Switzerland

«Vorbild für die Welt»: Die Slowakei will fast die ganze Bevölkerung auf Corona testen – die Sinnhaftigkeit ist jedoch zweifelhaft

Der populistische Regierungschef Matovic sorgt mit einem ebenso visionären wie unausgegorenen Plan für Verwirrung. Experten warnen davor, die Massentests könnten eine falsche Sicherheit vorgaukeln.

Social Distancing bei der Hauptprobe: Am Wochenende liessen sich unter anderem in Nizna 140 000 Slowakinnen und Slowaken auf Corona testen.

Social Distancing bei der Hauptprobe: Am Wochenende liessen sich unter anderem in Nizna 140 000 Slowakinnen und Slowaken auf Corona testen.

Radovan Stoklasa / Reuters

Igor Matovic ist überzeugt, dass die Slowakei an den nächsten beiden Wochenenden Geschichte schreiben wird. «Wenn wir es schaffen, das durchzuziehen, können wir zum Vorbild für die ganze Welt werden», erklärte der Regierungschef des ostmitteleuropäischen Landes seinen Plan, praktisch die gesamte Bevölkerung auf das Coronavirus zu testen. Die Generalprobe ging am Wochenende erfolgreich über die Bühne: 141 000 Menschen wurden in den vier am stärksten betroffenen Regionen Schnelltests unterzogen, 5600 von ihnen erhielten ein positives Resultat. Sie mussten sich in Isolation begeben. «Extrem zufrieden» sei er, meinte Matovic danach.

Unklare Grundlagen

Die Überprüfung fast aller 5,5 Millionen Slowakinnen und Slowaken über 10 Jahren an den nächsten beiden Wochenenden – Ausnahmen gibt es etwa für Bewohner von Pflegeheimen – stellt aber eine ganz andere Herausforderung dar: 20 000 Freiwillige und Mitarbeiter des Gesundheitssektors sollen ab Samstagmorgen mit Antigen-Tests im Schnitt 35 Proben pro Stunde entnehmen.

Die Regierung hofft, so die seit Wochen stark steigende Zahl von Neuinfektionen zu reduzieren und damit einen Lockdown zu verhindern. Zwar ist die Lage im ostmitteleuropäischen Land nicht so dramatisch wie etwa in Tschechien, das wegen voller Intensivstationen bereits Aufrufe zur Unterstützung an die Nachbarländer machte. Doch das slowakische Gesundheitssystem gilt als schwach, weshalb die Regierung alles versucht, um es vor einer noch härteren Belastungsprobe zu bewahren.

Der Plan des populistischen Ministerpräsidenten klingt zwar visionär, wirft aber bei genauerer Betrachtung vor allem Fragen auf. Matovics vollmundige Ankündigung der Schnelltests kam Mitte Oktober völlig überraschend, sogar für seine Partner in der Regierung. Seither wirkt das Vorgehen ziemlich improvisiert, was sich bei der Testreihe am letzten Wochenende etwa darin äusserte, dass erst im letzten Moment Ausnahmen für 25 000 Angehörige von Risikogruppen erfolgten.

Igor Matovic, der politisch schwer fassbare Ministerpräsident der Slowakei.

Igor Matovic, der politisch schwer fassbare Ministerpräsident der Slowakei.

Ondrej Deml / Imago

Die Städtevereinigung erklärte Anfang Woche, sie halte die nationalen Tests für undurchführbar, da klare Anweisungen fehlten. Diese erteilte der Verteidigungsminister zwar am Dienstag in Teilen, bat dabei aber vor allem um die aktive Mitarbeit der Gemeinden und um Verständnis dafür, dass man bis zum letzten Moment an einigen Problemen arbeiten müsse.

Harte Hand

Selbst Regierungsmitglieder gestehen ein, dass ungewiss ist, woher die personellen Ressourcen für die Durchführung kommen sollen. Bisher haben sich 12 000 Freiwillige angemeldet, es fehlen mindestens 8000. Diese Zahl könnte noch steigen, da ein Teil der bei den Pilot-Tests eingesetzten Personen einen positiven Corona-Befund erhielten und deshalb ausfallen. Der Gesundheitsminister hat deshalb eine mögliche Verpflichtung des Pflegepersonals und der Ärzte zur Teilnahme angedeutet, was deren Interessenvertretungen jedoch strikt ablehnen. Ihre Hauptsorge gelte den Patienten, nicht den Tests, meinte etwa der Vorsitzende der slowakischen Ärztekammer.

Widersprüchlich ist auch, dass die Testungen zwar offiziell auf freiwilliger Basis erfolgten, Verweigerer, die kein negatives Resultat vorweisen können, bei den gleichzeitig in Kraft getretenen Ausgangsbeschränkungen aber stark benachteiligt werden. Sie dürfen das Haus nur von 13 bis 17 Uhr verlassen, ausserhalb dieser Zeiten nur für Arztbesuche und dringende Besorgungen. Getestete Personen hingegen dürfen auch zur Arbeit, ihre Kinder zur Schule bringen und Sport treiben.

Verstösse, auch gegen die Maskenpflicht, werden mit hohen Bussen geahndet. Die Unzufriedenheit über die harte Hand der Behörden hat am Wochenende bereits zu gewalttätigen Demonstrationen in der Hauptstadt Bratislava geführt. Die Regierung musste wie die meisten anderen in Europa innert kürzester Zeit die Zügel stark anziehen und erlebt deshalb gerade einen Vertrauensverlust, den einflussreiche Verschwörungstheoretiker im Internet noch beschleunigen.

Zeit gewinnen

Dennoch soll die harte Linie gegenüber Verweigerern auch bei den nationalen Tests angewendet werden – trotz erheblichen Zweifeln an deren Legalität. «Wenn man bestraft wird, ist es nicht mehr freiwillig», kritisierte die liberale Staatspräsidentin Zuzana Caputova die Verknüpfung der Teilnahme mit Strafmassnahmen. Juristen rechnen damit, dass letztlich das Verfassungsgericht über die Zulässigkeit von Sanktionen entscheiden muss.

Schliesslich melden Experten grundlegende Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Unternehmens an. Antigen-Tests sind deutlich weniger verlässlich als die üblichen, aber auch teureren PCR-Tests. Die Genauigkeit der Tests bei Infizierten liegt zwischen 60 und 90 Prozent, je nachdem, ob Personen ohne oder mit Symptomen getestet werden. Zudem brauchen die Antigen-Tests eine höhere Viruskonzentration, um einen positiven Befund abzugeben. Viele Fälle bleiben deshalb unentdeckt.

Angesichts dieser Kritik warnte auch Ministerpräsident Matovic das Land davor, sich nach den Massentests in falscher Sicherheit zu wiegen. Auch ein vollständiger Lockdown zu einem späteren Zeitpunkt könne nicht ausgeschlossen werden. Der Vorsitzende der Ärztekammer, Marian Kollar, erklärte gegenüber der Zeitung «Sme», die Massentests könnten die Ausbreitung höchstens verlangsamen und dem Land so Zeit verschaffen. «Die Frage ist, ob wir diese gut genug nutzen, um die Infrastruktur zur Bekämpfung der Pandemie zu verbessern.»

Mitarbeit: Stephanie Lahrtz, München

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