Switzerland

«Von Jugendlichen wird ein unnatürliches Verhalten erwartet»

Die Isolation ist auch für Jugendliche hart. Der Kinder- und Jugendpsychiater Jochen Kindler erklärt, wie Eltern ihren Teenagern helfen können.

Jugendliche wollen sich mit Gleichaltrigen treffen. Nun müssen sie allein und bei den Eltern bleiben.

Jugendliche wollen sich mit Gleichaltrigen treffen. Nun müssen sie allein und bei den Eltern bleiben.

Symbolbild: Fotolia

Verstehen die Jugendlichen den Ernst der Lage?

Ja. Die Alltagsstrukturen fallen weg. Die Pandemie fällt für Jugendliche in die Ablösungsphase. Diese ist ein normaler Prozess, der mit der sozioemotionalen und hormonellen Entwicklung einhergeht. Die Wertvorstellungen der Eltern werden nun infrage gestellt. Es zieht die Jugendlichen zu Gleichaltrigen und auch zum andern Geschlecht. Die vom Bund verordneten Massnahmen verlangen nun von ihnen das Gegenteil dessen, was für sie natürlich wäre. Sie müssen bei den Eltern bleiben, dürfen nicht nach draussen gehen und gemeinsam feiern. Vor zwei Wochen empfanden das viele als Störung. Doch je schärfer die Regeln des Bundes wurden, desto mehr kam es an.

Regeln sind für Jugendliche dazu da, gebrochen zu werden.

Viele Jugendlichen denken an ihre Nächsten. Ein grosser Teil rüttelt nicht am Social Distancing, das sie als sinnvoll erkennen.

Warum fällt es Jugendlichen allgemein schwer, Regeln einzuhalten?

Es gehört zum Erwachsenwerden. Für jüngere Kinder kommen die Regeln von den Eltern. Im Jugendalter suchen sie eigene. Wenn sie erwachsen sind, erkennen sie meist den Sinn und übernehmen die Regeln.

Was ist für Jugendliche in der Corona-Krise besonders hart?

Viele Jugendliche haben vermutlich Angst, selbst schwerer zu erkranken oder ältere Menschen anzustecken, auch wenn sie es nicht sagen. Für die meisten ist hart, dass sie ihre realen Kontakte nicht mehr pflegen können. Der digitale Kontakt kann den realen zwar überbrücken, aber nicht voll ersetzen. Und das ist gut so. Es ist möglich, sich digital zu verlieben oder Freundschaften zu schliessen, aber es fühlt sich anders an – es fehlt etwas. Ich glaube aber, dass die Jugendlichen nach der Krise vieles aufholen, was sie nun verpassen. In der realen Welt müssen die Jugendlichen zudem lernen, Konflikte auszuhalten und zu führen.

Es ist zwar möglich, sich digital zu verlieben oder Freundschaften zu schliessen, aber es fühlt sich anders an – es fehlt etwas.

Das tun sie nun vermutlich umso mehr mit den Eltern.

Ja, die Eltern werden zu einer Art Reibebaum. Sie müssen wissen, dass die Konfliktfähigkeit für die psychische Gesundheit der Jugendlichen wichtig ist. Eltern sollten den Streit daher nicht als ein Scheitern betrachten und nicht zu persönlich nehmen. Sie sollten aber mit den Jugendlichen gemeinsam gewisse Regeln definieren, die im Streit nicht überschritten werden. Körperliche und verbale Gewalt geht gar nicht. Das gilt für die Eltern wie für die Jugendlichen.

Wie können Eltern ihre Teenager unterstützen?

Sie sollten die Privatsphäre der Jugendlichen respektieren und etwa an die Zimmertür klopfen. Jugendliche wollen gewisse Freiheiten, und sie sollten auch mal rausdürfen und sich im Rahmen der Vorgaben mit anderen treffen. Allgemein ist es in der Isolation sinnvoll, so weit wie möglich Raum zu geben und Raum zu nehmen und etwa Zeiten zu definieren, die man gemeinsam verbringt, und solche, die man allein verbringt.

Und was können die Jugendlichen selbst tun, um sich wohler zu fühlen?

Auch wenn sie sich am liebsten verkriechen würden, sollten sie bewusst ihre Kontakte digital oder telefonisch pflegen und mal rausgehen. Wenn man in einer Negativspirale ist, braucht dies am Anfang Kraft. Aber es ist wichtig, mit den Eltern und den Freunden in Beziehung zu bleiben. Und nicht alle Jugendlichen sitzen daheim. Viele engagieren sich sozial und bieten beispielsweise Nachbarschaftshilfe an.

Football news:

In England sind seit Montag Sportveranstaltungen ohne Zuschauer erlaubt. Die APL soll am 17. Juni wieder aufgenommen werden
Atletico wird Kayo Enrique aus dem Leihgeschäft in Gremio zurückziehen
Schalkes Mittelfeldspieler Mckenny ist mit einem Verband zum Gedenken an den Verstorbenen George Floyd gekommen: Justice for George
Luis Figo: Früher gab es viele Anwärter auf den Goldenen Ball, nicht nur Messi und Ronaldo
Der unglücklichste Fußballer Deutschlands erzielte zum ersten mal seit 294 spielen. Die Kirche hat sogar seine Geduld als Beispiel genommen
Die Klubs der La Liga nehmen am 1.Juni wieder das kollektive Training auf
Barcelona weigerte sich, Fati im Gegenzug für Pjanic zu Juventus zu entlassen