Switzerland
This article was added by the user . TheWorldNews is not responsible for the content of the platform.

VIDEO - Warum es auf Intensivstationen nicht nur um Betten geht

Interview: Die Auslastung, die darf bei so einer Intensivstation, um Puffer zu haben, höchstens zirka 80 Prozent betragen. Und Covid nimmt uns seit gut eineinhalb Jahren ebendiese Kapazitäten, die wir benötigen, weg.

Seit einiger Zeit steigen die Zahlen der Covid-Infektionen wieder an. Im Vergleich zum Vorjahr wird allerdings ein viel kleinerer Prozentsatz der Erkrankten in ein Spital eingewiesen. Das liegt unter anderem an der Impfung, die viele schwere Verläufe verhindert. Trotz diesen beruhigenden Fakten wird wieder von überlasteten Intensivstationen und verschobenen Operationen berichtet. Woran liegt das?

Erst einmal ist es wichtig, zu verstehen, was für Patienten auf so einer Intensivpflegestation, kurz: IPS, überhaupt liegen.

Das ist eine Mischung aus Personen, die aus der Notaufnahme kamen, die Traumata erlitten, Organausfälle haben oder auch nach einer grossen Operation eine intensivmedizinische Überwachung benötigen. So unterschiedlich diese Gründe sind, so unterschiedlich ist auch die Intensität, mit der die Patienten betreut werden müssen.

Bei pflegeintensiven Patienten wird das Personal viel stärker gefordert und muss mehr Zeit und Ressourcen aufwenden.

Genau hier liegt das Problem mit Covid-Patienten.

Interview: Den Covid-Patienten, wie er bei uns hier auf der Intensivstation liegt, kann man überhaupt nicht vergleichen mit den Patienten, die wir durchschnittlich hier versorgen. Er bindet wesentlich mehr Personal, aber auch Ressourcen, was zum Beispiel medizinische Geräte angeht. Die durchschnittliche Verweildauer von einem durchschnittlichen Intensivpatienten beträgt wenige Tage, wir sprechen von zwei bis drei, vier Tagen. Die Covid-Patienten bleiben hier wochenlang, eventuell sogar monatelang. Das ist Platz, den wir normalerweise, ausserhalb von Covid, für viele neue Patienten verwenden würden. Er geht uns verloren.

Damit eine Intensivstation normal betrieben werden kann, braucht es nämlich auch freie Kapazitäten. Nur so können Notfälle effizient behandelt werden, ohne dass die Pflege der anderen Patienten darunter leidet. Wenn alle Pfleger stets zu 100 Prozent ausgelastet sind, gibt es keinen Puffer für Unvorhergesehenes – doch das gibt es auf einer Intensivstation täglich.

Gerade bei Covid-Patienten sind Komplikationen häufig. Probleme wie Entzündungen oder Thrombosen bedeuten einen höheren Pflegeaufwand. Das fordert das Personal physisch und psychisch.

Interview: Sie haben seit eineinhalb Jahren zu dem eh schon anstrengenden Job noch diese zusätzliche Belastung durch Covid. Das Personal läuft am Anschlag.
Die Patienten sind immer jünger geworden. Es sind Patienten, die sind ungefähr so alt wie das Personal, das sie versorgt. Es sind Familienväter, Familienmütter, man sieht die Angehörigen regelmässig auf der Station. Das belastet. Das belastet psychisch.

Diese andauernde Überlastung ist bereits einigen zu viel geworden. Immer mehr Intensivpflegepersonal reduziert sein Pensum, wird krankgeschrieben oder verlässt den Job. Diejenigen, die bleiben, haben noch mehr Druck.

Aus diesem Grund ist die Bettenanzahl auch beschränkt. Das Personal ist knapp, neue Pfleger einzustellen, geht nicht so einfach. Die Expertenausbildung für die Intensivpflege dauert zwei Jahre und beinhaltet viel fachspezifisches Wissen, das anderem medizinischem Personal fehlt. Darunter fällt auch die Bedienung von medizinischem Equipment wie Beatmungsgeräten.

Interview: Ob dieses System funktioniert, ob wir genügend Puffer haben für unsere Patienten, das hängt ab von der Intensität, mit der diese Patienten betreut werden müssen. Sie können nicht den durchschnittlichen Intensivpatienten, zum Beispiel nach einem Trauma, vergleichen mit einem Covid-Patienten.

Der eine ist kürzer da, er braucht in der Regel weniger Ressourcen als ein Covid-Patient, der wochenlang, eventuell monatelang, bei uns betreut wird.

Die Betten-Statistik des BAG bietet einen wichtigen Richtwert über den Verlauf der Pandemie, doch muss sie mit Vorsicht interpretiert werden. Eine 80-prozentige Auslastung der Intensivstationen ist zu bewältigen. Sie bedeutet jedoch nicht automatisch, dass man die restlichen 20 Prozent noch füllen darf – denn Faktoren wie Pflegeaufwand, Ressourcen und Personal sind limitiert.