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Von Bücherfreunden und Menschenverächtern – dieses neue Buch muss man gleich zweimal lesen

Norbert Paulini weiss schon als Kind: Er möchte mit Lesen Geld verdienen. Märchenhaft geht es bisweilen zu und her, bis Paulini es schafft, als Antiquar in Dresden eine Instanz zu werden. Den Grundstock seines Angebots – im wahrsten Sinne des Wortes – bilden Bücher, die ihm seine Mutter, ebenfalls Buchhändlerin und Antiquarin, hinterlassen hat: Jahrelang dienen die Bücherstapel als Stützen für die Matratze, auf der der Junge schläft.

Norbert Paulini kennt seine Klassiker, und er liebt sie. Zudem schafft er es, in der DDR auch Bücher anzubieten, die es sonst nicht zu kaufen gibt und so viele Menschen glücklich zu machen. Paulinis Salon inklusiv Literatursalon und Vortragsreihen, wird zum Zentrum eines Kreises gebildeter Büchermenschen.

Doch die Idylle bleibt keine und ist auch nie so recht eine gewesen. Das ahnt jeder, der den Roman «Die rechtschaffenen Mörder» von Ingo Schulze («Simple Storys», «Adam und Evelyn», «Peter Holtz») zu lesen beginnt. Kaum hundert Seiten braucht der 58-jährige Schulze, um seinen Norbert Paulini ins Wendejahr 1989 zu bringen.

Der Zusammenbruch des Staates und der folgende Beitritt zur Bundesrepublik wirft nicht nur Paulinis Geschäftsmodell über den Haufen, er geschieht auch mit dem Beginn des Umbruchs in der Buchbranche. In einer bewegenden Szene beschreibt Schulze, wie Paulini zusehen muss, dass die einst so begehrte «Bückware» in Leipzig buchstäblich im Dreck landet; nur ein fehlender Baustein in der zusammenkrachenden Gesellschaft.

Dresden wird zur Stadt der rechten Aufmärsche und der AfD

Ingo Schulze macht keinen Hehl daraus, dass die Erzählung «Der Leviathan» von Joseph Roth am Beginn seiner Schreibarbeit stand, in der ein beinahe fanatischer Korallenverkäufer von unlauteren Kollegen in die Enge getrieben wird und schliesslich Selbstmord begeht. Aus dem Korallenfan Nissen Pi­cze­nik bei Roth wird bei Schulze der Bücherfan («ein besseres Äquivalent als Bücher ist mir nicht eingefallen», sagt er kokett).

Der Fan stemmt sich verzweifelt gegen die Veränderungen und ersinnt einfallsreich, aber verbittert und verarmend neue Wege, Geld zu verdienen. Währenddessen wandelt sich um ihn herum Sachsens Landeshauptstadt Dresden, aus der Stadt mit dem starken Bildungsbürgertum wird die Stadt der Aufmärsche der rechten bis rechtsextremen Pegida und der grossen Zustimmung für die AfD.

, sagt Autor Schulze im Gespräch mit dieser Zeitung. «Und dies vor dem Hintergrund der letzten fünfzig Jahre, in der sich die Rolle des Buches gewandelt hat, in der wir aber immer wieder das scheinbare Paradox erleben müssen, dass auch belesene Menschen menschenverachtend sprechen und handeln können.»

Schulze genügt es nicht, zu beschreiben, wie die Euphorie der Bürger, die beinahe übersteigerte Hoffnungen in den Fall der Mauer legten, der Enttäuschung und dem Gefühl weicht, der Westen hege «eine natürliche Verachtung» gegenüber dem Osten, wie es heisst. Denn die Erzählung um Paulini machte sich selbstständig, lenkte ihn beim Schreiben in eigene Bahnen.

«Die Frage, wer erzählt das eigentlich und warum und warum auf diese Art und Weise, wurde immer wichtiger», sagt der Autor. «Mir ging es immer mehr um das Vorführen eines schönen Erzählens, das allgemein viel Lob erntet, aber natürlich von einem autoritären Gestus bestimmt wird, der eigentlich das Ziel der Kritik sein muss.»

Schulze führt den Leser absichtlich auf falsche Fährten

Zunächst ist der Erzähler einer der Getreuen, die sich um Paulini scharen, zurückhaltend, gebildet. Doch dann wird er älter und kecker, meldet sich zu Wort, ordnet ein. Er scheint «Ingo Schultze» zu heissen.

, sagt Schrifsteller Schulze ohne t. «Er ist so etabliert, auf andere Art genauso selbstgerecht wie der Antiquar, der sein Gegenspieler wird.»

«Die rechtschaffenen Mörder» wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, der Schulze bereits 2007 zugesprochen wurde. Es ist ein Roman, der seine Leser fordert, ihnen entweder ein sehr genaues Lesen abverlangt, das schon kleine Widerhaken als solche erkennt.

Oder eine erneute Lektüre nach dem überraschenden Ende, die in das Geschehen eine zweite Ebene einziehen wird. Schulze bricht die Frage nach dem Erzählen, zeigt den scheinbar objektiven Erzähler wie in einem Vexierspiegel. Deutlich macht er, dass nur wer den Urheber einer Nachricht kennt, deren Wahrheitsgehalt einschätzen kann.

Indem Schulze die Autorität des Erzählers nachhaltig erschüttert und seine Leser auf falsche Fährten schickt, stellt er die Frage nach der Verlässlichkeit von Wahrnehmung und Wirklichkeit und bringt auch vermeintlich klar begründete Urteile ins Wanken. In Zeiten von Fake News und Hate Speech erteilt Schulze Bücherlesern eine Lektion in Sachen aufgeklärter Lektüre. Chapeau!

Tipp:
Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder
S. Fischer Verlag 2019
318 S.

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