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Wenn der Papa nur gemietet ist

Als Vater von Yuko trägt Yuichi Ishii Jeans und Sweatshirt. Keinen Anzug, damit keine unnötige Strenge das Verhältnis belastet. Als Vater von Yuko arbeitet Yuichi Ishii im Altersheim, ein sanfter Mann mit Selbstbewusstsein. Humorvoll, zugewandt. Er fasst sich immer ans Ohr, das ist sein Tick, den er durchhalten muss, wenn er Zeit mit Yuko verbringt. Aber das Wichtigste: Er schimpft nie, macht Yuko keine Vorhaltungen, bedrängt sie nicht mit Erwartungen. Schon gar nicht wird er grob. «Das ist eine Bestellung der Mutter», sagt Yuichi Ishii. Yukos leiblicher Vater war gewalttätig, deshalb hat die Mutter für ihre Tochter einen liebevollen Vater gemietet.

Yuichi Ishii (38) ist der Gründer der Firma Family Romance in Tokio. Er vermietet Menschen fürs Leben. Väter, Mütter, Freunde, Gäste, Chefs, vieles mehr. Auf Ishiis Visitenkarte steht in etwas schiefem Werbe-Englisch sein Motto: «Happier than real» – glücklicher als in Wirklichkeit. Family Romance hat auch Leute im Angebot, die Entschuldigungen, unangenehme Ansagen oder Hochzeitsreden übernehmen. Aber Yuichi Ishii hatte von Anfang an den Anspruch, Ersatzleute für das Unersetzliche anzubieten, glaubwürdige Attrappen für das Gefühl von Vertrautheit und Zuneigung.

Ein Geschäft mit Gefühlen

Ob das wirklich immer funktioniert, scheint nicht einmal Yuichi Ishii selbst zu wissen. Er sitzt in seinem eleganten Büro in Odaiba, einer künstlichen Insel im Hafengebiet von Tokio. Durch die Fenster sieht man die Lichter der Wolkenkratzerlandschaft. Ishii ist ein athletischer Typ, gut aussehend, freundlich, ein bisschen steif. Er trägt einen schwarzen Anzug, Weste, Krawatte. Er ist Geschäftsmann, das will er ausstrahlen. Aber dass er mit seinem Geschäft in die unwägbaren Welten des Gefühls und der zwischenmenschlichen Beziehungen vordringt, ist ihm schon klar.

Einige Hundert Male haben ihn alleinerziehende Frauen schon als Vater bestellt. Jeder einzelnen hat Ishii erklärt, dass er als gemieteter Partner eine Rolle spiele, die er immer nur innerhalb des gebuchten Zeitraums einnimmt. Papa von neun bis fünf, keine Gefühle – das ist der Deal. «Rational zu bleiben, ist wichtig», sagt Yuichi Ishii, «aber vielleicht spielen meine Mitarbeiter und ich diese Rolle besser als gedacht, und dann vergisst man vielleicht, was man vorher erklärt bekommen hat.» Kundinnen haben ihm schon Heiratsanträge gemacht.

Menschen liefern wie eine Pizza?

Aber kann man einen Vater liefern wie eine Pizza? Yuichi Ishii versucht es einfach. Es begann vor 14 Jahren mit dem Problem einer alleinerziehenden Bekannten. Sie wollte ihr Kind bei einem Privatkindergarten anmelden, aber der verlangte, dass der Vater zum Vorgespräch mitkommt. Yuichi Ishii wollte helfen. Er hatte in seiner Jugend den Ruf, bei Telefonstreichen besonders überzeugend zu sein, und in seinem Job als Altenpfleger schlüpfte er ja im Grunde auch jeden Tag in die Rolle eines sorgenden Mitmenschen. Er sprang als Ersatzvater ein. Es klappte nicht.

Als kinderloser Single fehlte ihm die Erfahrung. «Ich wusste nicht, wie ich mit dem Kind umgehen soll.» Aber er verstand: Kinder von Single-Eltern haben Nachteile, die man ausgleichen müsste. Er befasste sich mit der Frage, was das ist, eine Familie, ein Vater. Er schaute Filme über Väter. Beobachtete Freunde, die schon Kinder hatten, ass mit ihnen, hörte ihren Gesprächen zu. Er bildete sich sozusagen selbst zu einem professionellen Vater aus.

Der neueste Trend: Kunden bestellen Chatpartner für soziale Medien, um den Eindruck zu erwecken, sie seien sehr gefragt.

2009 gründete er Family Romance. Wenig später begann der Auftrag mit Yuko. Die Rollen des Lebens sind vielfältig, und in Japan wächst die Neigung, sie zum Schein zu besetzen. Warum? Für Yuichi Ishii hat das damit zu tun, dass es immer mehr Singles gibt, die in der Beliebigkeit der sozialen Netzwerke hängen bleiben. «Früher hat man sich direkt angesprochen oder zumindest telefoniert. Das tun wir seltener, die Beziehung zwischen Menschen verwässert.» Dass man mit geliehenen Verwandten Liebesentzug und Einsamkeit wegretuschieren könnte, war allerdings nicht der Gedanke der Pioniere im Menschenverleih-Business.

«Es geht um die Funktion», zitiert die Zeitschrift «The New Yorker» Satsuki Oiwa, die 1989 damit begann, Söhne, Töchter und Enkelkinder für vernachlässigte Senioren zu vermieten. «Wir bieten nicht familiäre Zuneigung, sondern menschliche Zuneigung durch die Form der Familie.» Yuichi Ishii berichtet vom neuesten Trend: Kunden bestellen Chatpartner für soziale Medien, mit denen sie den Eindruck erwecken, sie seien sehr gefragt. Ein Mann mietete ein Elternpaar, um seiner Braut nicht sagen zu müssen, dass seine echten Eltern tot sind. Ishii war auch schon Bräutigam von Frauen, die mit der Fake-Vermählung die Erwartungen der Familie erfüllen wollten. Manche Wahrheit ist tabu in Japan. Ishii sagt: «Man kann nicht ehrlich sagen, dass man nicht genügend Freunde für eine grosse Hochzeit hat. Also mieten die Leute bei uns Gäste.»

Bietet Ersatzleute für das Unersetzliche an: Gründer der Firma Family Romance Yuichi Ishii. Foto: Skellig Rock

Auch Yukos Mutter verfolgte einen klaren Zweck, als sie Yuichi Ishiis Vaterdienste mietete. Family Romance gibt ihren Namen nicht heraus. Schweigepflicht. Yuko heisst in Wirklichkeit anders. Ein Termin mit der Mutter ist nicht möglich. Aber dem «New Yorker» hat Ishii vor zwei Jahren ein Interview mit ihr vermittelt, darin erzählte sie ihre Geschichte: Sie hatte Yukos Vater mit 21 geheiratet, nachdem sie schwanger geworden war. Er missbrauchte sie. Kurz nach der Geburt liess sie sich scheiden. Der Tochter erzählte sie später nur, die Ehe sei an einem Streit zerbrochen, als sie ein Baby war. Für Yuko klang das, als sei sie schuld. Sie wirkte verschlossen, die Hänseleien in der Schule setzten ihr zu. Es musste etwas geschehen. Der Mietvater war die Lösung.

Begegnungen für ein paar Stunden

Yuichi Ishii erzählt nicht viel davon, wie er Yukos Frohsinn weckte. Aber er muss ganze Arbeit geleistet haben bei den regelmässigen Vier- oder Acht-Stunden-Begegnungen. Unter dem Namen ihres wahren Vaters hat Ishii mit Yuko Geburtstage gefeiert, Schulveranstaltungen besucht, Tagesausflüge unternommen. Wenn die Zeit um war, sagte er, er müsse zu seiner neuen Familie, und am nächsten Tag spielte er dann oft wieder etwas ganz anderes. Die Mutter schwärmt: Durch Ishii habe Yuko gelernt, «dass sie ihrem Vater nicht egal ist». Sie ist Zahnhygienikerin, keine reiche Frau. Trotzdem leistet sie sich die teure Miete für den Vater ihrer Tochter. Mittlerweile ist Yuko eine junge Frau von 21 Jahren. «Sie glaubt immer noch, dass ich ihr Vater bin», sagt Yuichi Ishii.

Zwischen Spiel und Wirklichkeit

Zweifelt er? Ist er in Sorge? Schwer zu sagen. Im eleganten Anzug sieht Yuichi Ishii aus wie einer, der sich als Family-Romance-Chef verkleidet hat. In seinen Worten schwingt Erschöpfung. Spiel und Wirklichkeit fliessen bei ihm so sehr ineinander, dass man manchmal nicht weiss, was man glauben soll. Der deutsche Regisseur Werner Herzog hat einen Film über den Vaterverleih gemacht. «Family Romance LLC» lief letztes Jahr auf diversen Filmfestivals. Ishii spielt darin sich selbst, wie er einen Vater spielt. Manche Zuschauer fragten sich, ob sie eine Dokumentation oder einen Spielfilm gesehen hatten.

Yuichi Ishii hat zu kämpfen. Ständig muss er umschalten von der einen auf die nächste Rolle, darf seine verschiedenen Namen und die seiner Kunden und Kundenkinder nicht durcheinanderbringen. An freien Tagen hat er sich schon dabei ertappt, wie er im Kino nicht wie er selbst lachte, sondern wie der Vater, den er tags zuvor gespielt hatte. «Das ist vielleicht Berufskrankheit. Die Rolle bleibt.» Insgesamt «34 oder 35» Menschen in Japan glauben gerade, dass er ihr Vater sei, sagt Yuichi Ishii. Er darf das nicht an sich heranlassen. «Wenn ich meine Kinder von Herzen lieben würde, wäre es schwierig.»

Aber über Yuko macht er sich Gedanken. Was passiert, wenn sie erfährt, dass sie seit zehn Jahren einem gemieteten Vater vertraut? Und was, wenn das Spiel einfach weitergeht? Irgendwann wird Yuko vielleicht heiraten, Kinder kriegen, und Ishii wird nicht nur Yukos Vater spielen müssen, sondern auch einen Schwiegervater und Grossvater. «Darüber haben wir uns ganz am Anfang gar nicht so richtig Gedanken gemacht.» Vater zu sein, ist eben doch kein Beruf. «Wir als Family Romance können einmal helfen. Aber eine Familie ist eigentlich für das ganze Leben.» Yuichi Ishii wirkt etwas hilflos, als er zum Schluss möglichst geschäftsmännisch sagt: «Das ist unsere neue Aufgabe, an der wir arbeiten müssen.»