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Weh dem, der den Mund auftut! Eine Bestandesaufnahme am Sterbebett der syrischen Kultur

Bombenangriffe, Fluchtbewegungen, Menschenrechtsverletzungen: Das bestimmt die Berichterstattung aus Syrien. Aber es gibt auch das leisere Sterben: Der syrisch-palästinensische Dichter und Journalist Ramy al-Asheq gibt Einblick in eine verödete, pervertierte Kulturszene.

Die Ruinen der rebellischen Stadt Daraa zeigen, wie politische Säuberung nach syrischer Art geht. Um die Kulturlandschaft steht es nicht besser.

Die Ruinen der rebellischen Stadt Daraa zeigen, wie politische Säuberung nach syrischer Art geht. Um die Kulturlandschaft steht es nicht besser.

Alaa Faqir / Reuters

«Wir sind Geiseln! Tag für Tag werden wir bestraft, weil wir in unserem Land geblieben sind.» Das waren die ersten Worte, die ich von Khaled Khalifa hörte, als ich vor einigen Tagen mit dem bekannten syrischen Autor telefonierte. Worte, die mich überraschten – nicht weil mir die Situation der Literaturschaffenden in Syrien unbekannt ist, sondern weil sie so heftig, krud und nackt daherkamen. Seine Stimme klang zornig und deprimiert; das war man nicht gewohnt von Khalid, der sonst stets seine Entschlossenheit betonte, in Syrien auszuharren.

Nach wie vor gibt es Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die im Land geblieben sind; sie leben in den Regionen, die vom Asad-Regime kontrolliert werden. Stromausfälle gehören zu ihrem Alltag, die steigenden Lebenskosten machen ihnen ebenso zu schaffen wie die schwindende Freiheit und das Gefühl, den Sicherheitskräften mehr denn je ausgeliefert zu sein. Einige hoffen auf eine Chance zur Flucht – «ins Exil, wohin auch immer». Andere ziehen das innere Exil in Syrien vor, das eigene Haus, den Schoss der Familie: Die Zuflucht, die man kennt, meinen sie, ist allemal besser als eine in der Fremde.

Katharsis-Politik

Natürlich gibt es auch diejenigen, die das Regime unterstützen; sie können sich in Sicherheit wiegen. Einigen von ihnen wurden neue Posten zugeschanzt, andere schreiben Drehbücher für Fernsehserien, die bei von Asad finanzierten Firmen produziert werden, wieder andere wurden ins Parlament «gewählt». Oder sie dürfen die Preise kassieren, die der Staat vergibt. Überraschend ist das nicht, es war schon immer so; das Spiel wird heute lediglich noch offener und schamloser betrieben. Die meisten oppositionellen Literaturschaffenden und Künstler haben derweil das Land verlassen, sitzen im Gefängnis oder sind verstummt.

Aus dem Flüchtlingslager ins Exil

Der syrisch-palästinensische Lyriker, Journalist und Kurator Ramy al-Asheq wuchs im Flüchtlingslager Yarmuk in Damaskus auf. 2012 musste er wegen seiner Berichterstattung über die Revolte aus Syrien flüchten. Seit 2014 lebt er in Deutschland. 2017 rief er das deutsch-arabische Kulturmagazin «Fann» ins Leben, daneben ist er als Kurator für das Literaturhaus Berlin tätig. Auf Deutsch liegt sein Lyrikband «Gedächtnishunde» vor.

Mit der Zeit entwickeln Menschen, die unter einer Diktatur leben, ein Sensorium dafür, wo die Grenzen der erlaubten Kritik verlaufen. Die Machthaber ihrerseits inszenieren mithilfe ihrer Günstlinge etwas, das man Katharsis-Politik nennen könnte: eine Art Schutzmassnahme, die dem Ausbruch des Volkszorns zuvorkommen soll. Da kritisieren dann Kulturschaffende den Wirtschaftsminister wegen der steigenden Lebenskosten, oder für ihre Regimetreue bekannte Künstler stellen Selfies ins Internet, auf denen sie eine Gasflasche umarmen – zum Zeichen, wie teuer der Brennstoff geworden ist. Sie singen Spottlieder über die missliche Lage oder verfassen offene Briefe, in denen sie den Präsidenten bitten, endlich einzugreifen und wieder zu richten, was seine Untergebenen vermurkst haben. In seltenen Fällen kann man so Kritik an der Regierung üben, ohne dass die Person des Präsidenten tangiert wird; denn die Regierungsmitglieder kommen und gehen, aber Asad bleibt.

Armut herrscht im Land, die Folgen des Embargos sind spürbar. Von den andersdenkenden Autorinnen und Autoren arbeiten manche für ausländische Zeitungen oder für Organisationen mit Phantasienamen, andere beissen sich auf die Zunge und schreiben über Dinge, die farblos und völlig unverbindlich sind. Denn diese Literaturschaffenden sind faktisch an Leib und Leben bedroht; ihre Strafe besteht darin, dass sie marginalisiert und von Verdienstmöglichkeiten ausgeschlossen werden. Sie müssen zusehen, wie die Regimetreuen Preise und Privilegien einheimsen, müssen zusehen, wie ihr eigener Traum von Freiheit und Gerechtigkeit durch den Triumph des Diktators aufgerieben wird. Das ist nichts anderes als eine kulturelle Säuberung, begleitet von der Ausmerzung all dessen, was dem Regime auf geistiger, ideologischer, politischer oder staatsbürgerlicher Ebene entgegensteht.

Die Kultur wird ausgewechselt

Die kulturelle Säuberung nimmt viele Formen an. Nicht nur werden Künstler, Schriftsteller und Kulturaktivisten aus der Heimat vertrieben und von ihren Nächsten getrennt; nicht nur bringt man sie zum Schweigen, indem man ihnen die Kehle durchschneidet, die Finger zertrümmert, sie ins Gefängnis wirft. Neben alledem besteht noch eine weitere Gefahr: die des systematischen Austauschs der Kultur gegen eine Antikultur, des Schönen gegen das Hässliche, der Freiheit gegen die Sklaverei, des Fortschritts und der Zukunftsfreude gegen eine trostlose Rückwärtsgewandtheit. Totalitäre Regime haben ihre Methode, um die Kultur der Revolution in eine Kultur der Unterwerfung umzuwandeln: Der Zorn wird zum Murren und am Ende zu Akzeptanz und Ergebenheit.

Dieser Wandel besteht nicht nur darin, dass eine Person oder Gruppe gegen eine andere ausgetauscht wird; auch in ein und demselben Menschen kann eine Kehrtwende stattfinden. So schrieb der 1946 geborene Nazih Abu Afash – ein moderner, herausragender und in Syrien hochgeschätzter Lyriker – vor 2011 viele Gedichte, die von Freiheit und Gerechtigkeit handelten; dann sahen wir ihn zum reaktionären Faschisten mutieren, der ein Poem, das er «Das schönste Gedicht» nennt, mit «Wladimir Putin Abu Afash» zeichnet. Es besteht aus zwei Zeilen, die er so mittelbar dem russischen Präsidenten zuschreibt; sie lauten: «Den Mördern zu vergeben, liegt in der Zuständigkeit Gottes / Die Mörder zu Gott zu schicken . . . dafür bin ich zuständig.»

Den oben zitierten Zweizeiler hat Nazih Abu Afash auf Facebook publiziert.

Den oben zitierten Zweizeiler hat Nazih Abu Afash auf Facebook publiziert.

Damit wird der Dichter, jedenfalls metaphorisch, selbst zum Mörder oder zum Diktator, der Welt und Himmel an sich reisst und triumphiert, wenn er Fassbomben auf die Erde regnen lässt. Wenn es schon kein Gesetz gibt, das die Anstiftung zum Mord unter Strafe stellt, dann kann man diese zwei Zeilen doch mindestens ein Verbrechen gegen Sprache und Dichtung nennen. Und noch etwas: Der Ausspruch stammt nicht etwa von Putin, sondern vom US-Schauspieler Denzel Washington, dem jene Worte in «Man on Fire» in den Mund gelegt werden.

Überall die Angst

Ein Klima, in dem die Kultur gedeihen, eine Struktur, innerhalb deren sie produktiv werden könnte – das existiert in Syrien derzeit nicht. Es gibt nicht einmal so etwas wie ein kulturelles Zentrum, denn die Anhänger des Regimes beherrschen, in Allianz mit dem Sicherheitsapparat, die Theater, die Kulturzentren, die künstlerischen Produktionsbetriebe und die Medien. Wagt einer auch nur den Mund aufzutun, dann trifft die Strafe nicht allein ihn, sondern auch seine Familie und seine Freunde. Erinnern wir uns, dass etwa der syrische Autor Adnan Zira’i seit Februar 2012 im Gefängnis sitzt; der Schauspieler Zaki Kordelo und sein Sohn Mihyar sind seit August 2012 in Haft, der Schriftsteller Ali al-Shahabi seit Dezember 2012.

Eine Schriftstellerin, die immer noch in Syrien lebt, erzählte mir, wie die Angst an ihr frisst: «Ich fürchte mich, ich fürchte mich dauernd, Tag und Nacht. Nicht nur vor dem Regime, sondern auch vor den Shabiha [= «Gespenster», kriminelle Schlägerbanden, die der Familie Asad nahestehen] – vor dem Haus, auf der Strasse, überall. Zum ersten Mal nehme ich ein Messer mit ins Auto; das ist ein Land ohne Gesetz, ein Land, das zum Gespensterreich wird.»

Wie soll unter solchen Bedingungen Kunst entstehen? In einem Land, wo sich oppositionelle Schriftsteller im Geheimen treffen und nur zu flüstern wagen, wie gern sie über das Buch diskutieren würden, das sie sich via Internet beschaffen konnten? Nach neun Jahren des Mordens und Einkerkerns hat das Regime es zumindest in seinem Herrschaftsgebiet weitgehend geschafft, den Zorn der Menschen abzutöten; sie sind resigniert und fügsam geworden, das lässt sich auch an den Texten der dort lebenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller ablesen.

Für ein echtes Kulturleben braucht es noch mehr als Freiheit, Raum für Experimente, Zugang zu Informationen und die Öffnung hin auf andere Kulturräume. Es bedarf auch der Unterstützung von Literaturschaffenden und Künstlern, der Bereitstellung von Mitteln, welche die Produktion langfristig sichern, der Schaffung von Orten, wo die Bevölkerung der Kultur begegnen kann. Nichts von alledem gibt es in Syrien; nicht einmal an Bücher kommt man heran, weil sämtliche Druckerzeugnisse – einheimische wie importierte – einer strengen Zensur unterstehen. Unter solchen Umständen von Kultur zu sprechen, ist bestenfalls lachhaft und führt nirgendwohin.

Moment. Etwas sollten Sie noch wissen. Ein Monatslohn reicht in Syrien derzeit nicht einmal für den Kauf von fünf Büchern. Wäre Newton hungrig gewesen, dann hätte er den Apfel wohl auch gegessen.

Aus dem Arabischen von as.

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