Switzerland

Wenn Arbeitnehmer ihre Vorsorgegelder aus dem BVG-System «retten» wollen

Die Pensionskassen spüren die Individualisierung des Sparens. Aber ist es eine gute Idee, wenn man versucht, Altersguthaben in Freizügigkeitsstiftungen vor der Umverteilung zu schützen?

Die PK-Gelder flossen für das Sabbatical auf ein Freizügigkeitskonto. Was soll man machen, wenn die Erwerbsarbeit wieder beginnt?

Die PK-Gelder flossen für das Sabbatical auf ein Freizügigkeitskonto. Was soll man machen, wenn die Erwerbsarbeit wieder beginnt?

Karin Hofer / NZZ

Unter Vorsorgeexperten ist eine heftige Diskussion im Gang. Auslöser war ein Artikel in der «Handelszeitung», in dem Versicherten empfohlen wird, das eigene Vorsorgevermögen (oder Teile davon) auf ein oder besser zwei Freizügigkeitskonti zu verschieben. Der Autor argumentiert, dass man sein Geld auf diese Art der Umverteilung von den berufstätigen Versicherten zu den Rentnern entziehen könne. Denn nur ein Teil der Anlagerendite auf den Vermögen der im Arbeitsmarkt Aktiven wird diesen auch gutgeschrieben.

Weil die Umwandlungssätze für die Rentenbezüge zu hoch angesetzt sind, wird ein Teil der Rendite für laufende Rentenauszahlungen verwendet. Im Jahr 2019 betrug die Umverteilung gemäss der Oberaufsichtskommission berufliche Vorsorge 7,2 Mrd. Fr. Einerseits fand diese Umverteilung von aktiven Versicherten zu Rentnern, andererseits auch aus dem Überobligatorium zum obligatorischen Bereich statt.

Überbewertet im doppelten Sinn

Der Wechsel von der Pensionskasse in Freizügigkeitslösungen wird gemäss Artikel mit Abertausenden Franken an zusätzlichem Alterskapital belohnt. In Rechenbeispielen über mehrere Jahrzehnte beläuft sich dieses «Zusatzkapital» auf mehrere hunderttausend Franken. Dieses zusätzliche Vermögen soll durch einen höheren Aktienanteil erzielt werden. Einzelne Freizügigkeitslösungen bieten die Möglichkeit, bis zu 100% in Aktien anzulegen.

Doch ist es wirklich so einfach – und überhaupt erlaubt –, auf diese Weise sein Altersguthaben «aufzupeppen»? Einführend muss auch erwähnt werden, dass die Aktienhausse, die mittlerweile schon über ein Jahrzehnt anhält, die Dividendenpapiere besser dastehen lässt, als sie wirklich sind. Hohe Bewertungen und ein unsicherer Ausblick für die Wirtschaftsentwicklung, hauptsächlich wegen der Corona-Pandemie, lassen die Wahrscheinlichkeit einer Börsenkorrektur steigen. Doch auch sonst ist das «Vergrössern des Alterskapitals» nicht so einfach, wie der Artikel suggeriert.

Nicht schwarz oder weiss

«Einfache und allgemeingültige Regeln und Tipps sind beliebt, aber oft steckt der Teufel im Detail», sagt Reto Spring von Academix Consult und Präsident des Finanzplanerverbands Schweiz. Man könne die Vorsorgefrage nicht auf einen Leistungsparameter reduzieren und müsse immer den individuellen Fall betrachten und alle Konsequenzen bedenken. «Es gibt keine einfache Schwarz-Weiss-Lösung, es ist das gleiche Dilemma wie bei der Pensionierung, wenn man sich die Frage stellt: Rente oder Kapital?», fügt Karl Flubacher, Vorsorgespezialist beim VZ Vermögenszentrum, an. In der Realität werde hier meistens die Mischlösung mit Teilrente und Teilbezug gewählt.

Ein Versicherter kann zudem nicht selbständig entscheiden, dass er von einer Pensionskasse zu einer Freizügigkeitsstiftung wechseln will. Es gibt aber zahlreiche Gründe, wieso die Vorsorgevermögen in eine Freizügigkeitsstiftung übertragen werden. Das kann wegen eines Sabbaticals, einer Babypause, der Aufgabe einer Beschäftigung ohne Anschlussstelle oder aufgrund des Gangs in die Selbständigkeit der Fall sein. Auch der Wechsel zu einem ausländischen Arbeitgeber mit wenig überzeugender Pensionskasse kann gemäss Spring ein Grund dafür sein. «Auch wenn die neue Pensionskasse ein Verhältnis von Rentnern zu Aktiven von 60 zu 40 aufweist, eine Unterdeckung sowie Altlasten hat, ist es sinnvoll, Alternativen zu überlegen», räumt Spring ein.

Gesetz ist eindeutig

Das Gesetz ist dagegen eindeutig: Nimmt man wieder eine Arbeitstätigkeit auf und zahlt Pensionskassenbeiträge, müssen auch die Freizügigkeitsleistungen in die neue Kasse eingebracht werden. Im Freizügigkeitsgesetz (FZG) steht: «Art. 3 Übertragung an die neue Vorsorgeeinrichtung 1. Treten Versicherte in eine neue Vorsorgeeinrichtung ein, so hat die frühere Vorsorgeeinrichtung die Austrittsleistung an die neue zu überweisen . . .» Es gebe gemäss Spring Pensionskassen, die nicht nachhakten, wenn man die Freizügigkeitsgelder nicht auf die neue BVG-Einrichtung überweise. Wenn man sich jedoch in eine Pensionskasse einkaufen will, wird überprüft, ob Freizügigkeitsleistungen ausstehend sind. «Die Pensionskassen sind an den Geldern gar nicht interessiert, weil sie die gesetzliche Mindestverzinsung im Tiefzinsumfeld kaum generieren können», fügt Flubacher an.

«Die Schweizer BVG-Lösung ist nicht grundsätzlich schlecht», sagt Spring. Die Umverteilungseffekte im BVG seien zwar systemwidrig, kontraproduktiv und stossend; umgekehrt gebe es auch gute Gründe, weshalb ein Arbeitnehmer Freizügigkeitsleistungen vollständig in die neue Pensionskasse einbringen sollte: In der PK trägt er kein Anlagerisiko, profitiert von geringeren Kosten, weil ein institutioneller Anleger die Gelder verwaltet, und besitzt anwartschaftliche Versicherungsleistungen für sich und seine Familie bei Arbeitsunfähigkeit und Tod. Diese Leistung berechnet sich zudem nicht nach der Höhe des angesparten Vermögens, sondern nach dem versicherten Lohn.

Viele Risiken nicht mehr gedeckt

Das Freizügigkeitskonto ist «nur» eine Anlagelösung ohne weitere Versicherungsleistungen und bietet keinerlei Schutz bei Erwerbsunfähigkeit wegen Krankheit oder Unfall. «Wird eine 40-Jährige invalid, ist der Schutz der Pensionskasse ungleich viel besser als jener durch die Gelder in der Freizügigkeit», sagt Flubacher. Auch Rentenzahlungen sind bei Freizügigkeitskonten nicht möglich. Pensionskassen decken dagegen das Langlebigkeitsrisiko ab. Man erhält die Rente bis ins 105. Lebensjahr, wenn man denn so alt wird. Die Lebenserwartung wird auch von Vorsorgeeinrichtungen oft unterschätzt: Viele stützen sich auf die statistische Lebenserwartung. Diese ist aber ein historischer Wert und gilt für den Durchschnittsschweizer ab Geburt, aber nicht für eine fünfzigjährige Schweizerin mit guter Gesundheit.

«Eine Freizügigkeit ist lediglich ein einmaliger und endlicher Kapitalbetrag», sagt Spring. Zudem gebe es im Freizügigkeitsbereich mehr schwarze Schafe als bei den BVG-Einrichtungen. Die Gefahr, Geld zu verlieren durch Missmanagement, Betrug oder zu hohe Gebühren, sei bei Freizügigkeitsleistungen deutlich höher als im stark reglementierten und «ober- und überbeaufsichtigten» BVG-Bereich. Man muss auch unterscheiden, wer seine Altersvorsorge mit einem Freizügigkeitsdepot «selbst» verwalten will. Ein alleinstehender, gutverdienender Vierzigjähriger kann sich das eher leisten als ein weniger gut bezahlter Familienvater.

Reform ist überfällig

Beim Wechsel der Pensionskasse könnte man den obligatorischen Teil des Guthabens in die neue Kasse und den überobligatorischen Teil auf ein Freizügigkeitsdepot einzahlen. Das ist aber meist nur eine theoretische Lösung, denn viele Kassen arbeiten mit einer umhüllenden Methode, die nicht zwischen diesen beiden Guthaben und Leistungen unterscheidet.

Die aktuelle BVG-Regulation ist ein zwanzigjähriger Flickenteppich, der nicht mehr der gesellschaftlichen Realität entspricht. Ein unter fünfzigjähriger Arbeitnehmer mit einem Einkommen von rund 120 000 Fr. wird nach der Pensionierung nur noch die Hälfte der heute zugesagten Rente bekommen. Falls immer mehr Versicherte «mit den Füssen abstimmen» und versuchen, ihre Pensionskassengelder in Freizügigkeitslösungen zu transferieren, könnte dies den Druck auf den Regulator erhöhen, das BVG zu reformieren.

Kurzfristige Sichtweise

«Die ursprüngliche Philosophie des BVG wird aufgeweicht», sagt der Pensionskassenexperte Werner C. Hug warnend. Die Altersguthaben sollen gemäss Grundidee paritätisch von Arbeitnehmern und Arbeitgebern verwaltet werden. Das sei auf der Welt einmalig. Das Ziel sei, dass die Mittel vereint möglichst effizient angelegt würden. Im Stabilisierungsprogramm von 1999 wurde zudem nochmals festgehalten, dass alle angesparten Gelder an die Pensionskasse weitergeleitet werden müssten. Der Transfer von Geldern in Freizügigkeitseinrichtungen ist gemäss Hug aber nicht die einzige Verletzung des Kollektivgedankens. Auch die Förderung von Kapitalauszahlungen gegenüber Renten durch die Pensionskasse, Rentner-Kassen oder individuelle 1e-Sparpläne im Überobligatorium sind ein Zeichen dieser Individualisierung der zweiten Säule. «Dieser Trend ist nicht mehr aufzuhalten», sagt Hug.

Dabei sei die zweite Säule als ein Kollektivsparen mit der Garantie des Arbeitgebers als «lender of last resort» konzipiert; d. h., bei Sanierungen soll der Arbeitgeber als sozial Verantwortlicher einen grösseren Teil übernehmen. Dafür darf er in guten Zeiten Arbeitgeberbeitragsreserven schaffen, die seinen Gewinn steuerlich vermindern. Aber die meisten Konzernchefs sähen die zweite Säule nicht mehr als Absicherung für die eigene Belegschaft, sondern vor allem als Kostenfaktor.

Hug plädiert für eine etwas längerfristige Sichtweise im BVG. Eine Software, die täglich den Deckungsgrad der Pensionskasse ausspucke, sei unnötig und verleite nur zu Aktionismus. In den siebziger und achtziger Jahren habe es etwa eine Umverteilung zulasten der Rentner gegeben, als der technische Zinssatz 4% betrug, die Inflation aber 9 bis 10% und die Rendite an den Kapitalmärkten 8 bis 9%.

Football news:

Dinh wird wegen einer Sprunggelenksverletzung 2 Monate fehlen. Er ist der beste Assistent von Everton
Pierre-Emerick Aubameyang: Arsenal hofft, die Welt zu überraschen. Das Hauptproblem ist der Mangel an Toren, es wird gelöst
Raiola über die Gehaltsobergrenze im Fußball: würden Sie die Gehälter von Banksy oder da Vinci begrenzen? Infantino will, dass wir Nordkorea werden
Liverpool kann In Dortmund aufgrund von Einschränkungen im Zusammenhang mit COVID-19
Der Präsident des FC Barcelona, Emily Ruso, die früher als Vizepräsidentin des Klubs tätig war und ihn wegen eines Konflikts mit Josep Bartomeu verließ, will im Falle eines Wahlsiegs die Frage nach der Umbenennung des heimstadions der blau-gelben aufwerfen
Maradona = Stil. Hell gekleidet, Tat sich mit Che Guevara und Fidel, fotografierte mit Queen, drehte für ein Slum-Magazin
Samuel Eto' O: mit Rassismus ist die Situation die gleiche. Wir brauchen mehr Bildung