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Warum der Enkeltrick funktioniert: Ältere Menschen fallen eher auf Betrüger herein

Warum der Enkeltrick funktioniertÄltere Menschen fallen eher auf Betrüger herein

Senioren sind besonders anfällig dafür, abgezockt zu werden. Dabei könnte eine Eigenart des Gedächtnisses eine Rolle spielen, die sich im Lauf der Lebensjahre verstärkt.

Senioren erinnern sich leichter an Beispiele für das Gute, das macht sie auch anfällig.

Senioren erinnern sich leichter an Beispiele für das Gute, das macht sie auch anfällig.

Foto: Getty Images, iStockphoto

Gerade wanzen sich die Betrüger vermehrt per Whatsapp an ihre Opfer heran. Das alte Handy sei kaputtgegangen, heisst es dann zum Beispiel, deswegen schreibe sie, die Tochter, unter einer neuen, unbekannten Nummer. Oft kommen die Betrüger schnell zur Sache: Mal ist es ein Unfall, mal etwas anderes, auf jeden Fall stecke man finanziell in der Klemme und brauche rasch Unterstützung per Überweisung. Es handelt sich um die Messenger-Variante des altbekannten Enkeltricks – und besonders anfällig für Betrügereien dieser Art sind ältere Menschen.

Dabei könnte eine Eigenart des Gedächtnisses eine Rolle spielen, die sich im Lauf der Lebensjahre verstärkt. Senioren erinnern sich, grob vereinfacht formuliert, leichter an Beispiele für das Gute im Menschen. Gerade haben Psychologen um Karolina Lempert von der University of Pennsylvania in Philadelphia eine Studie publiziert, die diesen Zusammenhang nahelegt. Die Arbeit ist auf dem Preprint-Server «PsyArXiv» erschienen, das heisst, sie wurde noch nicht von unabhängigen Wissenschaftlern begutachtet.

Senioren erinnerten sich eher an faire Transaktionen

In den Experimenten der Psychologen um Lempert mit mehr als 200 Teilnehmern im Alter zwischen 18 und 92 Jahren zeigte sich, dass Erinnerungen sowie soziale Motive sich mit den Lebensjahren verschieben. Die Probanden mussten unter anderem eine Version des sogenannten Diktator-Spiels absolvieren. Dabei erhält eine Person einen Geldbetrag, den sie nach eigenem Gutdünken mit dem Spielpartner teilen kann. Die Psychologen zeigten den Teilnehmern nun Fotos der vermeintlichen Mitspieler und informierten über deren Verhalten in der Vergangenheit. Es war also möglich, sich ein Bild über die Fairness dieser Personen zu machen. Darauf kann schliesslich eine Strategie aufbauen: Die Geizkragen werden als Spielpartner gemieden, die spendablen Diktatoren bevorzugt.

Doch daran scheiterten die Senioren mit höherer Wahrscheinlichkeit als die Jungen. Ihr Gedächtnis sei dahingehend verzerrt, dass sie sich eher an faire Transaktionen erinnerten, auch wenn diese Erinnerungen nicht unbedingt zutreffend seien, so die Psychologen. Sie erinnerten sich auch leichter positiv an Individuen, die sie zuvor unfair behandelt hatten. Vermutlich, so die Autoren, bewerteten die älteren Probanden die Vertrautheit eines Spielpartners übermässig positiv. Nach dem Motto: Den kenne ich schon, deshalb muss er ein guter Mensch sein. Das könne auch jenseits des Labors eine Rolle spielen, wenn Senioren etwa zum wiederholten Mal Opfer desselben Betrügers werden.

«Kinder an die Macht» ist so gesehen vielleicht keine Spitzenidee.

Junge Teilnehmer erinnerten sich in den Experimenten hingegen übermässig stark an die Individuen, von denen sie unfair behandelt worden waren. Dahinter steckten vermutlich auch unterschiedliche soziale Motive, so die Autoren. Junge Menschen seien stärker darauf aus, sich materielle Vorteile zu verschaffen oder – freundlicher formuliert – sich eine materiell abgesicherte Zukunft aufzubauen. Da sei es wichtiger, sensibel auf negative Signale zu reagieren. Zudem verhielten sich Menschen in jungen Jahren häufiger unfair, als das in späteren Lebensphasen der Fall ist. Sie neigen auch etwas stärker zu Neidgefühlen und sind etwas häufiger mit narzisstischen, psychopathischen oder machiavellistischen Anflügen geschlagen.

Prosoziales Verhalten korreliert hingegen mit steigendem Alter. «Kinder an die Macht» ist so gesehen vielleicht keine Spitzenidee. Zudem, so das Team um Lempert, legten Senioren grösseren Wert darauf, soziale Kontakte zu pflegen. Salopp gesagt: Im Alter will man es anderen vielleicht etwas mehr recht machen, weil einen die Angst vor dem Verlust von Kontakten plagt. Da übt man dann wohl auch mehr Nachsicht mit unfairen Menschen.

Die Senioren unter den Probanden liessen sich auch stärker vom ersten Eindruck leiten, den die Fotos der vermeintlichen Partner im Diktator-Spiel erzeugten. Wer als vertrauenswürdig, grosszügig, attraktiv und kompetent empfunden wurde, auf den liessen sich insbesondere die älteren Probanden ein. Unter ökonomischen Gesichtspunkten sei dies die falsche Strategie, so die Psychologen: Der erste Eindruck von einem Menschen sage nämlich nichts über dessen tatsächliches Verhalten und die Frage aus, wie fair dieser einen Geldbetrag teilen würde.

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