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Verteidigung weist in Schlussplädoyer die Vorwürfe zurück – die neusten Entwicklungen im Verfahren gegen den früheren Filmmogul Harvey Weinstein

Der Fall Harvey Weinstein erschütterte Ende 2017 Hollywood und löste die weltweite #MeToo-Bewegung aus. Der Filmproduzent soll Dutzende von Frauen sexuell missbraucht haben. Seit Anfang Januar läuft die Aufarbeitung vor Gericht in New York – und auch in Los Angeles wurde Anklage erhoben. 

Harvey Weinstein (re.) beim Verlassen des Gerichts in New York am 6. Februar 2020.

Harvey Weinstein (re.) beim Verlassen des Gerichts in New York am 6. Februar 2020.

Jeenah Moon / Reuters

  • Im Vergewaltigungsprozess gegen Harvey Weinstein hat die Anklage am Freitag (14. 2.) in ihrem Schlussplädoyer dem ehemaligen Hollywood-Mogul Machtmissbrauch vorgeworfen. «Der Angeklagte war der Herr des Universums und die Zeugen waren nur Ameisen, auf die er ohne Konsequenz treten konnte», sagte Staatsanwältin Joan Illuzzi vor dem Obersten Gericht von New York. Sie betonte den «Mangel an menschlichem Einfühlungsvermögen» Weinsteins für seine mutmasslichen Opfer.
  • Mit den Plädoyers der Staatsanwaltschaft endet am Freitag (14. 2.) der inhaltliche Teil des wochenlangen Prozesses gegen Weinstein. Ab Dienstag (18. 2.) kommender Woche sollen sich die zwölf Geschworenen zu Beratungen zurückziehen, um über Schuld oder Unschuld Weinsteins zu entscheiden. Bei einer Verurteilung wegen schwerer Sexualverbrechen könnte der 67-Jährige den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen.
  • Am Donnerstag (13. 2.) hatte Weinsteins Chefanwältin die Vorwürfe gegen ihren Mandanten in ihrem Schlussplädoyer zurückgewiesen. «Er war unschuldig, als er hier in das Verfahren kam, er war unschuldig, als jeder Zeuge ausgesagt hat, und er ist jetzt gerade unschuldig», sagte Donna Rotunno vor dem Obersten Gericht in New York. Gleichzeitig betonte sie vor den Geschworenen, wie wichtig es sei, dass Weinstein mit den gleichen Massstäben wie alle anderen Angeklagten behandelt werde. Die Darstellung der Anklage, dass die mutmasslichen Opfer keine Verantwortung trügen, wenn sie mit Weinstein auf ein Hotelzimmer gegangen seien oder sich von ihm hatten Flüge buchen lassen, sei nicht schlüssig, so Rotunno weiter.

Weinstein ist wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung angeklagt. Mehr als 80 Frauen, unter ihnen bekannte Schauspielerinnen wie Angelina Jolie, Ashley Judd, Uma Thurman oder Salma Hayek, haben Weinstein in den vergangenen Jahren sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Viele von ihnen wurden als Zuschauerinnen im Gericht erwartet.

Da viele Fälle verjährt sind oder nicht zur Anzeige gebracht wurden, dreht sich der Prozess aber nur um die Vorwürfe von zwei Frauen. Eine von ihnen, eine ehemalige Produktionsassistentin der Weinstein Company namens Mimi Haleyi, soll vom ehemaligen Hollywood-Mogul im Jahr 2006 zum Oralsex gezwungen worden sein. Die andere Frau, deren Identität nicht öffentlich bekannt ist, soll er 2013 vergewaltigt haben.

Dem 67-Jährigen droht bei einer Verurteilung eine lebenslange Haftstrafe. Bei einem Schuldspruch könnte Weinstein in Berufung gehen. In Kalifornien ist ein weiterer Strafprozess gegen Weinstein angekündigt.

Weinstein selbst gab zwar Fehler zu, streitet die Vorwürfe jedoch ab. Vor Gericht plädierte er auf nicht schuldig. Der Multimillionär hat immer wieder betont, sämtliche Handlungen seien einvernehmlich gewesen.

Über seine Anwältin Donna Rotunno liess er im Vorfeld der Gerichtsverhandlungen verlauten, dass er sich auf seinen Prozess freue. Nun könne er sich von den Vorwürfen reinwaschen.

Auch wenn der Fall 2017 die #MeToo-Ära einläutete, ist der Ausgang völlig offen. Entscheidend wird sein, ob der Fall auch vor einem Strafgericht bestehen kann. Die Staatsanwälte müssen juristisch beweisen, dass Weinstein sich der Vergewaltigung, krimineller sexueller Handlungen und räuberischer sexueller Übergriffe schuldig gemacht hat. Der Schlüssel für beide Seiten ist, die Jury für sich zu gewinnen. Sie allein entscheidet über Schuld oder Unschuld Weinsteins.

Weinsteins Anwältin führte eine aggressive Verteidigung für ihren Mandanten. «Nur weil jemand etwas behauptet, macht es das noch nicht wahr», sagte sie. Sie sieht ihren Mandanten als Opfer einer männerfeindlichen Überreaktion: «Frauen sind verantwortlich für die Entscheidungen, die sie treffen.» Gegenüber der Nachrichtenagentur DPA sagte Daniel Richman, Juraprofessor an der Columbia-Universität in New York, dass es für das Weinstein-Lager darauf ankomme, Zweifel zu säen. «Generell sieht man in Fällen wie diesen Versuche, die Erinnerung von Zeugen anzugreifen oder nahezulegen, dass sie ein Motiv haben, sich Dinge auszudenken.»

Das Ziel der Anklage war es hingegen sein zu zeigen, dass die Frauen glaubhaft von Dingen berichteten, die passiert seien, obwohl Erinnerungen verschwommen sein könnten, so Richman weiter. Diesbezüglich dürfte vor allem interessant sein, welche Rolle letztlich die Aussagen der geladenen Zeugen im Prozess für das Urteil spielen werden. Darunter waren auch Frauen, die Weinstein Vergewaltigung vorwerfen, deren Fälle mittlerweile aber verjährt und strafrechtlich nicht mehr verfolgt werden können.

Vor Gericht kam aber auch die Frage auf, warum die Frauen mit ihren Vorwürfen nicht früher an die Öffentlichkeit gegangen sind. Im Vorfeld wurde auch gemutmasst, welche Rolle der Gesundheitszustand Weinsteins im Prozess spielen dürfte. Der 67-Jährige kam nach einem Autounfall mit Gehhilfe zu den Anhörungen.

Im Prozess haben die beiden Hauptzeuginnen der Anklage schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Filmmogul erhoben. Die Produktionsassistentin Mimi Haleyi schilderte teils schluchzend, wie Weinstein sie 2006 in seinem New Yorker Apartment vergewaltigt habe. Demnach habe er sie ins Schlafzimmer gedrängt und aufs Bett geschubst. In teilweisen drastischen Details beschrieb sie, wie Weinstein ihr anschliessend Oralsex aufgedrängt und ihr keine Chance gelassen habe, zu entkommen. Einige Wochen später sei es ein zweites Mal zu erzwungenem Geschlechtsverkehr gekommen. Haleyi beschrieb, wie sie diesen wie «betäubt» über sich ergehen lassen habe. Beim Kreuzverhör durch einen von Weinsteins Verteidigern wurde sie damit konfrontiert, auch nach der mutmasslichen Vergewaltigung noch Kontakt zu Weinstein gehabt und ihm freundliche Mails geschrieben zu haben. Ein Psychiater hatte jedoch im Prozess ausgesagt, dass solches Verhalten von Vergewaltigungsopfern durchaus normal sei.

Auch die zweite Hauptzeugin, die Schauspielerin Jessica Mann, schilderte vor Gericht, wie Weinstein sie 2013 vergewaltigt habe: «Er hat sich auf mich drauf gelegt und sich in mich hinein gedrängt.» Zudem habe Weinstein sie weitere Male sexuell belästigt und manipuliert.

Eine weitere Zeugin, die Schauspielerin Annabella Sciorra, bekannt aus der Serie «Die Sopranos», schilderte im Prozess ebenfalls, wie der frühere Hollywood-Mogul sie brutal vergewaltigt habe. Weinstein sei nach einem Abendessen im Winter 1993-94 in ihre Wohnung in New York eingedrungen, sagte die heute 59-Jährige vor Gericht. Dort habe er sie vergewaltigt, obwohl sie sich zuvor gewehrt habe. Später habe er sie bedroht und gewarnt, dass sie niemandem von dem Vorfall erzählen dürfe. Sie habe grosse Angst empfunden und sei traumatisiert gewesen. «Ich habe angefangen, viel zu trinken, und mir selbst Schnittverletzungen zuzufügen.» Zur Polizei sei sie nicht gegangen, weil sie «verwirrt» gewesen sei. Strafrechtlich sind Sciorras Vorwürfe verjährt, die Staatsanwaltschaft hofft aber, durch ihre – und andere – Aussagen nachweisen zu können, dass es sich bei Weinsteins Vergehen nicht um Einzelfälle handelt.

Weinsteins Team griff die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen an. Ihre Aussagen seien widersprüchlich und Textnachrichten zeigten auch noch nach den mutmasslichen Taten ein freundliches Verhältnis zum Angeklagten.

Die Anschuldigungen gegen Weinstein waren in Hollywood jahrelang ein offenes Geheimnis. Doch erst im Herbst 2017 wurden sie durch die «New York Times» und das Magazin «New Yorker» weltweit bekannt. Die später mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Artikel lösten die weltweite #MeToo-Bewegung aus. Denn die Vorwürfe gegen Weinstein ergaben ein Muster: Der schwerreiche Filmproduzent, der die Branche dominierte und für Filme wie «Pulp Fiction» unter anderem mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, soll seine Macht gezielt ausgenutzt haben, um junge Frauen gefügig zu machen. Im Gegenzug soll er ihnen die grosse Karriere versprochen haben.

Überall auf der Welt erkannten nach den ersten Weinstein-Enthüllungen deshalb Frauen und auch Männer ihre eigenen Erfahrungen in denen der mutmasslichen Weinstein-Opfer wieder und begannen, sie in den sozialen Netzwerken unter dem Schlagwort «MeToo» öffentlich zu machen. Das Spektrum der Vorwürfe war dabei gross und reichte von anzüglichen Sprüchen und unflätigem Verhalten über Machtmissbrauch bis hin zu jahrelanger (sexueller) Gewalt.

Beim Prozess geht es deshalb um mehr als nur um Gerechtigkeit für Weinsteins mutmassliche Opfer. Für viele wird in New York nicht nur über den Multimillionär Gericht gehalten, sondern über ein Muster männlichen Machtmissbrauchs. Das Strafverfahren gilt als das bedeutsamste seit Beginn der #MeToo-Bewegung.

Allerdings gibt es auch Kritik an der Bewegung. So wird vor allem der Umstand moniert, dass Männer wie Weinstein aufgrund von Vorwürfen von der Gesellschaft vorverurteilt werden, noch bevor ihre tatsächliche Schuld gerichtlich erwiesen wurde. Auch das Bild der Frau als hilfloses Wesen wird kritisiert.

Nebst dem nun im Zentrum der Öffentlichkeit stehenden Strafverfahren gegen Weinstein mündeten viele andere Vorwürfe in Dutzenden von Zivilprozessen. Diese sollen nun mit einem Vergleich enden, der Weinstein allerdings finanziell begünstigt. So haben sich Weinstein und der Vorstand seines insolventen Filmstudios laut einem Bericht der «New York Times» mit mehr als dreissig Frauen auf einen vorläufigen Vergleich mit einer Zahlung von insgesamt 25 Millionen Dollar geeinigt.

Weinstein wurde in dem Vergleich allerdings nicht verpflichtet, Fehlverhalten einzugestehen. Die Zahlung übernimmt der Multimillionär ebenfalls nicht selbst, sondern sie wird durch die Versicherungen seines ehemaligen insolventen Filmstudios geleistet. Die Klägerinnen und das zuständige Konkursgericht müssen dem Vergleich allerdings noch zustimmen.

Weinstein selbst wurde im Mai 2018 wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung von der New Yorker Polizei verhaftet, nachdem er sich selbst gestellt hatte. Das zuständige Gericht liess ihn gegen Kautionsauflagen mit elektronischer Fussfessel wieder frei. Als Teil der Auflagen musste er allerdings seinen Pass abgeben, und er darf die amerikanischen Gliedstaaten New York und Connecticut nur mit Erlaubnis des Gerichts verlassen.

Bei einem Freispruch könnte er sich zwar wieder frei bewegen, sein Name dürfte deshalb aber noch lange nicht reingewaschen sein. Denn in Hollywood ist Weinstein seit Bekanntwerden der Vorwürfe zur Persona non grata geworden. Seine Produktionsfirma existiert nicht mehr. Im Oktober 2017 wurde er aus der Oscar-Akademie ausgeschlossen.

Wie auch immer der Prozess also ausgeht: Dass Weinstein in Hollywood wieder an alte Erfolge anknüpfen kann, gilt auch bei einem Freispruch als nahezu ausgeschlossen.

Mitarbeit: bso., ran., mit Agenturmaterial