Switzerland

Viele der grössten Ansteckungsherde sind ab Juni wieder zugelassen. Was es braucht, damit es trotzdem zu keiner zweiten Welle kommt

Aus der Sicht des Einzelnen ist das Infektionsrisiko klein. Aus einer Gesamtsicht ist das Problem aber noch nicht gelöst.

Die Abstandsregeln gelten weiterhin.

Die Abstandsregeln gelten weiterhin. 

Adrian Baer / NZZ

Der Bundesrat hat diese Woche einen grossen Lockerungsschritt beschlossen. Damit werden ab dem 6. Juni viele der potenziell starken Ansteckungsherde für das Virus wieder zugelassen sein – von Familienfesten über öffentliche Veranstaltungen mit Hunderten von Teilnehmern bis zu Angeboten von Nachtklubs. Die wichtigste Ausnahme sind Massenveranstaltungen ab 300 Teilnehmern bzw. vielleicht bald ab 1000 Besuchern. Die internationale Forschungsliteratur lässt mutmassen, dass besonders mehrstündige Treffen einer grösseren Gruppe von Personen namentlich in Innenräumen als Verbreitungsherde bedeutend sind. Diverse Analysen deuten darauf hin, dass in solchen Situationen auch die Einhaltung der 2-Meter-Abstandsregel nicht zwingend ausreicht, weil das Virus im Prinzip auch via Aerosole (die mangels Gewicht nicht rasch auf den Boden fallen) übertragen werden kann.

Immerhin kann man sich derzeit in der Schweiz auch theoretisch nur von relativ wenigen Personen anstecken. Nimmt man stark vereinfacht als potenzielle Ansteckungsquelle alle Personen, die in den letzten 15 Tagen in der Schweiz infiziert wurden, ergäbe dies gemessen an den gemeldeten Fällen nur etwa 350 Menschen. Hinzu käme die Dunkelziffer. Laut groben Schätzungen mag die Zahl der effektiven Fälle in den letzten Monaten etwa das Fünf- bis Zehnfache der Zahl der gemeldeten Fälle ausgemacht haben. Die Dunkelziffer könnte in den letzten Wochen kleiner geworden sein, weil es laut Bundesamt für Gesundheit zuletzt weniger Erkältungen und damit auch weniger Potenzial zur Fehlinterpretation von leichten Corona-Symptomen gegeben hat. Rechnet man also die Zahl der in den letzten 15 Tagen gemeldeten Fälle vorsichtig nur mit dem Faktor 3 bis 5 hoch, käme man zurzeit auf einen Bestand von etwa 1000 bis 1800 Angesteckten. Als Quelle möglicher Weiteransteckungen mag man davon die Gemeldeten abziehen, da diese grossmehrheitlich zu Hause bleiben dürften. Damit bleibt derzeit für die Aussenwelt grob gerundet ein Bestand von etwa 500 bis 1500 Angesteckten.

Kleines Risiko für den Einzelnen

Ein Literaturüberblick von Forschern der Universität Bern liess mutmassen, dass vielleicht etwa 40 bis 60% aller Ansteckungen von Personen kommen, die erst nach der Weitergabe des Virus Symptome zeigen, und weitere 15 bis 30% aller Angesteckten generell symptomfrei bleiben. Laut diversen ausländischen Studien spielen symptomfreie Angesteckte auch bei der Verbreitung des Virus eine Rolle – allerdings wohl eher in unterdurchschnittlichem Ausmass.

Trotzdem ist derzeit aus Sicht des Einzelnen das Risiko einer Ansteckung sehr gering. Unter vereinfachenden Annahmen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sich an einer Veranstaltung mit 100 Personen mindestens ein Angesteckter befindet, grob gerundet bei etwa 1%. Bei einem Anlass mit 300 Personen wären es 2 bis 5% und bei einer Veranstaltung mit 1000 Personen 5 bis 15%. Zudem muss der Kontakt zum Angesteckten noch eng genug gewesen sein.

Aus einer Gesamtsicht ist damit das Problem aber noch nicht gelöst. Denn wie die Welt in den letzten Monaten wieder lernen musste, kann ein Virus auch ausgehend von einer sehr kleinen Basis kraft des exponentiellen Wachstums eine (erneute) Epidemie auslösen. Eine Kerngrösse ist hier die Reproduktionszahl: Sie illustriert, an wie viele Menschen ein Angesteckter das Virus durchschnittlich weitergibt. Liegt diese Zahl über 1, wächst das Virus exponentiell. Die Rechnungen beginnen typischerweise mit der «natürlichen Reproduktionszahl»; diese steht für die Verbreitung im Normalbetrieb einer Gesellschaft – also ohne Gegenmassnahmen und mit null Prozent Immunität in der Bevölkerung. Die Schätzungen dieser Zahl für das Coronavirus gehen ziemlich weit auseinander, doch die mittlere Schätzung liegt laut einer internationalen Übersicht über zwei Dutzend Studien etwa bei 3. Damit wäre man in der Schweiz bei derzeit angenommenen 1000 Angesteckten innert einiger Monate schon bei Millionen Angesteckten.

Noch weit weg vom Normalbetrieb

Doch Wirtschaft und Gesellschaft werden auch mit den jüngsten Lockerungen noch nicht im Normalbetrieb sein. Die Grundregeln für Handhygiene und Distanzhalten gelten weiterhin, die Vorsicht steckt wohl noch in der Psyche mancher Menschen, mit Massenveranstaltungen ist ein wichtiger potenzieller Ansteckungsherd weiterhin verboten, und die Kantone informieren die Kontakte von gemeldeten Angesteckten, um eine Ausbreitung zu verhindern. Diverse Wissenschafter und auch das Bundesamt für Gesundheit zeigen sich optimistisch, dass dies reicht, um die Reproduktionsrate unter 1 zu halten, doch man kann es nicht zum Voraus wissen. Im Prinzip ähnelt die derzeitige Situation gemessen an Rechtsrahmen, Verhaltensregeln, Vorsicht der Bürger und Kontaktrückverfolgung der Periode zwischen Ende Februar und Mitte März. Laut Schätzung des wissenschaftlichen Beirats des Bundes lag die Reproduktionsrate in jener Periode bei etwa 1,5, mit sinkendem Trend.

Für eine tiefere Reproduktionsrate in den kommenden Monaten mag sprechen, dass heute noch weit mehr Leute zu Hause arbeiten als Ende Februar, mehr Halbwissen über eine wirksame Bekämpfung des Virus vorhanden ist und Hygienemasken künftig eine grössere Rolle spielen könnten. Eine geringe Rolle spielt dagegen, dass ein Teil der Bevölkerung schon angesteckt worden ist und damit vielleicht für eine gewisse Zeit immun bleibt. Laut grober Schätzung dürften bisher etwa 5 bis 10% der Bevölkerung in der Schweiz angesteckt worden sein. Nimmt man den untersten Wert in dieser Bandbreite und unterstellt, dass zwei Drittel der Angesteckten mindestens vorübergehend immun sind, würde dies alleine die Reproduktionsrate nur wenig senken – zum Beispiel von 1,5 auf 1,45.

Die Corona-App könnte es richten

Eine wichtige Rolle könnte die geplante Corona-App für Smartphones spielen. Diese gibt dem Besitzer eine Nachricht, wenn er in der fraglichen Periode während mindestens 15 Minuten weniger als zwei Meter von einem gemeldeten Angesteckten entfernt war. Diese App ersetzt die reguläre Kontaktrückverfolgung der Kantone nicht, doch sie kann eine nützliche Ergänzung sein – vor allem in Bezug auf den öffentlichen Verkehr und auf Veranstaltungen, in denen die Betroffenen angesichts der vielen Teilnehmer gar nicht genau wissen, mit wem sie alles engen Kontakt hatten. Bei der regulären Kontaktrückverfolgung kann ein Betroffener zu einer Quarantäne verpflichtet werden. Dies ist bei einer Meldung via App nicht der Fall. Der Mitwirkungswille der Betroffenen (Gebrauch der App und Quarantäne im Meldefall) spielt deshalb eine grosse Rolle.

Nimmt man zum Beispiel an, dass ohne diese App die Reproduktionsrate des Virus nach den nun beschlossenen Lockerungen auf 1,2 steigt, würde unter vereinfachenden Annahmen (wie der Ausklammerung von nicht gemeldeten Fällen) eine Mitwirkungsrate von knapp 20% der Bevölkerung genügen, um eine erneute exponentielle Ausbreitung des Virus zu verhindern. Bei einer Reproduktionsrate von 1,5 ohne App wäre die Mitwirkung von einem Drittel der Bevölkerung erforderlich. Berücksichtigt man, dass viele Fälle ohne Symptome nie gemeldet werden, könnten in den genannten Beispielen die erforderlichen Mitwirkungsraten noch einiges höher liegen.

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