Switzerland

Wenn Bibliotheken Bücher sperren

Wie weit kommt eine Einzelperson, die ein ihr missliebiges Buch verschwinden lassen will? Der Fall des Berner «Gruebe»-Buchs.

Die Geschichte des eingestampften «Gruebe»-Buchs wirft grundsätzliche Fragen auf.

Die Geschichte des eingestampften «Gruebe»-Buchs wirft grundsätzliche Fragen auf.

Bild: geo.

Vor ein paar Wochen hat die «Berner Zeitung» ein befremdliches Bild publiziert: Ausser sich vor Wut lässt ein Mann im Entsorgungshof über 2500 Bücher vernichten, nachdem er deren Umschläge abgerissen hat. Er führt quasi im Alleingang eine Bücherverbrennung im ökologischen Zeitalter durch. Den Fotografen hat er bestellt, um die Aktion zu dokumentieren. Er misst ihr also eine überindividuelle Bedeutung zu. Im Handel ist das Buch nicht mehr erhältlich, Bibliotheken haben es gesperrt. Was ist das für ein Werk? Propagiert es pädosexuelle Praktiken?

Düstere Seiten der Schweiz

Nein, das eingestampfte Buch ist eine Auftragsarbeit: Es referiert die Chronik eines Berner Knabenheims (siehe NZZ vom 14. Juli). 2012 beschloss der Stiftungsrat der berüchtigten, kurz zuvor aufgehobenen Erziehungsanstalt «Gruebe», deren fast zweihundertjährige Geschichte in einem originell gestalteten Buch aufarbeiten zu lassen, nicht zuletzt als «Wiedergutmachung» für die ehemaligen Heimknaben. Diese waren bekanntermassen vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts oft misshandelt worden. Die Aufsichtsbehörde der Institution hatte nicht eingegriffen.

Der Beschluss des Stiftungsrats war für die Schweiz ebenso wegweisend wie das «Gruebe»-Buch. In den letzten Jahren nämlich sind zahlreiche «Heimgeschichten» erschienen, die meist ein beklemmendes Bild von unterfinanzierten Anstalten, schwarzer Pädagogik und abgestempelten Kindern zeichnen. Auf Druck von Betroffenen und beauftragt von der öffentlichen Hand haben Historikerinnen und Juristen das Verdingkinderwesen, administrative Fremdplatzierungen und fürsorgerische Zwangsmassnahmen untersucht. Der Bund setzte 2015 gar eine unabhängige Expertenkommission ein, der Schweizerische Nationalfonds hat ein Forschungsprogramm gestartet. Die Schweiz des 20. Jahrhunderts offenbart plötzlich ziemlich düstere Seiten.

Ein Lapsus führt zum Streit

Den historischen Teil des 2013 publizierten «Gruebe»-Buchs hat der Berner Journalist und Autor Fredi Lerch auf der Grundlage von Jahresberichten und weiteren Akten verfasst. Herausgekommen ist eine gut geschriebene, so pointierte wie nuancierte «histoire engagée», die am Schluss den Reformbemühungen und dem diese flankierenden Konzept-, Strategie- und Sozialarbeitervokabular etwas gar viel Platz einräumt. Der Stiftungsrat, also der Auftraggeber, dürfte diese Passagen nicht ungern gelesen haben. Zeitzeugen hat der Autor fast keine befragt, weder Heimmitarbeiter noch ehemalige Insassen. Methodisch ist das Vorgehen legitim; im Fall des zweitletzten Heimleiters war es taktisch ungeschickt.

Dieser nämlich, Hans-Peter Hofer, war mit dem Buch ganz und gar nicht zufrieden. Er hatte die «Gruebe» fünf Jahre geleitet, 2005 wurde er entlassen, weil er die ihm von der Aufsichtsbehörde verordnete sozial- und heilpädagogische Weiterbildung nicht absolvierte. Lerch hält fest, Hofer sei in der turbulenten Umbruchphase des Heims – es kam gar zu einer Brandstiftung – verheizt worden, eine amtliche Untersuchung habe ihn vom Vorwurf der Misshandlung entlastet. Fälschlicherweise schreibt Lerch, Hofer habe die Ausbildung zum Heimleiter – statt die zum Sozialpädagogen – nicht angetreten. Das ist ein Lapsus, mehr nicht.

Nicht aber für Hofer. Dieser fühlt sich nicht nur degradiert – als diplomierter Heimleiter benötigte er natürlich keine Heimleiterausbildung mehr –, sondern zur Gänze falsch dargestellt: Er sieht sich als Protagonisten der Erneuerung des Heims, während Lerch ihn in der autoritären Tradition situiert. Wie meist deckt das Selbstbild sich nicht mit der Fremdsicht.

Hofer wendet sich an die Nationalbibliothek

Hofer will mit der Unterstützung eines scharfen Anwalts den Vertrieb des Buchs gerichtlich verbieten. Lerch, der kleine Verlag (Edition Eigenart) und der Stiftungsrat geben 2017 vor der Schlichtungsbehörde nach; alle noch vorhandenen Bücher werden Hofer ausgehändigt. Lerch bereut inzwischen das Einlenken, wie er dem «Bund» kürzlich gestand, spricht gar von «Verrat am Text». Der Verlagsleiter sagt, er habe die Kosten gefürchtet, sich vom Stiftungsrat im Stich gelassen gefühlt und einfach seine Ruhe vor Hofer haben wollen.

Der gibt in der Tat keine Ruhe und lässt es nicht beim Vernichten der Bücher bewenden. Anlässlich des Erscheinens von Lerchs neuem Buch zieht Hofer diesen Frühling in der «Berner Zeitung», die ihn hofiert, weiter gegen den Autor zu Feld. Er schreibt die Schweizerische Nationalbibliothek an und fragt sie, wie sie mit einem gerichtlich aus dem Verkehr gezogenen Buch zu verfahren gedenke und ob sie ihm Hinweise geben könne, welche weiteren Instanzen er informieren müsse?

Die Bibliotheksdirektorin antwortet umgehend: Die Gründe für die Sperrung des Buchs seien erfüllt, diese werde eingeleitet. Dazu gibt sie Hofer Ratschläge, wie er herausfinden kann, welche Bibliotheken das Buch besitzen, und wie er sich am besten an diese wenden soll. Auch die Universitätsbibliothek Bern hat nun das Buch gesperrt. Sie müsste eigentlich der Wissenschaftsfreiheit verpflichtet sein. Der gerichtliche Vergleich von 2017 erwähnt die Bibliotheken mit keinem Wort.

Interesse der Heimkinder scheinen keine Rolle zu spielen

Die Situation ist grotesk: Unterstützt von der öffentlichen Hand thematisiert die Geschichtsschreibung seit einigen Jahren Fremdplatzierungen, die das Kindeswohl verletzt haben. Zugleich sperren die Bibliotheken, deren Aufgabe die Tradierung des kulturellen Gedächtnisses ist, ein Buch, das genau diese Thematisierung früh geleistet hat – nur weil ein ehemaliger Heimleiter sich unangemessen gewürdigt fühlt.

Doch das Buch wird nicht verschwinden. Das PDF zirkuliert im Internet. Die Nationalbibliothek sagt, sie sei aufgrund der «Kontroverse» daran, eine «erneute Interessenabwägung» zwischen dem «öffentlichen Interesse» und dem «privaten Interesse» Hofers vorzunehmen. Die Interessen der ehemaligen Heimkinder scheinen bisher keine Rolle gespielt zu haben.

Urs Hafner ist freischaffender Historiker und Journalist.

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