen»

In China gibt es für solch fahrende Roboter auf Strassen noch keine Regulierung. Die Zentral- und Provinzregierungen verfolgen damit eine Strategie, die sich bereits in der Vergangenheit ausgezahlt hat. Bei Neuentwicklungen hält sich der Regulator lange Zeit zurück, bevor er eingreift. Er will diesen Prozess nicht bremsen, weil sonst Innovationen unterbunden werden könnten.

Liu befürwortet diesen Ansatz. «In der Schweiz gibt es zwar hervorragende Professoren, toll ausgebildete Ingenieure und qualitativ hochwertige Produkte», sagt der Jungunternehmer, der zwischen 2016 und 2019 parallel zum Start von Zhen Robotics noch ein MBA-Studium an der Tsinghua-Universität absolviert hat, um sich betriebswirtschaftliche Kenntnisse anzueignen. Sein mit Blick auf die Schweiz und Europa gefälltes Urteil ist dennoch wenig schmeichelhaft. «Reguliert der Staat zu früh, bremst er Innovationen.»

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