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Weissrussland zwischen Sowjetnostalgie und Globalisierung

Weissrussland zwischen Sowjetnostalgie und Globalisierung

Nicolas Righetti

Als «Dreamland» sieht der Fotograf Nicolas Righetti das diktatorisch regierte osteuropäische Land. Mit seiner Linse hat er viele Klischees eingefangen, blickt als genauer Beobachter aber auch dahinter.

Eine zwölftägige geführte Tour mit einer regierungsnahen Privatagentur durch Weissrussland. Der Fotograf Nicolas Righetti zögert nicht, als er 2018 dieses Angebot erhält. Immer dabei: Sergei, Chef der weissrussischen Delegation, Aufpasser und möglicherweise KGB-Agent. Sergei sagt Righetti, wie er Präsident Lukaschenko fotografieren soll, führt ihn durch das modernste Spital, die sauberste Kolchose und die grösste Lastwagenfabrik des Landes. Anhalten oder Programm ändern verboten. Dafür trinken sie auf die schweizerisch-weissrussische Freundschaft.

Aus dieser durchaus problematischen Versuchsanordnung ist der Fotoband «Dreamland» entstanden. Der Schweizer Fotograf vermittelt dabei von dem Land über weite Strecken ein Bild, das dem seit 1994 regierenden und am Sonntag erneut zur Wahl stehenden Präsidenten Alexander Lukaschenko gefallen würde: sauber, patriotisch, ohne Abgründe. Glücklicherweise ist Righetti aber ein feiner Beobachter, dessen Sinn für Zwischentöne und für seine Protagonisten den postsowjetischen Klischees Menschlichkeit verleiht.

McDonald’s, Stalin-Barock und die weissrussische Flagge – Ost und West, Moderne und Vergangenheit – das Bild könnte plakativ sein. Doch die drei Mitarbeitenden, die Leiter und der prekär angelehnte Besen verleihen ihm eine seltsame Unfertigkeit. Dies passt zu Minsk, der 2-Millionen-Metropole eines Landes, das in den neunziger Jahren weder die Demokratisierung noch das Chaos erlebte, die andere postsowjetische Städte prägten. Der Stadtraum von Minsk ist somit auch einheitlicher geblieben, gepflegter, vom Staat dominiert. Europäische und amerikanische Marken sind wenig präsent. Und wo sie wie die amerikanische Fast-Food-Kette doch auftauchen, werden sie sorgfältig durch patriotische Symbolik domestiziert.

«Wir bewahren die Erinnerung, schaffen Filme, schreiben Bücher, lesen Gedichte und singen unsere Kriegslieder», so zitiert Righetti den Präsidenten Lukaschenko. Was für eine eklektische Mischung das ergibt, wenn man Nostalgie mit Globalisierung mischt, zeigt sich im Restaurant «Pinta». Dessen Interieur erinnert abwechslungsweise an ein britisches Pub, eine sowjetische Intellektuellenwohnung, einen Klubraum für die Rote Armee und eine altertümliche Bauernhofstube. Die offenkundig unterbeschäftigte Kellnerin mit ihrem keck gebundenen Halstuch der sowjetischen Pioniere wirkt wie ein lebender Kontrast zu den zahllosen militaristischen Symbolen. Ihre mobilisierende Wirkung, scheint uns das Bild zu sagen, haben sie vor langer Zeit eingebüsst.

Und doch kommt Righetti richtigerweise zum Schluss, dass die Erinnerung an den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland am 9. Mai 1945 bis heute «der Zement der Nation» geblieben ist. Der Kreml machte den Kriegsmythos bereits in den sechziger Jahren zum wichtigsten Symbol der Einheit und der Stärke – heute ist er sowohl in Moskau als auch in Minsk wichtiger denn je. Das Gedenken an die 27 Millionen Toten ist für jede Familie aber auch von tiefster persönlicher Bedeutung. Für das Lukaschenko-Regime gehört die militarisierte Staatskultur zu den zentralen Pfeilern. Dazu gehört auch die ritualisierte Darstellung der «Einheit der Generationen», die feierlich-stramm gemeinsam für das Vaterland einstehen.

«Das Wort ‹Sieg› ist im Land allgegenwärtig», schreibt Righetti. Dies trifft offensichtlich in einem solchen Ausmasse zu, dass selbst die sonst Selfie-verrückten jungen Osteuropäerinnen nicht bemerken, was für ein grossartiges Sujet sie abgeben. Indem der Fotograf dreidimensionale Figuren und Malerei kombiniert, lehnt er sich bewusst oder unbewusst an jene «Dioramen» an, die sich in Dutzenden von Kriegsmuseen in der gesamten ehemaligen Sowjetunion finden. Die unten am Bild sichtbaren Verankerungen des riesigen Posters lassen aber auch die Inszenierung des Kriegskults im öffentlichen Raum offenkundig werden.

«Er hat eine Obsession: mich von der göttlichen Schönheit Weissrusslands zu überzeugen», schreibt Nicolas über seinen Aufpasser Sergei. Ob dies die richtige Beschreibung für den abgebildeten Platz ist, bleibe dahingestellt. Dennoch fängt das Bild den Alltag perfekt ein, der in seiner ganzen widersprüchlichen Authentizität daherkommt. Auf unerwartete Art fügen sich die fünfstöckigen «Chruschtschowki»-Plattenbauten, das ausrangierte Passagierflugzeug, der Panzer und der Mann auf dem modernen Velo zu einem stimmigen Ganzen.

«Sehr gut, deine Bilder. Du gibst mir sie dann alle, und wir helfen dir bei der Auswahl», sagt Sergei; ein Angebot, das sich wohl nicht ausschlagen lässt. Die Kombination des futuristischen Glaspalastes der staatlichen Entwicklungsbank mit Kampfflugzeugen dürfte aber kaum grosse Diskussionen ausgelöst haben. Die Betonung von militärischer Stärke und der eigenen Modernisierungsanstrengungen bildet einen Kern der Legitimation des Regimes.

Und doch bleibt das Thema eine offene Flanke für Lukaschenko, wie die Massendemonstrationen vor der Wahl zeigen: Trotz Prestigeprojekten wie dem Belarus Hi-Tech-Park oder den Glaspalästen in der Hauptstadt ist Weissrussland ökonomisch schwach sowie abhängig von russischen Rohstoffen und Investitionen. Seit Jahrzehnten versucht der Präsident immer wieder, sich mit kalkulierten Schritten einer Annäherung an den Westen mehr Spielraum zu verschaffen – ohne jede Bereitschaft, dies mit einer politischen Liberalisierung zu verbinden. Das Land steckt deshalb fest.

Auf dem Unabhängigkeitsplatz throne «die grösste Leninstatue der Welt», wird Righetti erklärt. Dieses Symbol der Sowjetunion steht in unmittelbarer Nähe zu den modernen Hochhäusern und direkt vor dem Regierungsgebäude, was viel über das ideologische Fundament des Landes aussagt. So menschenleer und dunkel, wie sich das Arrangement präsentiert, könnte es auch eine Filmkulisse sein. Dies war durchaus im Sinne des stalinistischen Städtebaus, der den urbanen Raum als Dekor für die totalitäre Inszenierung verstand.

«Die Unesco wollte all diese stalinistischen Gebäude ins Welterbe aufnehmen, aber wir haben uns geweigert.» Wer dies zum Fotografen gesagt hat, ist nicht überliefert, aber er zeigt sich fasziniert von der Minsker Mischung aus «stalinistischer Perle» und «architektonischer Science-Fiction». Dazu passt die Person im Vordergrund, die den Sowjetstern mit moderner Kleidung verbindet. Nur die Gasmaske, die den Betrachter unwillkürlich an die für Weissrussland traumatische Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erinnert, wirkt subversiv.

Nicolas Righetti kommt nach seiner geführten Reise ein weiteres Mal alleine zurück nach Weissrussland – an die Europaspiele 2019. Der mächtige Wisent aus dem Urwald von Belowesch, polnisch Bialowieza, an der gemeinsamen Grenze, wird hier als neues Nationalsymbol inszeniert. Er soll Stärke, aber wohl auch Umweltbewusstsein demonstrieren. Die Spiele jedenfalls werden von vielen als hochproblematische Propaganda-Show gesehen. «Der Wille zur Annäherung an den Westen ist fühlbar», schreibt hingegen Righetti und macht dies etwa daran fest, dass er in Minsk nun frei fotografieren darf. Dass dahinter weder in Minsk noch in Europa ein wirklicher politischer Wille steht, bleibt ausgeblendet.

Nicolas Righetti

Der Schweizer Nicolas Righetti ist der Mitbegründer der Agentur Lundi 13. Er arbeitet als freier Fotograf und für verschiedene Zeitungen. Er hat zahlreiche Diktaturen bereist und unter anderem Bildbände über Nordkorea, Turkmenistan und Transnistrien verfasst.

Der Schweizer Nicolas Righetti ist der Mitbegründer der Agentur Lundi 13. Er arbeitet als freier Fotograf und für verschiedene Zeitungen. Er hat zahlreiche Diktaturen bereist und unter anderem Bildbände über Nordkorea, Turkmenistan und Transnistrien verfasst.

Nicolas Righetti: Dreamland. Editions Favre, Lausanne, 2019. 184 S., Fr. 48.–.

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