Switzerland

Wagt Ambri-Sportchef Paolo Duca das «Jura-Experiment»?

Jonathan Hazen und Philip-Michael Devos. Bild: KEYSTONE/BIST

Eismeister Zaugg

Wagt Ambri-Sportchef Paolo Duca das «Jura-Experiment»?

Nie haben zwei ausländische Stürmer in der Schweiz eine Liga so dominiert wie Ajoies Philip-Michäel Devos und Jonathan Hazen. Nun lautet die bange Frage für Sportchef Vincent Léchenne: Gibt Ambri nächste Saison den beiden Kanadiern eine Chance in der höchsten Spielklasse?

Ambris Sportchef Paolo Duca ist mit viel Fleiss und Umsicht daran, die Mannschaft für die nächste Saison zusammenzustellen. Soeben hat er zwei weitere neue Spieler mit Zweijahresverträgen plus Option verpflichtet: Oltens Stürmer Stanislav Horanski (25, mehr als ein Punkt pro Spiel) wird auf nächste Saison ebenso nach Ambri wechseln wie Lakers-Verteidiger Cédric Hächler (26).

Es sind zwei risikolose, wohl überlegte Transfers, die nicht für Aufsehen sorgen. Viel entscheidender ist die Besetzung der Ausländer-Positionen. Wagt Ambris Sportchef das «Jura-Experiment» mit der Verpflichtung von Philip-Michäel Devos und Jonathan Hazen?

Eigentlich ist Vincent Léchenne (59) in seinem 8. Amtsjahr in einer komfortablen Lage. Wenn ein Sportchef in der Swiss League zwei gute Ausländer hat, dann ist er fast alle Sorgen los. Philip-Michäel Devos wird voraussichtlich zum sechsten Mal hintereinander die Skorerwertung der zweithöchsten Liga gewinnen und Jonathan Hazen zum fünften Mal auf dem zweiten Platz landen. Die beiden 29-jährigen Kanadier sind für die Swiss League, was einst Wayne Gretzky und Jari Kurri für Edmonton in der National Hockey League: ein Duo wie Blitz und Donner. Was Mittelstürmer Philip-Michäel Devos mit seinem Genie aufs Eis blitzt, donnert sein Flügel Jonathan Hazen ins Netz. Auch diese Saison produzieren beide als einzige Spieler der Swiss League mehr als zwei Punkte pro Spiel.

Die Skorerliste der Swiss League. screenshot: sihf

Mit diesen Statistiken müssten die beiden kanadischen Stürmer auch für die Klubs der National League ein Thema sein. Zumal beide zusammen weniger kosten als ein guter NL-Ausländer. Aber sie sind es nicht.

Hin und wieder haben sich die Sportchefs in den letzten Jahren mit der «Jura-Frage» befasst. Unter anderem in Langnau und Biel. Und alle sind zum Schluss gekommen: Ajoies kanadisches Duo ist nicht gut genug für die höchste Liga. Die wichtigsten Bedenken: zu wenig schnell (vor allem Devos) und physisch zu wenig robust. Und könnten beide auch dann so produktiv sein, wenn sie in der National League nicht mehr so viel Eiszeit wie in Ajoie bekommen? Wären sie überhaupt dazu in der Lage, sich in ein taktisches Konzept einzufügen – was etwa in Langnau unerlässlich wäre? Sie gelten als offensive Freidenker. Und das macht die Sportchefs misstrauisch.

Die National League ist inzwischen eine der besten Ligen der Welt geworden. Wer in unserer höchsten Spielklasse dominiert, ist gut genug für die NHL. Was diese Saison Dominik Kubalik (letzte Saison Ambri) und Elvis Merzlikins (letzte Saison Lugano) beweisen.

Also muss ein ausländischer Stürmer so gut sein, dass er auch in der NHL mithalten könnte. Aber weder Philip-Michäel Devos noch Jonathan Hazen haben es bis in die NHL gebracht, ja nicht einmal bis in den NHL-Draft. Und das bedeutet, dass die Scouts beide als nicht tauglich für die NHL taxiert haben.

Hinzu kommt: in der Neuzeit hat sich eigentlich erst ein ausländischer Stürmer aus der zweithöchsten Liga auch in der National League durchgesetzt: Langnaus Chris DiDomenico. Er wechselte aus der italienischen Operettenliga nach Langnau in die NLB, stieg mit den Emmentaler auf, schaffte es dann zwischenzeitlich sogar in die NHL und gehört heute zu den charismatischsten Offensivspielern der Liga.

Chris DiDomenico hat sich in der National League durchgesetzt. Bild: KEYSTONE/Ti-Press

Vincent Léchenne ist schon ein wenig beunruhigt. Er sagt, seine beiden kanadischen Stürmer seien noch bis zum Ende der nächsten Saison vertraglich an Ajoie gebunden. «Aber beide haben eine Ausstiegsklausel für die National League, die sie bis Ende März aktivieren können.» In der Vergangenheit sei ein Ausstieg nie ein Thema gewesen. Nun sei es aber anders. «Es gibt Interesse von Klubs aus der höchsten Liga. Aber noch liegen keine Offerten vor.»

Der Grund für das Interesse: der Cup. Ajoie hat auf dem Weg in den Cupfinal (am 2. Februar in Lausanne gegen Davos) gleich drei NL-Klubs eliminiert: Lausanne (4:3 n.V), die ZSC Lions (6:3) und im Halbfinale sogar den Lokalrivalen Biel (4:3). Bei 10 der insgesamt 16 Treffer hatten Philip-Michäel Devos und Jonathan Hazen die Stöcke direkt im Spiel. Sie treffen also auch gegen die Titanen aus der höchsten Liga.

Vincent Léchenne bestätigt unter anderem Ambris Interesse. Das macht Sinn. Paolo Duca hat auf den Ausländerpositionen mehr Spielraum als alle anderen Amtskollegen: sämtliche Verträge mit dem ausländischen Personal laufen per Ende Saisonaus. Ambri ist der einzige Klub der Liga, der für nächste Saison noch keinen Ausländer unter Vertrag hat. Spielraum für das Engagement von zwei ausländischen Stürmern muss wohl sein: es würde wenig Sinn machen, nur einen der beiden Ajoie-Kanadier zu verpflichten oder jeweils einen der beiden auf die Tribüne zu setzen.

Schlägt Ambri-Sportchef Paolo Duca zu? Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Doch zurück zu Ambri: für eine Vertragsverlängerung eignen sich in Ambri eigentlich nur Mittelstürmer Brian Flynn (31) und Topskorer Matt D’Agostini (33). Ambri könnte mit Philip-Michäel Devos und Jonathan Hazen seine offensive Feuerkraft im Vergleich zu dieser Saison beträchtlich erhöhen. Es wäre nicht einmal notwendig, mehr Geld zu investieren. Verhandelt Paolo Duca geschickt – und das kann er – dann kosten ihn das «Jura-Experiment» nicht viel mehr als diese Saison Matt D’Agostini. Und er hätte dann für nächste Saison noch genug Budget für einen fünften Ausländer – der könnte beispielsweise der aktuelle Verteidiger Nick Plastino sein. Bei ihm stimmt wenigstens das Preis-Leistungsverhältnis.

Sollte eine konkrete Offerte von Ambri auf den Tisch kommen, dann weiss Vincent Léchenne bereits was er tun wird. «Wir werden Devos und Hazen so oder so eine vorzeitige Vertragsverlängerung offerieren.» Beispielsweise um drei Jahre, aber ohne Ausstiegsklausel für die National League. Eine vielversprechende Strategie des klugen Sportchefs, der Ajoie zu einem SL-Spitzenteam gemacht hat. Die Sicherheit eines Mehrjahresvertrags für ein Leben in der Ajoie, in dieser wunderbaren Landschaft der sanften Hügel, die stark an das heimatliche Quebec mahnt, ist mindestens so verlockend wie ein «Abenteuer National League». Oder anders gesagt: lieber in Ajoie den Spatz in der Hand als in der höchsten Liga die Taube auf dem Dach.

Die Prognose ist nicht allzu gewagt: entweder verlängern Philip-Michäel Devos und Jonathan Hazen vorzeitig bei Ajoie oder sie wechseln nach Ambri. Vincent Léchenne sagt zwar, es gebe auch ein gewisses Interesse aus Lugano. Aber es wäre denn doch eine Überraschung, wenn auf einmal zwei kanadische Stürmer aus der Swiss League den Ansprüchen des «Grande Lugano» genügen. Und eine noch grössere Überraschung wäre eine Wiederbelebung des Interesses von Langnau. Dort werden offensive Freidenker wie Philip-Michäel Devos und Jonathan Hazen eher skeptisch betrachtet.

Aber man weiss ja nie.

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