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Warum sich die Wirtschaft zu rasch erholen könnte

bild: Thomas Schütze, unplash

Analyse

Warum sich die Wirtschaft zu rasch erholen könnte

Trotz Coronakrise droht im laufenden Jahr keine Rezession. Im Gegenteil: Gefährlich wird es, wenn die Wirtschaft zu stark boomen sollte.

Die Ökonomen der Swiss Life gehörten in den letzten Jahren zu den Klassenbesten in Sachen Wirtschaftsprognosen. Deshalb stimmen ihre Voraussagen für die kommenden zwei Jahre zuversichtlich. Um 3,5 Prozent soll das Schweizer Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2021 wachsen. Immerhin noch 2,2 BIP-Prozent sollen es im nächsten Jahr sein.

Dieses Wachstum liegt deutlich über den Durchschnittswerten der letzten Jahre. Und es bedeutet auch, dass die Schweizer Wirtschaft noch dieses Jahr wieder auf dem Vor-Pandemie-Niveau liegen wird. «Einzig die USA und China werden dies ebenfalls schaffen», erklärt dazu Marc Alain Brütsch, Chefökonom der Swiss Life.

Trotz Aufschwung ist mit einer Konkurswelle bei vom Lockdown betroffenen Unternehmen zu rechnen. Bild: keystone

Einziger Wermutstropfen ist die Tatsache, dass die Arbeitslosenquote auf 3,6 Prozent ansteigen wird. Im Frühling wird die Quote gar bei 3,8 Prozent liegen. Es ist damit zu rechnen, dass es dann auch zu einer Konkurswelle bei den von der Coronakrise am heftigsten betroffenen Unternehmen kommen wird.

Insgesamt ist jedoch es erstaunlich, wie gut die Wirtschaft mit der Coronakrise zurecht kommt. Der heftige Einbruch im Frühjahr 2020 wurde rasch ausgebügelt. Die zweite Welle im Herbst hat kaum Spuren hinterlassen.

Auch die Weltwirtschaft erholt sich. Der internationale Handel hat bereits wieder den Stand vor der Pandemie erreicht. Im laufenden Jahr sollte er gar kräftig zulegen. Adam Slater, Chefökonom bei Oxford Economics, erklärt dazu in der «Financial Times»: «Trotz verschiedenen Restriktionen in einzelnen Ländern wird der Handel 2021 stark sein.»

Die Unternehmen nutzen derweil die Gelegenheit des billigen Geldes, um sich mit neuem Kapital einzudecken. Die «Financial Times» meldet, dass allein in den ersten drei Januarwochen weltweit rund 400 Milliarden Dollar frische Unternehmensobligationen emittiert wurden. Das ist beinahe doppelt so viel wie im Durchschnitt der letzten Jahre.

Katzenstatue mit Maske im Finanzbezirk von Shanghai. Bild: keystone

Politiker und Zentralbanker haben derweil die Lehren aus den Fehlern der Finanzkrise gezogen, selbst in Berlin. Die Deutschen haben, was Covid-Hilfsprogramme betrifft, diesmal nicht gekleckert, sondern geklotzt. 39 BIP-Prozente wurden dafür aufgewendet. Zum Vergleich: Bei der Schweiz waren es gerade Mal 11 BIP-Prozente.

Die Weltwirtschaft profitiert jedoch primär davon, dass die beiden grössten Volkswirtschaften, die USA und China, wieder in die Gänge gekommen sind. In den Vereinigten Staaten rechnen die Ökonomen mit einem kräftigen Aufschwung in der zweiten Jahreshälfte.

Dafür gibt es zwei Gründe. Nach dem Chaos der Trump-Regierung sorgt Joe Biden nun mit einer nüchternen Politik dafür, dass die in Rekordzeit entwickelten Impfstoffe auch in die Arme der Menschen gelangen. Bereits hat der Präsident sein ehrgeiziges Ziel diesbezüglich erhöht: Anstatt 100 sollen 150 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner in den ersten 100 Amtstagen von Biden geimpft werden.

Ein 1,9-Billionen-Dollar-Hilfspaket hat die Biden Regierung ebenfalls aufgegleist. Selbst wenn es in einzelnen Punkten noch abgespeckt werden sollte, wird allgemein damit gerechnet, dass es dem Präsidenten gelingen wird, es auch durch den störrischen Senat zu peitschen. Notfalls mit Gewalt: Vize-Präsidentin Kamala Harris kann in letzter Instanz ein Patt in der kleinen Kammer überstimmen.

Eine Seniorin wird geimpft. Die US-Impfaktion nimmt Fahrt auf. Bild: keystone

Das geplante Hilfsprogramm wird nicht nur das Leid von Millionen Menschen in den USA mildern. Es macht auch aus ökonomischer Sicht sehr viel Sinn. So erklärt die neue Finanzministerin und ehemalige Präsidentin der US-Notenbank, Janet Yellen: «Angesichts der historisch tiefen Zinsen ist es das Klügste, wenn wir mit der grossen Kelle anrichten.»

Covid-19 ist zwar zuerst in China aufgetreten, doch die Chinesen haben das Virus viel effizienter in den Griff bekommen als der Westen. Das zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Während das BIP der meisten Länder im vergangenen Jahr geschrumpft sind, hat das chinesische BIP um 6,5 Prozent zugelegt.

Auch für das laufende Jahr sind die Voraussetzungen bestens. Der Ökonom George Magnus gilt als China-Kenner und -Kritiker. Doch auch er erklärt gegenüber der «Financial Times»: «Ich sehe keinen Grund, weshalb 2021 kein Prachtsjahr für die Kommunistische Partei werden sollte.»

Den allgemeinen Optimismus der Ökonomen teilen auch die Investoren. Die Finanzmärkte boomen seit Monaten. Das kann auch gefährlich werden. «Es gibt kaum noch Risikopuffer», warnt Daniel Rempfler, Head Fixed Income bei der Swiss Life.

Finanzprofessoren wie Erwin Heri erinnern uns zwar immer wieder daran, dass wir die Kursentwicklungen an den Aktienmärkten logarithmisch – d. h. im Verhältnis zu Basis – und nicht absolut betrachten müssen. So gesehen seien die Zuwächse an den Aktienmärkten keineswegs aussergewöhnlich. Trotzdem wächst die Angst vor einer Blase unter den Investoren.

Sicher ist, dass Aktien sehr teuer geworden sind. José Antonio Blanco, Head Investment Management bei der Swiss Life, rät daher, Aktienmarktrisiken zumindest teilweise abzusichern.

Die grösste Angst der Ökonomen bezieht sich jedoch nicht auf einen Crash an den Finanzmärkten. Paradoxerweise könnte es uns zum Verhängnis werden, wenn sich die Wirtschaft zu schnell erholt. Dann nämlich könnte es zu einem Konsumrausch kommen, zu einer Nachfrage, welche die Wirtschaft nicht bewältigen könnte.

In diesem Fall wären die klassischen Voraussetzungen für eine Inflation gegeben. Die Ökonomen der Swiss Life schätzen die Wahrscheinlichkeit für ein solches Szenario immerhin auf 20 Prozent ein.

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