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Von Kopf bis Fuss: Faszination «True Crime»: «Ich sehe Verbrechen eher abstrakt wie ein Sudoku»

Warum zieht uns das Böse an? Und was lösen TV-Serien über wahre Verbrechen in uns aus? Ein Gespräch mit Kriminalpsychologin Lydia Benecke.

«Verbrechen sind seit meiner Kindheit mein Spezialinteresse»: Kriminalpsychologin Lydia Benecke.

«Verbrechen sind seit meiner Kindheit mein Spezialinteresse»: Kriminalpsychologin Lydia Benecke.

Foto: Alexander Spanke

In den letzten Jahren sind «True Crime»-Formate immer populärer geworden. Sei das durch Netflix, Youtube, Podcasts, Bücher oder Magazine. Warum zieht das Böse so viele Menschen an?

Wenn man sich die Geschichte anschaut, war das Interesse an besonders schauderhaften, wahren Kriminalgeschichten schon immer vorhanden. Als ich mich bereits in meiner Kindheit in den frühen 90er-Jahren mit Kriminalfällen zu beschäftigen begann, gab es zahlreiche Berichte über internationale Fälle in den Printmedien und abendfüllende Verfilmungen derselben auf den damals nur fünf Fernsehsendern. Auch True-Crime-Bücher waren reichlich vorhanden. Der Grund, warum wir heute glauben, dass das Interesse an diesem Thema grösser sei, ist aus meiner Sicht die rasante Vermehrung verfügbarer Medien aller Art. Aufgrund des Internets ist das Angebot zu jedem denkbaren Thema deutlich gewachsen.

Es scheint, als habe es in den letzten Jahrzehnten immer mehr schwere Verbrechen gegeben. Stimmt diese Einschätzung?

Es scheint eher so zu sein, dass diese durch die vergrösserte Medienvielfalt allgegenwärtiger geworden sind. Dies hat auch den Effekt, dass Menschen glauben, es sei heutzutage gefährlicher als früher, was objektiv nicht der Fall ist. Schwere Verbrechen haben in den letzten fünfzig Jahren in unserer Lebensregion kontinuierlich abgenommen, doch weil eben immer mehr Medien verfügbar wurden und die Menschen daher heute mehr entsprechende Berichte wahrnehmen, empfinden viele Menschen fälschlich, es gäbe mehr schwere Verbrechen als früher.

Was löst es in uns aus, wenn wir solche Formate anschauen?

Schaurige Geschichten haben schon immer das Interesse von Menschen auf sich gezogen. Einerseits erregen Wahrnehmungen, die mit Gefahr verbunden sind, aus evolutionären Gründen unwillkürlich unsere Aufmerksamkeit. Gefahrenquellen schnell wahrzunehmen und einzuschätzen, kann ein Vorteil sein. Dies ist wahrscheinlich auch der evolutionäre Grund für das Phänomen der Gaffer an Unfallorten. Ausserdem ist der Konsum von Inhalten, die mit der Empfindung des «Gruselns» verbunden sind, für viele Menschen tendenziell angenehm. Diese Empfindung ist mit der Ausschüttung von Adrenalin und Glückshormonen verbunden. Der entscheidende Unterschied zur unangenehmen Empfindung von Angst ist, dass Gruseln in einem sicheren Kontext erlebt wird, es besteht in dieser Situation keine reale Gefahr für die Person, und sie hat die Kontrolle darüber.

In Internetforen tauschen sich auch viele Menschen zu berühmten Verbrechen aus.

Hier kommt der Aspekt des «Miträtselns» hinzu, wenn ein Fall noch nicht geklärt ist. Einige True-Crime-Fans wollen wissen, wie Ermittlungen durchgeführt werden, welche Ermittlungsmethoden die Polizei genau verwendet. In diesem Kontext gibt es eben all diese Internetforen mit Privatpersonen, die versuchen, durch Informationsaustausch und gemeinsame Überlegungen, Vermissten- und Kriminalfälle zu lösen.

«Es könnte sein, dass das stärkere True-Crime-Interesse bei Frauen mit einem generell stärkeren Interesse für Menschen und Psychologie zusammenhängt.»

Viele beschäftigt auch die Frage, wie es möglich ist, dass solch «unmenschliche» Verbrechen von oft ganz unscheinbaren Zeitgenossen begangen werden.

Besonders grausame Straftaten werden nicht zufällig als «unmenschlich» bezeichnet. Der Begriff an sich sagt schon aus, dass die Tat etwas ist, was man einem Menschen mit menschlichen Eigenschaften eigentlich kaum zutrauen würde. Hiermit einher gehen Bezeichnungen wie «Monster» oder «Bestie», die man in allen Kulturen und Zeiten bezogen auf schwere Straftäter und Straftäterinnen findet. Die Täter werden aufgrund ihrer Taten in der Wahrnehmung – und mit dieser einhergehenden Bezeichnung – zu jemandem, der ausserhalb der anderen Menschen steht. Daraus ergibt sich die Frage, was diese Menschen von allen anderen Menschen unterscheidet. Bei dieser Frage sind Psychologie und Psychiatrie für viele Menschen als Wissenschaften zur Erklärungsfindung besonders interessant.

Gibt es eigentlich Studien über die Motivation von True-Crime-Konsumenten?

Unter Menschen, die True-Crime interessant finden, gibt es jene, die besonders die Ermittlungsmethoden und die Lösung der Fälle interessiert, und jene, die besonders die Lebensgeschichte und Psyche der Täterschaft nachvollziehen möchten. Und dann gibt es natürlich auch wieder jene, die das ganze Spektrum spannend finden. Es gibt nicht die eine Erklärung oder den einen typischen Menschen, der von True Crime begeistert ist. Leider ist dies aber kein Thema, das bisher ein relevantes Forschungsinteresse geweckt hätte. Daher gibt es bis heute nicht ansatzweise genug verlässliche Erkenntnisse, um hier sichere Aussagen treffen zu können. Die letzte Studie zum Thema, die grössere Aufmerksamkeit erregte, ist aus dem Jahr 2010 und ihre Ergebnisse werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Stimmt meine Vermutung, dass vor allem Frauen True Crime lieben? Und wenn ja, warum?

Es wird international berichtet, dass Frauen mehr True-Crime-Bücher kaufen und auch entsprechende Sendungen und Podcasts stärker konsumieren als Männer. Allerdings gibt es bis heute keine sichere Antwort auf die Frage nach dem Warum, lediglich Hypothesen. In der erwähnten Studie wurde als Interpretation der Ergebnisse angeboten, dass Frauen sich einen praktischen Nutzen vom True-Crime-Konsum versprechen würden. Demzufolge würden sie sich gewissermassen durch den Konsum davor schützen wollen, selbst zum Verbrechensopfer zu werden.

Kann es nicht sein, dass mehr Frauen an den psychologischen Zusammenhängen interessiert sind, weil sie allgemein als empathischer gelten?

Es könnte durchaus sein, dass das stärkere True-Crime-Interesse bei Frauen mit einem generell stärkeren Interesse für Menschen und Psychologie zusammenhängt. In Ermangelung an umfassenden Forschungsergebnissen gibt es aber keine gesicherte Erklärung. Daher würde ich mir deutlich mehr Forschung in diesem Bereich wünschen.

«Es gibt die Hypothese, dass Frauen unbewusst durch den romantisierten Kontakt mit Tätern Kontrolle wiedererlangen und sich aufwerten wollen.»

Es sind ja in erster Linie auch Frauen, die verurteilten Mördern und Gewaltverbrechern ins Gefängnis schreiben. Und sie teilweise sogar heiraten. Hat das Böse einen besonderen Reiz für sie, oder wo sehen Sie die Beweggründe dafür?

Zwei bekannte Bücher, die sich diesem Thema gewidmet haben, sind «Women Who Love Men Who Kill» von Sheila Isenberg und «Wenn Frauen Verbrecher lieben» von Elisabeth Pfister. Man kann anhand der darin dargelegten Fallbeschreibungen feststellen, dass scheinbar viele der Frauen selbst im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Misshandlungen – bis in ihre Kindheit zurückreichend – erlebten. In diesem Zusammenhang besteht die Hypothese, dass diese Frauen unbewusst durch den romantisierten Kontakt mit Tätern Kontrolle wiedererlangen und sich aufwerten wollen. Solange der Täter in Haft sitzt, hat eine solche Frau schliesslich sowohl eine persönliche Sicherheit, als auch die Kontrolle über die Beziehung, da sie entscheidet, ob und wann sie schreibt, etwas schickt, ihn besucht.

Als Kriminalpsychologin beschäftigen Sie sich einen Grossteil Ihres Alltags mit Mord und Totschlag. Was macht für Sie die Faszination aus?

Ich habe ab etwa meinem elften Lebensjahr damit begonnen, Kriminalfälle nach Subtypen zu kategorisieren. Hierfür habe ich Zeitungsausschnitte gesammelt und entsprechende Sendungen aus dem Fernsehen auf VHS-Kassetten aufgenommen. Verbrechen sind also seit meiner Kindheit mein Spezialinteresse und bis heute beschäftige ich mich mit diesen nicht nur beruflich, sondern auch privat. Ich wollte von Anfang an wissen, warum sich bestimmte Taten und Tätertypen auf der ganzen Welt, in allen Zeiten und Kulturen wiederholen. Antworten fand ich in der Psychologie, die das Fühlen, Denken und Handeln von Menschen wissenschaftlich messbar und erklärbar macht.

Lösen besonders schlimme Mordfälle bei Ihnen nicht manchmal auch Unbehagen oder Ängste aus?

Ich sehe Verbrechen eher abstrakt als Logikrätsel – wie ein Sudoku. Durch die eher analytische Perspektive belastet mich all das, was ich weiss und gesehen habe nicht übermässig emotional. Die direkte Arbeit mit Straftätern und Straftäterinnen im therapeutischen Kontext ermöglicht mir, viele Fälle sehr ausführlich betrachten zu können und diese Fälle wiederum mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die uns bereits vorliegen, zu verbinden. Dadurch lerne ich immer wieder dazu und trage – wie meine Kollegen und Kolleginnen – dazu bei, Verbrechen zu verhindern. Durch Fortbildungen, die ich beispielsweise für die Polizei anbiete, kann ich das Wissen wiederum weitergeben, um auch zur Aufklärung von Verbrechen beizutragen. Somit hilft mein Spezialinteresse sogar dabei, die Welt etwas zu verbessern und das macht mich glücklich.

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