Switzerland

Warum es hilft, berührt zu sein

In Corona-Zeiten gedeiht ein privates Gefühl, das zunehmend auch öffentlich zum Ausdruck kommt: Plötzlich sind wir gerührt, immer wieder.

Applaudieren für jene, die im Dienst einer höheren Sache sind: Zürcherinnen und Zürcher klatschen für das Pflegepersonal. Dankbar und gerührt.

Applaudieren für jene, die im Dienst einer höheren Sache sind: Zürcherinnen und Zürcher klatschen für das Pflegepersonal. Dankbar und gerührt.

Foto: Sabina Bobst

Sogar Angela Merkel zeigte diese Gefühlsregung, sie tat es mit deutlichen Worten. Als die Bundeskanzlerin in einer Ansprache an die Bürgerinnen und Bürger die zusätzlichen, noch stärker einschränkenden Regeln des Zusammenlebens in Deutschland nannte, sagte sie: «Die überwältigende Mehrheit hat verstanden, dass es jetzt auf jeden und jede ankommt. Dass sich so viele an diese Verhaltensregeln halten, berührt mich sehr.»

Das private Gefühl der Rührung ist auf einer der höchsten politischen Stufen angekommen, in aller Öffentlichkeit formuliert von einer der mächtigsten Frauen der Welt. Es wäre wenig erstaunlich, wenn manche Zuhörerin, mancher Zuhörer genau wegen dieses Satzes ebenfalls ergriffen gewesen wäre.

Gerührtsein ist ansteckend. Es durchfährt einen als empathischer Impuls. Es macht, dass wir uns einer Person oder einem bestimmten Moment zuneigen. Gleichzeitig werden wir uns selbst und die eigene Situation gewahr.

Wir alle sind im Ungewissen

Viele Schweizerinnen und Schweizer waren in jenen Minuten gerührt, als sie auf ihre Balkone traten und dem Pflegepersonal für seinen Einsatz gegen das Coronavirus applaudierten. Sie waren vielleicht aus Dankbarkeit gerührt, aber sicher waren sie es auch, weil sie andere Menschen auf anderen Balkonen erblickten und gemeinsam mit ihnen den Abwesenden zujubelten. Jenen, die weg waren, an der Front. Im Dienst wegen einer höheren Sache, die uns alle im Ungewissen lässt.

Und wie viele werden ergriffen gewesen sein, als sie an ihrer Haustür einen der zahlreichen Zettel mit dem Angebot zur Hilfe vorfanden?

Als sie von gemeinnützigen Projekten erfuhren und mitbekamen, wie manche es schafften, in der Krise zu improvisieren?

Als sie die Aufnahmen hörten von musizierenden Italienern, die mit ihren Gesängen und Instrumenten ganze Nachbarschaften beglückten (lesen Sie mehr zur herzerwärmenden Aktion in Italien)? Plötzlich wurden die Häuserfassaden zu einer einzigen Haut, und der Klang drang durch die Balkone und Fenster zu den Menschen hinein und berührte sie alle.

Neu für jene, die privilegiert leben

Solche Erfahrungen haben wir, wenn etwas tief in uns hineinreicht. Anders als unsere tägliche Sinneswahrnehmung, mit der wir uns in Raum und Zeit orientieren, fühlen sich diese Erfahrungen an, als hätte sich etwas Entscheidendes verändert. Gewissheiten kippen. Wir stellen fest, wie brüchig manches ist. Und wir neigen dazu, alles zu überhöhen.

Aber im Unterschied zum Kitsch, der oberflächlich rührt, ist das Leben mit der Gefahr eines Virus eine existenzielle Erfahrung. Wir, die wir privilegiert leben, ahnen erst jetzt, was das bedeutet.

Was Angela Merkel berührt hat, ist, dass sich viele Deutsche an die Regeln halten und «Fürsorge für ältere und vorerkrankte Menschen zeigen. So retten wir Leben», sagte sie in ihrer Rede. Auf die besondere Herausforderung haben die Menschen mit moralischer Verantwortung reagiert. Rührung anerkennt ausserordentliche Handlungen und will sie für einen Moment geniessen wie ein Kunstwerk. Sind wir gerührt, halten wir den Kontakt zu dem, was uns rührt.

Der deutsche Soziologe Helmut Rosa beschreibt diese Verbindung zwischen Individuum und Welt als Resonanzerfahrung. Sie ist gemäss Rosa eine individuelle Erfahrung des Ergriffenseins und für den Menschen identitätsstiftend. Wenn uns etwas Wertvolles anspricht, wollen wir darauf antworten. Wir involvieren uns, so gut wir können.

Wir treten hinaus auf den Balkon und applaudieren.

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