Switzerland

Von Fliegen auf dem Nuggi bis zu Zombiefrauen: So haben die Kampagnen gegen das Frauenstimmrecht ausgesehen

Vor 50 Jahren, am 7. Februar 1971, wurde in der Schweiz das Frauenstimmrecht beschlossen. Aus heutiger Perspektive fragt man sich: Wie konnte man sich offen gegen die politischen Rechte der Hälfte der Bevölkerung aussprechen? Die Abstimmungsplakate von damals geben Aufschluss.

Illustration Anja Lemcke / NZZ

Die Schweizerinnen mussten lange kämpfen für ihr Recht auf politische Teilhabe. 1868 forderten erstmals Zürcherinnen das aktive und das passive Wahlrecht ein, hatten damit aber keinen Erfolg. Es sollte noch über hundert Jahre dauern, bis die Schweizer Männer ihren Frauen die politische Mitbestimmung, zumindest auf nationaler Ebene, gewährten. Um zu diesem historischen Ja zu gelangen, brauchte es zahlreiche Vorstösse und mehrere Abstimmungen. Bei der ersten eidgenössischen Abstimmung 1959 wird das Frauenstimmrecht von den Männern mit einem Nein-Anteil von 66,9 Prozent deutlich verworfen, auch mehrere kantonale Vorstösse scheiterten.

Heute fragt man sich: Wie konnte man sich gegen die politischen Rechte der Hälfte der Bevölkerung aussprechen? Welche Argumente wurden angeführt? Die Plakate zu den verschiedenen Abstimmungen sind faszinierende Zeitdokumente und geben Aufschluss über die gesellschaftspolitischen Auffassungen damaliger Zeiten.

1920er – das Schreckensgespenst der politischen Frau

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wird in der Schweiz mit Abstimmungsplakaten gearbeitet. Seit je dienen sie nicht primär der Information, sondern der Emotionalisierung politischer Themen und einer eindeutigen Stimmempfehlung. Schon die ersten Plakate gegen das Frauenstimmrecht arbeiteten mit Ängsten. Sie zeichneten ein deutliches Bild: Beschäftigten sich Frauen mit Politik, führe das unweigerlich zur Vernachlässigung ihrer familiären Pflichten, ja zum totalen Chaos in Haus und Heim.

Links: Abstimmungsplakat mit der Nein-Parole zur Einführung des Frauenstimmrechts, gestaltet von Ernst Keiser. Das Plakat wurde 1920 in der Deutschschweiz eingesetzt.
Rechts: Abstimmungsplakat mit der Nein-Parole zur Einführung des Frauenstimmrechts, gestaltet von Otto Baumberger. Das Plakat von 1920 wurde in den Kantonen Basel-Stadt und Zürich eingesetzt.

Keystone

Ein Plakat des Basler Grafikers Ernst Keiser gehört zu den bekanntesten Abstimmungssujets (oben links). Auf dem Poster, das bei kantonalen Abstimmungen um 1920 eingesetzt wurde, sieht man einen mit Spinnweben überzogenen Stubenwagen, das Baby liegt schreiend auf dem Boden, seinen Platz im Wagen hat ein schwarzer Kater eingenommen. Im Hintergrund zeichnet Keiser ein Bild der Verwüstung – und all das nur, weil die Mutter lieber Politik betreibt.

Eine weitere Angst war offenbar, dass Politik die liebevollen, stets um ihr Aussehen bemühten Frauen verderbe. Auf einem Plakat von Otto Baumberger (oben rechts), ebenfalls von 1920, sieht man eine hagere, ungepflegte, furchterregende Frau, ja eine Art Zombie. Darüber die Frage: «Wollt Ihr solche Frauen?» Die Suggestion ist deutlich: Wollen Schweizer Männer eine liebe, attraktive Ehefrau, dann dürfen sie den Frauen keine politische Teilhabe gewähren. Sonst hätten sie es nämlich nur noch mit Vogelscheuchen zu tun. Die Gegner des Frauenstimmrechts gewannen auch mit solchen Sujets alle kantonalen Abstimmungen in der Zwischenkriegszeit.

1940er – Frauen haben zwei Rollen: Mutter und Hausfrau

Am Narrativ gegen das Frauenstimmrecht hat sich in den folgenden 25 Jahren wenig geändert. Nach wie vor schien man der Ansicht zu sein, dass Frauen neben Kindererziehung und Haushaltsführung keine mentalen Kapazitäten mehr hätten, um sich über Politik Gedanken zu machen. Das Plakat von Donald Brun aus dem Jahr 1946 zeigt einen Nuggi, auf dem eine Stubenfliege Platz genommen hat (unten links).

Es ähnelt der Erzählung von Ernst Keiser von 1920: Kümmert sich die Frau um Politik, kümmert sie sich nicht mehr um den eigenen Nachwuchs. Das Plakat rief heftige Reaktionen hervor, unter anderem beschäftigte es die berühmte Schweizer Juristin und Frauenrechtlerin Iris von Roten noch mehr als zehn Jahre später. In ihrem 1958 erschienenen Buch «Frauen im Laufgitter» bezeichnete sie den Schnuller als Sinnbild des Mannes als «Riesensäugling», der sich nur um sein eigenes Wohlergehen sorgte – und gar nicht um das seiner Kinder.

Links: Abstimmungsplakat aus dem Jahr 1946 mit der Nein-Parole, gestaltet von Donald Brun. Es wurde in der Deutschschweiz eingesetzt.
Rechts: Plakat des Zürcher Kantonalkomitees gegen das Frauenstimmrecht aus dem Jahr 1946. Der Kanton Zürich stimmte Nein.

Keystone

Das Plakat des Zürcher Kantonalkomitees gegen das Frauenstimmrecht zeigt einzig einen Teppichklopfer (oben rechts). Auch hier wurde mit einfachster Symbolik gezeigt: den Frauen die Hausarbeit.

Es waren aber bei weitem nicht nur Männer, die sich gegen die politische Mitbestimmung der Schweizerinnen aussprachen. Auch Frauen liessen immer wieder verlauten, dass sie nichts in der Politik verloren hätten und ihre Männer das schon gut machen würden. Warum ändern, was gut funktioniert?

Ein Plakat von 1947 (unten) forderte denn auch im Namen der Frauen: «Männer, Brüder, Söhne, bewahrt uns vor der Politik. Unsere Welt ist unser Heim, und sie soll es bleiben.» Unterzeichnet ist es von «Bürgerinnen, welche ihren Männern vertrauen», und wiederum vom Zürcher Aktionskomitee gegen das Frauenstimmrecht. Der Kanton Zürich sagte 1947 mit 77,65 Prozent deutlich Nein zum aktiven und passiven Wahlrecht der Frauen.

Zwei Frauen stehen 1947 vor einer Telefonkabine in Zürich, an der ein Plakat für die Ablehnung des Frauenstimmrechts wirbt. Unterzeichnet ist es vom kantonalen Aktionskomitee gegen das Frauenstimmrecht.

Zwei Frauen stehen 1947 vor einer Telefonkabine in Zürich, an der ein Plakat für die Ablehnung des Frauenstimmrechts wirbt. Unterzeichnet ist es vom kantonalen Aktionskomitee gegen das Frauenstimmrecht.

Keystone

1960er und 1970er – die Frau wird zur gleichberechtigten Bürgerin

In den 1960ern wendete sich schliesslich das Blatt. Die Forderungen der Frauen wurden lauter und fanden im Zuge der gesellschaftspolitischen Umwälzungen der Zeit Gehör. Die Abstimmungsplakate wurden zahmer, das Frauenstimmrecht wurde in ersten Kantonen angenommen: 1959 in der Waadt und in Neuenburg, 1960 in Genf und 1966 schliesslich in Basel-Stadt, dem ersten Deutschschweizer Kanton. 1971 kam es schliesslich nach 1959 zur zweiten nationalen Abstimmung. Die Gegner warben nicht mehr so deutlich mit der traditionellen Rolle der Frau gegen ihre politischen Rechte, sondern sorgten sich offenbar nun um die «totale Verpolitisierung unseres Lebens» (unten links). Soll man auch noch beim Abendessen mit der Frau über Politik diskutieren müssen?

Links: Abstimmungsplakat mit der Nein-Parole zur eidgenössischen Abstimmungsvorlage vom 7. Februar 1971 zur Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene.
Rechts: Abstimmungsplakat mit der Ja-Parole zur Abstimmungsvorlage vom 19. und 20. November 1966 zur Einführung des Frauenstimmrechts im Kanton Zürich. Die Abstimmung ging verloren.

Keystone

Die Plakate der Gegner des Frauenstimmrechts kamen gänzlich ohne Argumente aus. Sie setzten auf Emotionen, schürten Ängste der Männer und versuchten das damalige Bild von Frau und Mann weiter zu zementieren: dem Mann die weite Welt, der Frau das Heim. 65,7 Prozent der Männer waren 1971 bereit, den Frauen die Tür zur nationalen Politik zu öffnen. Zahlreiche Kantone folgten und gewährten ihren Bürgerinnen auch Zugang zur kantonalen und kommunalen Politik – bis 1990 auch Appenzell Innerrhoden vom Bundesgericht dazu verpflichtet wurde.

Befürworterinnen des Frauenstimmrechts posieren am 26. Januar im Vorfeld der nationalen Abstimmung 1971 mit Ja-Plakaten in Zürich.

Befürworterinnen des Frauenstimmrechts posieren am 26. Januar im Vorfeld der nationalen Abstimmung 1971 mit Ja-Plakaten in Zürich.

Keystone

NZZ-Live-Veranstaltung: Schweizer Frauen: Der lange Weg zur ganzen Demokratie
Wieso dauerte es so lange, bis die eine Hälfte der Staatsbürger die gleichen Rechte bekam wie die andere? Brigitte Studer, Professorin für Schweizer Geschichte, zeigt im Gespräch, wie Behörden, Parlamente, Parteien und Gewerkschaften von links bis rechts die Ungleichbehandlung mit grossem Aufwand aufrechterhielten.
Montag, 1. Februar 2021, 18 Uhr 30, online
Tickets und weitere Informationen finden Sie hier

Football news:

Mbappé erzielte in den letzten 4 Spielen 7 Tore
Andrea Pirlo: Juventus begann 20 Minuten später zu spielen. Aber ich mochte die Reaktion der Mannschaft
Ronald Koeman: Bei Barça gibt es keine Ausreden, weil die Jugend spielt. So zu gewinnen ist noch schöner
Federico Chiesa: Für Juventus ist jedes Spiel jetzt wie ein Finale: In der Serie A, in der Champions League und im Pokal
Juventus liegt hinter Mailand auf 1 Punkt, von Inter-auf 7. Mit 25 Spielen belegt das Team von Trainer Andrea Pirlo mit 52 Punkten den dritten Tabellenplatz. Die Turiner haben in dieser Minute 25 Spiele absolviert, ebenso wie der AC Mailand (53 Punkte) und Inter Mailand (59). AC Mailand spielt am Sonntag auswärts gegen Verona, Inter Mailand empfängt am Montag Atalanta Bergamo. Am 17. März gastiert Juventus in der 3.Runde gegen Napoli
Moriba erzielte für Barça in La Liga in 18 Jahren 46 Tage. Nur Messi, Fati, Pedri und Krkic haben das schon mal gemacht
Borussia-Trainer Terzic über das 2:4: Es begann toll, aber der Druck der Bayern war enorm