Switzerland

Warum man manchmal den Mut haben muss, ein Idiot zu sein

Wir rühmen den Individualismus. Aber wer vom Mainstream abweicht, bekommt Schwierigkeiten. Wünschen wir uns eine Gesellschaft von Mitläufern?

Aus der Reihe tanzen? Bitte nicht, dann wäre alles nicht mehr so schön einfach.

Aus der Reihe tanzen? Bitte nicht, dann wäre alles nicht mehr so schön einfach.

Imago

Die westeuropäische Gesellschaft ist durch Konformismus gekennzeichnet. Zwar schaut man gern kopfschüttelnd in die Vergangenheit und zeigt auf Epochen und Gesellschaften, in denen sich allerlei Mitläufertum ausgebreitet hat. Allerdings: Ist man denn heute so viel individualistischer als früher? Spielt sich das Leben neuerdings ausserhalb von Konventionen, Korrektheiten und Konformitäten ab?

Spätestens der zweite Blick zeigt, dass konformistische Tendenzen bestehen geblieben sind – und dass sie unverändert stark sind. Auf politischem, auf wirtschaftlichem oder auf akademischem Gebiet wird Anpassungsfähigkeit nach wie vor prämiert. Zu sehen ist dies an Begrifflichkeiten wie an Verhaltensweisen.

Am Parteitag wird «Geschlossenheit» propagiert. Am Arbeitsplatz ist «Teamwork» angesagt. Und in einer Vielzahl von universitären Zirkeln herrscht eine geistlose Übereinstimmung der Ansichten – vor allem bei Fragen zur sozialen Gerechtigkeit, zur ökologischen Nachhaltigkeit oder zum Verhältnis der Geschlechter haben Intellektuelle in den meisten Fällen die genau gleiche Meinung. Ein gewitzter Soziologe aus Berlin hat unlängst gesagt, auch im Intellektuellenmilieu herrsche der «Grokon», der grosse Konsens.

Respekt für Idioten!

Nicht nur eine Umwertung gewisser Werte wäre angebracht, sondern auch eine Aufwertung bestimmter Begriffe – wobei nicht zuletzt der Begriff des Idioten mehr Respekt verdienen würde. «Idiot»? In den Ohren der meisten Zeitgenossen klingt das abschreckend. Aber es erweitert den Horizont, sich genauer mit dem Ausdruck zu beschäftigen. Hinter dem Idioten steckt eine aussergewöhnliche Figur.

Im antiken Griechenland verstand man unter dem «Idioten» – dem «idiotes» – den Privatmann. Der Begriff bezeichnete alle, die sich von den Angelegenheiten des öffentlichen Lebens fernhielten. «Idiotisch» waren also vornehmlich die, welche sich weder im politischen noch im wirtschaftlichen oder im kulturellen Umfeld in irgendeiner Form engagierten. In diesem Verständnis galt der so bezeichnete Mensch freilich als das pure Gegenteil einen Mitläufers. Vielmehr war er der Inbegriff des Aussenseiters, der nichts auf die Öffentlichkeit gibt und sich so eine überaus authentische Redlichkeit bewahrt.

Kein Wunder, dass so verstandene Idiotie für die freien Geister der europäischen Ideengeschichte von grosser Anziehungskraft war. Viele Querdenker spürten, dass Idioten die interessanteren Figuren sein könnten als Klugschwätzer, auch wenn ihr Geschwätz hoch im Ansehen stand. Im 18. Jahrhundert entdeckte Denis Diderot im Idioten die Verkörperung des Weisen. Hundert Jahre später verstand Fjodor Dostojewski den Idioten als Inkarnation der Unschuld. Und an der Schwelle zum 20. Jahrhundert wurde die Szene, in der Friedrich Nietzsche einen «Narren» vermeintlich idiotische Aussagen über die Herrschenden tätigen lässt, zum Urbild intellektueller Schärfe.

Nur Narren sagen die Wahrheit

Nach dieser Auffassung muss Idiotie also nicht beseitigt, sondern im Gegenteil verbreitet werden. Einerseits weil so angepasste, konventionelle Lebensarten zurückgedrängt – und anderseits unangepasste Existenzweisen befördert werden. Noch Theodor W. Adorno hat in den «Minima Moralia» (1951) geurteilt: «Es gilt heute wie im Mittelalter, dass einzig die Narren der Herrschaft die Wahrheit sagen.» Umgekehrt sind diejenigen, die sich den herrschenden Verhältnissen gegenüber anbiedern und also nicht im alten Sinne des Wortes idiotisch sind, nach Adornos Dafürhalten vor allem eines: mutlose Opportunisten.

In konforme Kulturen lässt sich Bewegung bringen, indem nicht Anpassungsfähigkeit, sondern Aussergewöhnlichkeit, Originalität und Widerspruch prämiert wird – mit ökonomischem, sozialem und symbolischem Kapital. Zu prämieren wären demnach diejenigen, die vom Durchschnittstypus abweichen, und zwar umso mehr, je stärker sie dies tun: Auf diesem Wege nähme die Zahl der Idioten nach und nach zu, wodurch es zu einer Kultur käme, die den Namen «individualistisch» auch wirklich verdient.

Vor allem auf einem Gebiet würde eine Kultur der Individualität Schwung in die versteinerten Verhältnisse bringen: bei Debatten über soziale, ökologische oder geschlechtertheoretische Themen. Die Verschiedenheit der Gesichtspunkte, die Gegensätzlichkeit der Standpunkte, der Horizont der Debatte ganz allgemein erhöht sich mit unkonventionellen Akteuren. Und das wäre dringend nötig. Nur so kommt es zu Gesprächen, die vielleicht manchmal polemisch, aber immer kritisch und genau darum genuin aufklärerisch sind.

Das skeptische Argument

Zu Ende wäre es dann mit jener geistigen Armut, die sich einstellt, wenn die Besucher von hippen Kunstausstellungen, die Leser von trendigen Sachbüchern oder die Teilnehmer an Gesprächsabenden zu angeblichen oder tatsächlichen Fehlentwicklungen in der Geschichte nichts anderes zu bieten haben als unkritische Beifallssalven für die gerade angesagten Ideale.

Die ewige Wiederkehr des bornierten Miteinanderübereinstimmens wäre durchbrochen zugunsten der ewigen Wiederkehr des skeptischen Arguments. Statt auf die Bestätigung der eigenen Überzeugungen würde man häufiger auf Positionen treffen, welche die eigenen Überzeugungen infrage stellen – und dabei würde man, zumindest manchmal, etwas dazulernen.

Die Utopie einer durch und durch nonkonformistischen Gesellschaft ist seit je eine Utopie, deren Chancen auf Verwirklichung schlecht stehen. Dies gilt noch mehr nach dem erklärten «Ende der Illusionen» (Andreas Reckwitz). Denn es ist ein Gesellschaftsideal, das sowohl den Idealen der politischen Extreme als auch der politischen Mitte im Kern widerspricht. Während am radikalen Rand typischerweise die Anpassung des Individuums an den «Staat» oder die «Nation» gefordert ist, wird in den gemässigten Zonen die Anpassung an den «Markt» oder die «Wirtschaftslage» erwartet.

Emanzipiert, nicht geschlossen

Klar, ganz ohne «Geschlossenheit», ohne «Teamwork» im Wirtschaftlichen, ohne minimale Übereinstimmungen in Fragen des Zusammenlebens ist Gesellschaft nicht möglich. Das macht den Traum einer «idiotischen», von Individualisten geprägten Gesellschaft aber noch lange nicht obsolet. Er kann eine regulative Idee sein, ein Ziel setzen, das zwar nie erreichbar ist, aber erstrebenswert bleibt.

Nicht das, was nach dem grossen Konsens wünschenswert ist, nicht die Gleichheit der Bürgerinnen und Bürger ist in dieser Utopie das letzte Ziel. Sondern genau das Gegenteil. Im 66. Aphorismus der «Minima Moralia» schreibt Adorno: «Eine emanzipierte Gesellschaft (. . .) wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen.» Der bessere Zustand als der gegenwärtige sei der, «in dem man ohne Angst verschieden sein kann».

Christian Marty ist Ideenhistoriker, Journalist und Unternehmer. 2019 ist im Beltz-Verlag sein Buch «Max Weber. Ein Denker der Freiheit» erschienen.

Football news:

Die Bayern haben keine Angebote für Thiago bekommen, aber der Spieler hat sich bereits von der Mannschaft verabschiedet
Brunu, Martial, Ings und Jimenez – unter den Anwärtern auf den Preis der beste Spieler Juni in der APL
Barça-Spieler baten Javi, den Klub zu führen. Er will bis zum Rücktritt Netzers nicht verhandeln
Pep Guardiola: Jetzt ist de Bruyne der beste Mittelfeldspieler der Welt
Geheime Reisen, Charisma des Tschechen, Anrufe von Frankie, Granowskis perfekter Ruf: so hat Chelsea Werner und Ziesch abgefangen
Sané wird für die Bayern unter Nummer 10 spielen
Neville über Robertson: Im Spiel gegen City spielte er, als hätte er eine Woche nicht ausgetrocknet