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Was aus den Flüchtlingen in Deutschland geworden ist

Die Integration der 2015 nach Deutschland gezogenen Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt hat damals grosse Sorgen geweckt. Inzwischen gibt es Anzeichen, dass sie trotz ungünstigerer Voraussetzungen etwas rascher erfolgt als bei Geflüchteten früherer Jahre.

Deutschland hat 2015 die höchsten Zuzüge von Geflüchteten seit den Flucht- und Vertreibungsbewegungen am Ende des Zweiten Weltkriegs verzeichnet.

Deutschland hat 2015 die höchsten Zuzüge von Geflüchteten seit den Flucht- und Vertreibungsbewegungen am Ende des Zweiten Weltkriegs verzeichnet.

Sean Gallup / Getty

«Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das!»: Gesagt hat dies die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel an einer Medienkonferenz Ende August 2015 mit Blick auf die damalige Flüchtlingskrise in Europa. Bezogen hat sie sich unter anderem auch auf die Arbeitsperspektiven der Flüchtlinge. Der Satz wird ihr seither immer wieder höhnisch um die Ohren geschlagen. Doch wie sieht die Lage fast fünf Jahre später tatsächlich aus? Es sei für eine Bilanz noch recht früh, zumal viele Daten erst mit Verzögerung zur Verfügung stünden, doch zeichneten sich inzwischen bei der Integration der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt «erhebliche Fortschritte» ab, heisst es im Fazit einer kürzlich publizierten Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit. 

Integration schneller als früher

Die Herausforderung war und bleibt erheblich: Deutschland hat 2015 die höchsten Zuzüge von Geflüchteten seit den Flucht- und Vertreibungsbewegungen am Ende des Zweiten Weltkriegs  verzeichnet, mehr noch als während der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren. Von Anfang 2013 bis Ende 2018 wurden laut Daten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) rund 1,8 Mio. Asylerstanträge gestellt, wobei der Höhepunkt der Anträge mit etwas zeitlicher Verzögerung 2016 erreicht wurde (vgl. Grafik). Aufgrund von Rück- und Weiterreisen ist die Zahl der in Deutschland lebenden Schutzsuchenden im selben Zeitraum zwar nicht im gleichen Umfang gestiegen, doch legte sie noch immer um rund 1,2 Mio. auf 1,8 Mio. Personen zu (bei einer Gesamtbevölkerung von 83 Mio.).  

2015/16 war ein Höhepunkt der Fluchtmigration

Jährliche Asylerstanträge (in Tausend)

2012201320142015201620172018201964,539109,58173,072441,899722,37198,317161,931142,509

Die Analyse des IAB beruht auf der dritten, im zweiten Halbjahr 2018 durchgeführten Welle einer repräsentativen Befragung, die das Institut zusammen mit dem Forschungszentrum des BAMF und dem Sozio-ökonomischen Panel am DIW Berlin seit 2016 jährlich durchführt. Sie erfasst Schutzsuchende, die in den Jahren von 2013 bis einschließlich 2016 zugezogen sind und sich im erwerbsfähigen Alter von 18 bis 64 Jahren befinden. Waren laut der Studie zwei Jahre nach dem jeweiligen Zuzug nach Deutschland erst 25% dieser Geflüchteten erwerbstätig, waren es nach drei Jahren 37% und nach fünf Jahren 49% (vgl. Grafik).   

Nach fünf Jahren ist die Hälfte der Geflüchteten erwerbstätig

Erwerbstätigenquote* der 18- bis 64-Jährigen (%)

1 Jahr und weniger2 Jahre3 Jahre4 Jahre5 JahreZeit seit Zuzug0204060

Damit erfolgt die Integration in den Arbeitsmarkt nach einem harzigen Start inzwischen etwas schneller als bei Geflüchteten, die seit den frühen 1990er Jahren bis 2013 unter anderem infolge der Kriege in Ex-Jugoslawien nach Deutschland gekommen waren: Bei ihnen waren nach jeweils fünf Jahren erst 44% erwerbstätig. Damals seien zwar die Voraussetzungen hinsichtlich Sprache, Bildung, Ausbildung und persönliche Netzwerke günstiger gewesen als bei den in jüngerer Zeit zugezogenen Flüchtlinge, schreibt das IAB. Letztere stammen vor allem aus Staaten wie Syrien, Irak oder Afghanistan. Dafür erleichtere derzeit die wesentlich niedrigere Arbeitslosigkeit die Integration in den Arbeitsmarkt und es werde seit 2015 deutlich mehr in Sprach- und andere Integrationsprogramme investiert, argumentieren die drei Autoren der Studie, Herbert Brücker, Yuliya Kosyakova und Eric Schuss.  

Gut die Hälfte arbeitet als Fachkraft 

So hatten laut der Studie zum Befragungszeitpunkt 85% der Geflüchteten an Sprachprogrammen teilgenommen und zwei Drittel hatten diese Kurse auch abgeschlossen. Entsprechend ist das Niveau der Deutschkenntnisse gestiegen: Hatte beim Zuzug nach Deutschland nur einer von hundert Flüchtlingen solche Kenntnisse, waren es im zweiten Halbjahr 2018 immerhin 44%. Eine Schule, Hochschule oder Universität bzw. eine berufliche Aus- oder Weiterbildungseinrichtung besucht hatten seit dem Zuzug hingegen nur etwa 23% der erwachsenen Geflüchteten.

Der Abschluss von Integrations- und Sprachkursen hilft offenbar: Laut der IAB-Analyse ist er statistisch signifikant mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit verbunden. Diese Wahrscheinlichkeit steigt zudem mit der Aufenthaltsdauer und mit den mitgebrachten Bildungsabschlüssen, während sie mit zunehmendem Alter der Flüchtlinge und einer höheren Arbeitslosenquote in der jeweiligen Region sinkt. Während diese Zusammenhänge plausibel scheinen, weist das IAB darauf hin, dass sie als deskriptive Befunde zu interpretieren seien, aus denen keine kausalen Schlussfolgerungen gezogen werden könnten. 

Was genau tun die erwerbstätigen Flüchtlinge? 68% von ihnen gingen im zweiten Halbjahr 2018 einer Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung nach, die übrigen absolvierten eine bezahlte Ausbildung oder ein bezahltes Praktikum oder waren geringfügig beschäftigt. Über die Hälfte von ihnen war zum Befragungszeitpunkt als Fachkraft oder in Jobs mit noch höheren Anforderungen tätig, 44% übten Hilfs- und Anlerntätigkeiten aus. Während nur ein vergleichsweise geringer Teil in der Heimat eine berufliche Ausbildung oder ein Studium absolviert hatte, konnten viele vor der Flucht Berufserfahrung sammeln und diese dann in Deutschland nutzen. Gemessen an der «formellen» – also durch Bildung und Ausbildung erworbenen – Qualifikation waren je rund 30% der Befragten für die in Deutschland ausgeübte Tätigkeit über- oder unterqualifiziert.  

Magere, aber steigende Löhne

Die Verdienste der Geflüchteten sind zum Zeitpunkt ihres Arbeitseintritts im Durchschnitt sehr niedrig, sie steigen aber im Zeitverlauf. So legten die durchschnittlichen Bruttomonatsverdienste der vollzeitbeschäftigten Geflüchteten aus der Stichprobe von 1678 Euro im Jahr 2016 auf 1863 Euro im Jahr 2018 zu, womit sie deutlich unter dem mittleren Verdienst von in Deutschland geborenen Vollzeitbeschäftigten lagen. Das Erwerbseinkommen reicht auch nicht immer aus zum Leben: Man gehe davon aus, dass maximal 30% der Haushalte, in denen die beschäftigten Flüchtlinge lebten, ergänzende Leistungen beziehen würden, sagt Brücker auf Anfrage. Im Durchschnitt der deutschen Bevölkerung liege dieser Anteil bei etwa 10%. 

Ein erhebliches Gefälle besteht zwischen den Geschlechtern: Fünf Jahre nach dem Zuzug sind laut der Umfrage 57% der geflüchteten Männer, aber nur 29% der Frauen erwerbstätig. Vor allem Frauen mit Kleinkindern sind nur zu sehr geringen Anteilen im Arbeitsmarkt integriert. 

Die Sorgenkinder

Um abschliessender beurteilen zu können, wie gut die Integration in den Arbeitsmarkt funktioniert, wird man weitere Befragungen abwarten müssen. Denn das Gros der Flüchtlinge kam 2015 ins Land und war deshalb zum Zeitpunkt der Befragung im zweiten Halbjahr 2018 noch längst nicht fünf Jahre da. Vielmehr betrug die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der erfassten Stichprobe rund drei Jahre. 35% aller Befragten übten damals eine Erwerbstätigkeit aus (Anteil gemessen an den 18- bis 64-Jährigen). Die übrigen sassen indessen nicht einfach herum, sondern waren zu einem überwiegenden Teil in Sprach- und Integrationskursen, an Schulen, Hochschulen oder in Ausbildung, auf Arbeitssuche oder in Elternzeit bzw. Mutterschaftsurlaub.

Nur 13% der Geflüchteten können laut dem IAB-Papier als «inaktiv» klassifiziert werden. Damit sei dieser Anteil rund 4 Prozentpunkte höher als bei den in Deutschland geborenen Personen. Diese Inaktiven seien eine heterogene Gruppe, erklärt Brücker. Darunter befänden sich zum Beispiel Menschen, die frisch nach Deutschland gekommen seien, oder Frauen, die nicht mehr im Mutterschutz seien, doch Kinder betreuen würden, aber auch ein «harter Kern», der irgendwie resigniert habe. Deshalb sei es die Gruppe, die potenziell die grösste Sorge bereite. 

Sie können dem Berliner Wirtschaftskorrespondenten René Höltschi auf Twitter folgen.

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