Switzerland

Viel Mut, kühne Versprechungen und Stars dank Ausnahmebewilligungen: Das Zurich Film Festival ist ein Experiment

Zürich gehört zu den Corona-Hotspots der Schweiz. Obwohl sich die Zahlen etwas stabilisierten, ist die Situation nach wie vor heikel. Und just in diesem Moment läuft in der grössten Schweizer Stadt das Zurich Film Festival an. Mit Filmschaffenden aus aller Welt, Tausenden von Zuschauern, sogar Stargäste konnten angekündigt werden. Und es gibt eine Fanzone. Eine freilich, in der es so gesittet und zurückhaltend zu und her geht, wie nie in einer Fanzone.

Das Festival, kurz ZFF, ist das erste grosse Filmfestival überhaupt seit Ausbruch der Pandemie, das nichts von seinem Programm online verlagern musste und nun komplett physisch, also vor Publikum, stattfindet.

Veranstalter mutig oder schlicht dumm?

In unserem Alltag, der sich letzten Frühling schlagartig vom öffentlichen Raum ins Private und vom Kino hinter den Fernseher verlagerte, klingt ein solches Ereignis fast schon tollkühn. Sind die Verantwortlichen also bloss überaus mutig in einer Zeit, in der man lieber keine unnötigen Risiken eingeht, gar übermütig? Oder sind sie dumm? Und kann man Menschen guten Gewissens einen Besuch beim ZFF empfehlen, die bei einer Ansteckung mit dem Virus wegen einer Vorerkrankung eher mit Komplikationen rechnen müssen als andere?

Die Branche wiederholt mantramässig, im Kino herrschten für das ­Coronavirus keine Idealbedingungen. Zu gut seien die Säle durchlüftet, zu ­wenig würde gesprochen, zu wenig Nähe und Bewegung gäbe es unter den Zuschauern. Die Menschen trauen sich trotzdem nicht: Im Frühsommer wollten gemäss einer Umfrage des Bundes ein Viertel der Schweizerinnen und Schweizer mit Besuchen von Kultur­veranstaltungen zuwarten, bis die ­Pandemie ganz vorbei ist. Ende Sommer waren es deutlich mehr, wie die Zahlen zeigen, die diese Woche ­publiziert wurden.

Juliette Binoche müsste eigentlich in Quarantäne

Die Zurückhaltung der Menschen hin oder her – fürs ZFF stehen die Chancen auch so gut, dass die Ziele erreicht werden. 2019 verzeichnete das ZFF 117000 Besucher. Der ZFF-Direktor Christian Jungen sagte dieser Zeitung:

Die Säle können ohnehin nicht ganz gefüllt werden. Neben dem Maskenobligatorium bleibt zwischen zusammengehörenden Besuchergruppen jeweils ein Sitzplatz leer. Auf die älteren Besucher – die für Kinos im Arthousebereich wichtigste Besuchergruppe – ist das ZFF dieses Jahr nicht angewiesen. Und wegen der beschränkten Platzzahlen waren gewisse Premierenvorführungen schon Tage vor Festivalbeginn ausverkauft. Ein Fingerzeig dafür, dass das Publikumsinteresse trotz Corona gross genug ist und die Erwartungen von Jungen eintreffen könnten.

Elke Mayer, Managing Director Spoundation Motion Picture, und Christian Jungen, künstlerischer Direktor des ZFF.

Tragikomödie: «Wanda, mein Wunder»

Auch wenn viele Menschen Anlässe mit anderen in geschlossenen Sälen meiden wollen, das ZFF hat eine grosse Sogwirkung auf diejenigen, die sich auf ein Filmfestival mit vielen Premieren freuten. Und das ZFF kann eine Reihe vielversprechender Filme zeigen in den kommenden zehn Tagen. Der Eröffnungsfilm «Wanda, mein Wunder» von Bettina Oberli besticht zwar nicht durch den Titel, die Tragikomödie sollte man sich aber nicht entgehen lassen (eine Kritik folgt auf diesem Kanal).

Was aber wäre ein Filmfestival ohne Stars, Limousinen und Glamour? Tatsächlich wartet das ZFF wie in anderen Jahren mit ein paar grossen Namen auf. Juliette Binoche kommt nach Zürich und nimmt einen Award entgegen, Johnny Depp präsentiert einen neuen Film, ebenso Til Schweiger. Für den Deutschen ist die Reise weniger kompliziert als für die Französin Binoche oder den Amerikaner Depp. Eigentlich müssten beide in der Schweiz nach ihrer Einreise in Quarantäne. Doch der Bund hat vorgesorgt, es gibt Ausnahmen für Aufenthalte bis zu fünf Tagen.

Schauspielerin Juliette Binoche kommt nach Zürich.

Das Festival hat begonnen, ist aber nicht in trockenen Tüchern

Im Frühsommer schon versicherte Daniel Koch, der ehemalige Schweizer Anti-Corona-Chef beim Bund, Jungen bei einem Essen: Das Festival kann stattfinden. Jungen selbst zählt sich zu jenen Menschen, die bei Ausbruch von Corona die neue Realität nicht wahr­haben wollten. Er arbeitete einfach ­weiter. Als wäre nichts passiert. Alle, wirklich alle, sagte er im Gespräch, ­hätten ihm geraten, die Ausgabe 2020 abzublasen.

Die Segel strecken, das kam für ihn jedoch nie in Frage. Zu Beginn glaubte Jungen die Pandemie im Juni vorüber. Nachträglich aber ist ausgerechnet diese kolossale Fehleinschätzung das Glück fürs ZFF. Cannes abgesagt, Locarno abgesagt, Venedig fand nur halbbatzig statt – um Jungen herum häuften sich die Meldungen von gestrichenen oder ins Internet verlagerten Festivals. Und so kann das ZFF nun davon profitieren, als erstes ganz stattzufinden. Deshalb erhielt es Zuschläge für einige der lange erwarteten Filme, die in einem normalen Jahr nicht in Zürich Premiere feiern würden.

Keine Partys: «Um unser aller Gesundheit willen»

Partys gibt es dieses Jahr aber nicht. «Um unser aller Gesundheit willen», wie Jungen sagte. Was aber, wenn trotzdem etwas passiert? In wenigen Wochen werden wir wissen, ob nicht doch ein sogenannter Superspreader in einem der Sessel sass und Teile des Publikums mit seinen Aerosolen angesteckt hat.

Komplett Neuland betritt das ZFF diesbezüglich nicht. Mit den Salzburger Festspielen ging im Hochsommer ein grosser Anlass über die Bühne. Und in der Schweiz wurden in den letzten Wochen das Lucerne Festival, das Animationsfilmfestival Fantoche in Baden und in Biel das Filmfestival für den französischen Film durchgeführt. Die Österreicher konnten nach den Festspielen in Salzburg stolz verkünden: Null Infektionen. Nur: Lässt sich das so genau sagen? Kommt es zu keinen Ansteckungen im Konzert- oder Kinosaal, gehen die Besucherinnen und Besucher ja auch auswärts Essen, ins Hotel oder nehmen im öffentlichen Verkehr nicht zwingende Reisen auf sich. In der Schweiz jedenfalls kam es nach jetzigem Wissensstand auch zu keiner Corona-Infektion im Rahmen eines Kulturfestivals.

Sind einzelne Ansteckungen verkraftbar?

Ein Coronafall im Rahmen des ZFF würde zweifellos für Aufsehen sorgen. Doch einzelne Ansteckungen wären wohl verkraftbar. «Das Coronavirus lauert nicht an jeder Ecke», sagte Jungen vom ZFF. Trotzdem weiss jeder, der die Anwesenheit von Corona anerkennt, es kann einen jederzeit und überall treffen. Ein Widerspruch? Nein, aber schwierig, damit umzugehen. Auch für das ZFF, über dem das Virus wie ein Damoklesschwert schwebt. Ein Abbruch wäre aus Sicht Jungens eine Katastrophe. Ein Restrisiko bleibt bei diesem Experiment. Etwa, wenn die ZFF-Mannschaft in Quarantäne muss.

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