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Wenn der Mensch auf das Tier trifft, wird er gleich mal umerzogen

Ob Milbe oder Schabe, Hund oder Katz: Wer Bett und Stuhl mit tierischen Mitbewohnern teilt, ist nicht mehr Herr im eigenen Haus.

«Dogge mit Welpe», Gemälde von Johann Georg Waxschlunger (?), München, Anfang 18. Jahrhundert, Öl auf Leinwand.

«Dogge mit Welpe», Gemälde von Johann Georg Waxschlunger (?), München, Anfang 18. Jahrhundert, Öl auf Leinwand.

Bayerisches Nationalmuseum, München

Wenn Ihre Katze mit senkrecht nach oben gerichtetem Schwanz auf Sie zukommt, haben Sie die Wahl. Sie öffnen eine Dose Futter, und zwar umgehend. Oder Sie verschieben die Aktion aus pädagogischen Gründen. An den Machtverhältnissen und Besitzansprüchen ändert Ihre Entscheidung nichts. Wer auf eine fordernde Katze nicht augenblicklich reagiert, muss damit rechnen, dass sie dies nicht goutiert: Der Tatzenhieb, der kalte Blick, das Hinterteil, das sie uns entgegenreckt, die Katze ist eine befähigte Kommunikatorin.

Deshalb soll man sich nicht wundern: Der Wunsch der Katze ist dem Menschen Befehl. Nicht er hat seine beste Freundin erzogen, das Tier wendet das Wissen um den Pawlowschen Reflex auf den Umgang mit ihm selber an. Denn wenn sie uns ihre Gunst erweist, wenn sie gestreichelt werden will oder gefüttert, passiert Folgendes: Die Katze drückt im Menschenversuch sozusagen den Hebel, und das Belohnungszentrum im Hirn überschwemmt uns mit dem Glücksbotenstoff Dopamin. Der Antrieb zur Katzenliebe ist durchaus egozentrisch.

Kaum ein Tier ist in der Manipulation seines Menschen derart ausgekocht wie die Katze. Ob darin das Geheimnis ihrer Wirkung auf uns liegt? Wir wollen um sie sein, weil sie bestimmt, ob wir das dürfen. Das menschliche Spiel um Aufmerksamkeit und ihre Fähigkeit zum Liebesentzug machen die Katze zur Persönlichkeit, die den Spitzenplatz des beliebtesten Haustiers der westlichen Welt besetzt.

Die Liebesgeschichte Mensch - Katze ist fünftausend Jahre alt, so alt, dass Katzenhalter glauben, im Laufe der Zeit die Gründe für ihre Anhänglichkeit zum Tier verstanden zu haben. Sind sie nicht bezaubernd, elegant, intelligent? Wenn Menschen von ihren Katzen reden, beginnen sie zu schnurren.

Doch man wird auf Argumente von Katzenbesitzern nicht allzu viel geben. Auch wenn sie überzeugend vorgebracht werden. Denn es sind die nämlichen, die ihnen ihre Lieblinge eingeredet haben. Auf die sanfte Tour haben sie das Leben und die Emotionen ihrer Menschen unter ihre Kontrolle gebracht.

In der Kohabitation mit dem Menschen hat sich die Katze in der Schweiz zahlenmässig durchgesetzt. Hierzulande wie in europäischen Nachbarländern steht in mindestens drei von zehn Haushalten ein Kletterbaum samt Katze. Über 1,6 Millionen Exemplare leben mit uns. Da die Tiere nicht meldepflichtig sind, geht man mit guten Gründen davon aus, dass es weit mehr sind. In Westeuropa leben doppelt so viele Katzen wie Hunde. Katzen sind Gastgeber. In ihrem Zuhause sind wir die Geduldeten.

Der Fisch, Cousin mit Schuppen

Die Anzahl der Katzen wird nur von Fischen übertroffen. Süsswasserfische, Meerwasserfische, Goldfische, Kampffische, Piranhas, alles ist möglich. Ob sinnvoll oder artgerecht, das ist ein anderes Thema. Die Quantität der Fische, die als Haustiere gehalten werden, ist beachtlich. Würde man in sämtlichen Schweizer Aquarien jeden Fisch einzeln zählen, käme man auf die stattliche Zahl von 2,3 Millionen Zierfischen, die ihr Leben hinter Wohnungstüren zubringen.

Fischhalter kennen ihre Tiere, doch andere wissen wenig über sie. In ihren Köpfen scheint eine veraltete Idee von Evolution festzustecken: Laut ihr sind die evolutionsgeschichtlich ältesten Wirbeltiere, etwa die Fische, in Bezug auf ihr Verhalten und ihre Gehirnentwicklung die primitivsten. Die jüngeren Tiere stellen wir uns als immer komplexer und besser vor. Das jüngste soll ja sogar alle überstrahlen, der Mensch.

Doch Fische werden rehabilitiert, zum Beispiel von Experten wie dem US-Bestsellerautor Jonathan Balcombe. Der Verhaltensforscher hat in «What a Fish Knows» wissenschaftliche Erkenntnisse und Anekdoten über die Tiere zusammengetragen, die viel über die Beziehung von Mensch und Fisch erzählen.

Manche Fischarten können fliegen, andere klettern – und einige sind sogar in der Lage, ihr Geschlecht zu wechseln. Mensch und Fisch haben also ähnliche Talente. Balcombe nennt Fische «unsere Cousins» und will wie andere zoologische Wissenschafter beweisen können: Fische können gesellig sein, sie pflegen Freundschaften, und einige Arten mögen sogar die Berührung von Menschen. Fische lernen wie wir von Beobachtung, und ihr Verhalten kennt wie unseres eine Art von Publikumseffekt: Sie verändern ihr Tun je nachdem, wer ihnen dabei zusieht. Fische haben viele kognitive Fähigkeiten. Sie können Schmerz empfinden und versuchen auch, ihn zu vermeiden.

Wer Balcombes Forschungen konsequent weiterdenkt, müsste zum Schluss kommen: Wer Fische isst, sollte auch in der Lage sein, seinen Cockerspaniel zu verspeisen. Ekelt der Gedanke? In England spielt damit seit Januar eine Reality-TV-Show von Channel 4, «Meat the Family».

Die Idee der Produzenten ist so simpel wie dramatisch: Exzessive Fleischesser sollen ein Tier, das sie drei Wochen lang gepflegt und gefüttert haben, schliesslich zum Schlachter bringen und zubereiten. In der ersten, noch laufenden Staffel entscheiden die Teilnehmer über das Schicksal eines kleinen Lammes, eines Huhns, eines Kalbs und eines Schweins. Die Familie, die das Huhn adoptierte, zögerte vor zwei Wochen keine Sekunde, als es darum ging, ihm nach Ablauf der Frist den Kopf abschlagen zu lassen. «Ist das Hayley?», fragte am Esstisch das jüngste Mädchen, den Mund voll mit Haustier auf Röstkartoffeln. «Hayley hat uns sowieso nie gemocht.» Strafe muss sein.

Wer in der Show versagt, wer seinem Haustier das Leben schenken will, muss vor der Öffentlichkeit der Fernsehwelt dem Fleischkonsum abschwören und versprechen, in Zukunft sein Leben als Vegetarier zu fristen.

Die Bettwanze, das It-Girl

Doch nicht Katzen oder Fische stellen den Rekord auf, wenn es darum geht, eine Liste der in der Schweiz zahlenmässig häufigsten Haustiere zu erstellen. Jeder Mensch hat ein Haustierchen, auch wenn er mit ihm nicht unbedingt einvernehmlich den Haushalt teilt. Sehr oft ist ihm die Hausgemeinschaft auch gar nicht bewusst.

Und wenn sie ihm bewusst wird – weil es ihn juckt, weil es ihn beisst, weil es ihn gruselt –, wird er die Kohabitation eilig beenden wollen: Waldschaben, Kakerlaken, Ameisen, Wespen, sie suchen unsere Nähe, teilen unsere Behausung, die Schädlingsprävention der Stadt Zürich kennt sie alle. Auch die Spinnen, doch weil diese nicht als Schädlinge gelten, ist man für sie nicht zuständig.

Laut Beratungsstelle hat die Belästigung durch Schaben im langfristigen Trend abgenommen. Das Gegenteil gilt allerdings für Bettwanzen. Die Anzahl der Meldungen nimmt rasant zu. In Zürich haben sich die Anfragen verwanzter Menschen seit 2010 verdreifacht. Bettwanzen als unfreiwillige Bettgenossinnen, zumeist aus dem Ausland mitgebracht, sind Souvenirs von Hotelnächten, an die man sich noch lange erinnert: Sie stechen und ernähren sich von unserem Blut. Zahlen über das Vorkommen der vier bis sechs Millimeter grossen Tiere existieren nicht.

Die Hausstaubmilbe, die Intimfreundin

Da macht es uns das Tierchen, das unsere Nähe am erfolgreichsten sucht, einfacher. Man kann es zählen, es misst grandiose 0,4 Millimeter im Durchmesser: die Hausstaubmilbe. Diese Milbe ist zwar nicht die beste Freundin der Menschen, doch sie ist die überlebenstüchtigste. Und gewiss ist sie das Wesen, das zu uns den intensivsten Hautkontakt von allen Lebewesen pflegt. Das Krabbeltierchen gehört zu den Spinnentieren und kann von Menschen ganz einfach nicht genug bekommen: Es lebt von Schimmelpilzen und menschlichen Hautschuppen und gedeiht dank diesen. 

Und wo findet es diese am leichtesten? Natürlich, im Bett. Das wissen die possierlichen Tiere besser als wir.

Man kann eine Rechnung aufstellen. Dass sie das nächtliche Wohlgefühl im Schlafzimmer mehrt, wird man nicht behaupten: Auf einer durchschnittlichen Matratze samt Bettzeug, durchschnittlich gelüftet, leben zehn Millionen Hausstaubmilben. Legt man sie alle aneinander, ergibt das eine Milbenkette mit der Länge von vier Kilometern. Es wäre als Einschlafhilfe wortwörtlich naheliegender, wenn wir statt Schäfchen Milben zählten!

Doch für Panik angesichts der Massen ungebetener Hausfreunde besteht kein Grund. Die Tiere mögen enorm kuschelbedürfig sein. Doch sie leben lediglich drei Monate, beissen nicht und mögen zudem keine Minustemperaturen. Einen Aufenthalt des Bettinhalts in der Kälte, ob auf dem Balkon oder in der Tiefkühltruhe, werden sie nicht überleben.

Der Hund, der Mitläufer

Das offensichtlichste Kuscheldrama allerdings spielt sich ab zwischen Hund und Mensch. Es ist die alte Frage unter Hundehaltern: Wem gehört das Bett? Seit bekannt ist, dass sich auf dem Fell unseres besten Freundes weit weniger Bakterien aufhalten als auf dem Barthaar des angeheirateten Lebensgefährten, ist auch das Tabu punkto Hygiene geknackt: Der Hund darf ins Bett – wenn der Mensch, und nicht der Hund, dafür die Zusage gibt.

Es gibt sogar etliche neue Studien, die belegen, dass ein Hund im Bett gesundheitsförderlich sein kann. Und zwar für beide. Menschen schlafen in der Nähe von ihren Haustieren schneller ein und eher durch; und Hunde wiederum können durch «Kontaktliegen» ihre Bindung zu uns verstärken.

Links: Amit Elkayam: «Big Dog in a Big City», New York, 2018. Rechts: Thomas Theodor Heine: «Siegfried», Diessen am Ammersee, 1921. 

Amit ElkayamPrint&Coffee

Dem Hund wird, anders als dem Menschen, alles verziehen. Wenn er beisst, wehrt er sich bloss, wenn er stinkt, liegt’s am Wetter. Am Futter. Am Alter. Wenn sie launisch ist, hat sie ihre Tage. Wenn sie sich hinsetzt und partout das Haus nicht verlassen will, hat Frauchen ihre Anspannung – sie verpasst ein wichtiges Meeting – auf das sensible Tier übertragen. Armer Hund! Er ist ja grundsätzlich ein Mitläufer, doch dafür muss er erst in Stimmung sein.

In der Schweiz führt die nationale Datenbank Amicus für das Jahr 2018 rund 550 000 beste Fellfreunde, Tendenz leicht abnehmend. Auf der Rassen-Hitparade steht an der Spitze der Mischling, vor Chihuahua und Labrador. Die am wenigsten populäre Rasse, im Ranking auf den untersten Platz verwiesen, ist der Belgische Schäfer.

Hunde haben sich durch Mimikry und Anpassung in den Liebeskosmos unseres Herzens eingefügt. Auch das macht sie menschlich. Sie scheinen unsere besten Freunde, weil sie uns gefallen wollen. Wie bekannt kommt uns das vor. Sie suchen eine Aufgabe, das kann durchaus die Liebe zu einem Menschen sein. Besser ist nur eines: Fressen! Fressen! Und faul das Leben geniessen. Im Bett.

Dort können Sie Ihrem besten Freund gerne eine Liebeserklärung machen. Die schönste hat der Hundefreund und Philosoph Schopenhauer geprägt. Wenn sich eines seiner Tiere danebenbenahm, einer seiner Pudel Atma und Butz, so tadelte er es mit zwei scharfen Worten: «Du Mensch!»

Putins Labrador

MD. · Warum liess Putin seine schwarze Labradorhündin Koney in Sotschi 2007 doch nicht auf die Kanzlerin los? Im Bayerischen Nationalmuseum in München beantwortet die Sonderausstellung «Treue Freunde. Hunde und Menschen» Fragen aus der Welt der Hundephobiker wie der Hundefreunde. Wie sehr Künstlerinnen und Künstler, Stars und Politiker Hunde immer wieder als Machtdemonstration einsetzen und wie sehr sie damit die kynologische Kulturgeschichte beeinflussen, ist verblüffend. (Bis 19. April.)