Switzerland

Vor dem Australian Open: Die bange Frage nach Federers Rücktritt

Roger Federers Start in die neue Tennis-Saison wird von der Frage begleitet, ob 2020 sein letztes Jahr auf der Tour sein wird. Die Popularität des Schweizers ist ungebrochen hoch, obwohl ihn Rafael Nadal und Novak Djokovic sportlich überholt haben und statistisch bedrängen.

Nur Roger Federer selber weiss vor dem Start in die neue Saison, wie lange er noch auf der Tour bleibt.

Nur Roger Federer selber weiss vor dem Start in die neue Saison, wie lange er noch auf der Tour bleibt.

Scott Barbour / EPA

Es gab eine Zeit, da war Roger Federer der grosse Favorit, egal wann und wo er zu einem Tennisturnier antrat. Das ist längst vorbei. Zuerst löste ihn Rafael Nadal als ersten Titelanwärter ab, dann auch Novak Djokovic. Nun, vor dem Australian Open 2020, wird Federer von den meisten Wettanbietern sogar nur noch als Nummer 4 geführt. Auch Daniil Medwedew hat ihn überholt.

Der 23-jährige Russe ist der Kopf einer Gruppe von Spielern, die die Jagd auf die alten Dominatoren aufgenommen hat. Medwedew war in der zweiten Hälfte der vergangenen Saison mit einer bemerkenswerten Siegesserie in die Top 3 vorgestossen, ehe ihm am Schluss die Kraft ausging. Hinter ihm entwickelte sich der Österreicher Dominik Thiem mit 26 Jahren vom Sandplatzspieler zum Allrounder. Und der erst 21-jährige Grieche Stefanos Tsitsipas begann die vergangene Saison in Melbourne mit einem Achtelfinalsieg gegen Federer und krönte sie im November an den ATP-Finals in London mit dem ersten grossen Titel. 

Djokovic der klare Favorit

Doch noch fehlt diesen Spielern ein Major-Sieg, um die alten Männer an der Spitze endgültig herauszufordern. In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten sammelten Federer, Nadal und Djokovic zusammen 55 Grand-Slam-Titel. Nur Stan Wawrinka, Andy Murray, Juan Martín Del Potro und Marin Cilic vermochten deren Dominanz im letzten Jahrzehnt kurzzeitig zu durchbrechen.

Auch zu Beginn der neuen Saison ist Novak Djokovic der unumstrittene Favorit auf den ersten grossen Titel. Der Serbe hat in Melbourne bereits siebenmal und mehr als jeder andere gewonnen. Er meldete seinen Anspruch auf einen achten Sieg down under zuletzt mit einem überragenden Auftritt am neu geschaffenen ATP-Cup an. Die Bedingungen auf den relativ langsamen Hartplätzen im Melbourne Park kommen dem Verteidigungskünstler entgegen.

Djokovic ist der potenzielle Halbfinalgegner Roger Federers. Doch der Baselbieter wird sich hüten, vor dem ersten grossen Rendez-vous der neuen Saison so weit vorauszublicken. Die Geschichte warnt ihn vor Übermut. Federer hatte vor drei Jahren in Melbourne mit dem überraschenden Sieg nach halbjähriger Verletzungspause zwar seine Karriere im Spätherbst noch einmal lanciert. In den folgenden 18 Monaten gewann er seine Grand-Slam-Titel Nummer 18, 19 und 20 und kehrte noch einmal für acht Wochen an die Rankingspitze zurück. 

Doch seit seinem achten Titel im Sommer 2017 in Wimbledon ist Federers Grand-Slam-Bilanz für seine Verhältnisse bescheiden. Nur noch an zwei von sechs Turnieren kam er über die Viertelfinals hinaus. Viermal scheiterte er an Spielern, die ihn noch bis vor kurzem kaum hätten gefährden können: 2018 in Wimbledon am Südafrikaner Kevin Anderson (ATP 8) und am US Open am Australier John Millman (55), 2019 in Melbourne an Stefanos Tsitsipas (15) und in New York am Bulgaren Grigor Dimitrow (78).

Immerhin ist Federers Auslosung in Melbourne auf den ersten Blick günstig. Dimitrow, mittlerweile unter anderem dank seinem New Yorker Sieg gegen den Schweizer wieder die Nummer 18, ist der bestklassierte Gegner in seinem Tableau-Achtel. Potenzieller Viertelfinalgegner Federers ist mit dem Italiener Matteo Berrettini (8) der unerfahrenste Spieler aus den Top 10. Erst dann würde mutmasslich Djokovic als ultimativer Test warten.

Vollgepackter Sommer

Doch erstmals seit 2013 steigt Federer ohne einen ernsthaften Match in den Beinen ins Australian Open. Statt wie geplant den ATP-Cup zu bestreiten, trainierte er in Dubai und genoss ein paar zusätzliche Tage Erholung im Kreis der Familie. Federer hofft, dass ihm diese Investition später in der Saison zugute kommt. Sein Programm 2020 ist ambitioniert. Neben den vier Major-Turnieren und den üblichen Fixpunkten wie Dubai, Indian Wells, Halle, Cincinnati und Basel will er auch ein fünftes Mal an den Olympischen Spielen teilnehmen.

Im Sommer hat er innerhalb von zwei Monaten mit Wimbledon, den Spielen in Tokio und dem US Open drei wichtige Termine. Mitten in diesem Stressprogramm wird Federer seinen 39. Geburtstag feiern. Nicht wenige wollen im dichtgedrängten Kalender ein Zeichen seines nahenden Rücktritts sehen. Sie mutmassen, der wenn nicht beste, dann sicher populärste Tennisspieler begebe sich auf Abschiedstournee.

An der Wohltätigkeitsveranstaltung vom Mittwoch war Federer der Star unter Stars. Auf dem Bild (von links nach rechts): Roger Federer, Nick Kyrgios, Naomi Osaka, Alexander Zverev, Dominic Thiem, Serena Williams, Caroline Wozniacki, Petra Kvitova, Coco Gauff, Novak Djokovic, Stefanos Tsitsipas und Rafael Nadal.

An der Wohltätigkeitsveranstaltung vom Mittwoch war Federer der Star unter Stars. Auf dem Bild (von links nach rechts): Roger Federer, Nick Kyrgios, Naomi Osaka, Alexander Zverev, Dominic Thiem, Serena Williams, Caroline Wozniacki, Petra Kvitova, Coco Gauff, Novak Djokovic, Stefanos Tsitsipas und Rafael Nadal.

Scott Barbour / AP

In Australien und auch im Rest der Welt versuchen die Tennis-Anhänger jeden seiner Schritte, jede seiner Aussagen zu deuten. Die Frage «Wie lange noch, Roger?» hängt über jedem seiner Auftritte. Federers Popularität ist ungebrochen hoch. Das zeigte der Auftritt an der Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten der Opfer der verheerenden Buschfeuer am Mittwoch, an der er der unumstrittene Star des Abends war.

Statistisch aber rücken Nadal und Djokovic immer näher. Der 33-jährige Spanier liegt nur noch einen Major-Titel hinter Federer, dem ein Jahr jüngeren Serben fehlen noch vier. Es scheint eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen Federer den wohl wichtigsten Rekord von 20 Major-Titeln entreisst. Doch wer weiss: Vielleicht rettet ihn der Durchbruch der neuen Generation.