Switzerland

Vergessene Automarken: Hispano-Suiza – mit spanischem Kapital und Schweizer Technik zum vollkommenen Automobil

Der Genfer Perfektionist Marc Birkigt konstruierte für seine exklusive Monarchen- und Plutokraten-Klientel leistungsfähige, solide und teure Automobile, die auch im Rennsport erfolgreich waren.

Dieser seltene Hispano-Suiza J12 wurde für den Pariser Autosalon 1931 fertiggestellt und verfügt über eine Saoutchik-Karosserie. Erstbesitzer war der Schah von Persien.

Dieser seltene Hispano-Suiza J12 wurde für den Pariser Autosalon 1931 fertiggestellt und verfügt über eine Saoutchik-Karosserie. Erstbesitzer war der Schah von Persien.

Pseudopanax

Wie Thomas Edison und Nikola Tesla war auch Marc Birkigt mit 150 angemeldeten Patenten ein genialer Erfinder und Ingenieur, der sich für viele Bereiche der Elektrotechnik und des Maschinenbaus interessierte. Ausserdem hatte er während seines Militärdienstes ein starkes Interesse für Waffentechnik entwickelt – was ihm später bei der Entwicklung der Hispano-Flugzeugmotoren zugutekam. Nach dem frühen Tod seiner Eltern hatte sich Birkigt als 21-jähriger Diplomingenieur in Barcelona niedergelassen, um eine Stelle in einem Ingenieurbüro anzutreten.

In der Pionierzeit des Automobils wollte Birkigt aber nicht einfach einen weiteren Wagen im Pferdekutschenstil bauen, sondern gleich einige Entwicklungsphasen überspringen und bei der spanischen Firma La Cuadra in Barcelona eine Symbiose aus Verbrennungs- und Elektromotor als Hybridsystem konstruieren. Sein 1899 entwickeltes La-Cuadra-Hybridauto war mit einem 4 PS starken E-Motor und einem 5 PS leistenden Verbrenner ausgerüstet, dem schon kurz darauf eine weitere Version mit zwei E-Motoren und einem 25 PS starken Otto-Motor folgte. Aber Birkigt war seiner Zeit zu weit voraus, ausserdem verstand er von Marketing, Profitmargen und Verkaufsinstrumenten überhaupt nichts, was zum Konkurs der spanischen Firma führte.

Erst mit seiner Gründung von Hispano-Suiza 1904 in Barcelona und mit Unterstützung der beiden potenten Financiers Damien Mateu und Francisco Seix Zaya begann die Erfolgsgeschichte des genialen Schweizers. Seine Vision von der mobilen Quadratur des Kreises war ein seidenweich laufender Motor mit riesigem Hubraum und gigantischem Drehmoment, aufgebaut auf einem leichten und doch robusten Chassis. So sollte sein Konstruktionsprinzip Alltagsfahrten und Rennsportaktivitäten gleichermassen ermöglichen. Und natürlich sollte die implantierte Technik signalisieren, dass dieses Automobil zur absoluten Avantgarde gehörte. Was Birkigt ja auch umsetzte: Die im H6-Modell mit seinem 6,6 Liter grossen Sechszylindermotor – dem Star des Pariser Autosalons 1919 – eingebaute mechanische Vierrad-Servobremse war so einmalig und perfekt, dass Rolls-Royce sie in Lizenz nachbaute. Denn der Silver Ghost war nur mit einer Hinterradbremse ausgerüstet und wirkte damit ziemlich antiquiert.

Ab 1918 diente ein fliegender Storch als Kühlerfigur der Hispano-Suiza-Fahrzeuge.

Ab 1918 diente ein fliegender Storch als Kühlerfigur der Hispano-Suiza-Fahrzeuge.

Clinton Evan

Schon 1910 hatte ein Renn-Hispano die Coupe de l’Auto gewonnen, aus dem dann der «Alfonso» mit 3,6-Liter-Motor entwickelt wurde, der nur 760 Kilogramm leicht war und das Ideal einer Kombination von Strassen- und Rennwagen darstellte. Damit waren auch die Weichen für die Montage des «Alfonso» in Frankreich und für die Eroberung des besonders lukrativen französischen Marktes gestellt. Hispano-Suiza eröffnete eine Fabrik in Paris und produzierte dort fortan die besonders prestigeträchtigen Luxusmodelle.

Der von 1919 bis 1928 gebaute 6,6-Liter-H6 mit oben liegender Nockenwelle, Leichtmetallkolben und Doppelzündung entwickelte sich bald zum «Super Car», weil er so vielseitig war und von Birkigt kontinuierlich weiterentwickelt und mit stärkeren Motoren in Varianten wie dem «Monza» mit 7,4 Litern oder dem «Boulogne» mit 8 Litern Hubraum gebaut wurde. Der Leichtmetall-Zylinderblock mit siebenfach gelagerter Nockenwelle war äusserst robust und stark, was sportlich ambitionierte Millionäre wie den «Aperitif-König» André Dubonnet motivierte, das Potenzial des H6 im Rennsport zu demonstrieren. Er nahm 1921 in einem serienmässigen H6-Viersitzer-Tourenwagen am Boillot-Cup teil, den er als Sieger beendete.

Daraufhin ermunterte der begeisterte spanische Monarch das Hispano-Team, eine komplette Werksfahrermannschaft zusammenzustellen und mit H6-Rennwagen weiterhin beim Boillot-Cup anzutreten. Als die Hispano-Fahrer den Pokal dann auch 1922 und 1923 gewannen, und Dubonnet 1924 bei der Targa Florio in einem speziellen Leichtbau-H6 trotz mehreren Reifenpannen den sechsten Platz errang, war Hispano-Suiza zur rollenden Legende geworden. Dubonnets H6 war ein massgeschneiderter «Tulpenholz»-Rennwagen des Flugzeugbauers Nieuport-Astra gewesen. Seine rasante «Boat Tail»-Karosserie aus honduranischem Holz, die mit Kupferapplikationen verschraubt war, wog nur 35 Kilogramm mehr als der Motor. Kein Wunder also, dass der H6 überall für Furore sorgte und sogar in der Literatur geradezu hymnisch besungen wurde. Die Romane «The Green Hat» von Michael Arlen und «L’Homme à Hispano» von Pierre Frondaie waren literarische Denkmäler, die den H6 als heroisches Kultobjekt in den Mittelpunkt stellten.

Diesen H6C Tulipwood Torpedo liess André Dubonnet 1924 bei der Nieuport Aviation Company bauen, um ihn auf der Strasse und bei Rennen einzusetzen.

Diesen H6C Tulipwood Torpedo liess André Dubonnet 1924 bei der Nieuport Aviation Company bauen, um ihn auf der Strasse und bei Rennen einzusetzen.

Chris Hunkeler

Einer der ersten Bewunderer der Marke Hispano-Suiza war König Alfonso XIII. Er unterstützte die Produktion dieser ersten spanischen Automarke, war mit der Typenbezeichnung «Alfonso» für das 3,6-Liter-Modell von 1912 einverstanden und erkannte das Werbepotenzial erfolgreicher Teilnahmen bei Autorennen. König Alfonso war ausserdem ein begeisterter Testfahrer. Er bestand darauf, neue Hispano-Modelle als Erster zu fahren – die kaufte er nach diesen aufregenden Probefahrten meistens auch sofort. Die souveräne Leichtigkeit, mit der Speed und bulliges Drehmoment jederzeit abgerufen werden konnten, faszinierte ihn besonders. Im Lauf der Jahre hatte Alfonso rund dreissig Hispano-Suiza in seinem Fuhrpark angesammelt. All die Maharadschas, Könige, Präsidenten und Plutokraten, die in den 1920er und 1930er Jahren zu Hispano-Anhängern wurden und zum treuen Kundenstamm gehörten, waren von diesem ultimativen Statussymbol ähnlich fasziniert wie der spanische König – auch wenn sie die technischen Meriten meistens nicht zu würdigen wussten.

In diesem «Super Car»-Segment waren Maybach, Mercedes, Horch, Bugatti und Rolls-Royce starke Konkurrenten, doch als Birkigt 1931 auf dem Pariser Autosalon sein Meisterwerk, den Zwölfzylinder J12 mit 9,4 Litern Hubraum und 220 PS, vorstellte, der trotz dem Mammut-Gewicht von zwei Tonnen in 12 Sekunden auf 100 km/h beschleunigte, soll man bei Rolls-Royce so schockiert gewesen sein, dass man ein Geheimtreffen mit Marc Birkigt in Paris arrangieren wollte, um über die Lieferung des Wundermotors an die Engländer zu verhandeln. Nach Interventionen von König Alfonso und der französischen Regierung, die am französischen Hispano-Ableger beteiligt war, kam diese anvisierte J12- Vereinbarung jedoch nicht zustande.

Im Gegensatz zu allen anderen Luxusmarken (Minerva, Maybach, Duesenberg, Pierce-Arrow u. a.), die während der Weltwirtschaftskrise in Turbulenzen gerieten und in den Konkurs getrieben wurden, war die oligarchische Hispano-Klientel noch auf dem Höhepunkt der Krise bereit, in neue Modelle des genialen Konstrukteurs zu investieren. Erst als Marc Birkigt 1938 nach Genf zurückkehrte, um sich in seiner Firma Hispano-Suiza (Suisse) S. A. auf die Produktion von Flugzeugmotoren und Bordwaffen zu konzentrieren, wurde die Autoproduktion beendet. Wiederbelebungsversuche dieser grossen Marke gab es immer wieder, doch die gingen bisher nie über phantasievolle Konzeptstudien hinaus.

Der Hispano-Suiza 15/45 HP Tipo 15T «Alfonso XIII» gilt als einer der ersten reinrassigen Sportwagen.

Der Hispano-Suiza 15/45 HP Tipo 15T «Alfonso XIII» gilt als einer der ersten reinrassigen Sportwagen.

Mián Prici

Dass der Hispano-Suiza-Mythos dennoch weiterlebt, kann man daran ablesen, dass Spezialisten sich immer noch mit Nachbauten des exzentrischen «Tulpenholz»-Rennwagens von Dubonnet beschäftigen oder etwa die legendäre Indianapolis-24-Stunden-Wettfahrt von 1928 zwischen einem 8-Zylinder-Stutz-Rennwagen und einem Hispano-Suiza H6 rekonstruieren, bei der heissgelaufene Kugellager den Stutz lahmlegten und der amerikanische Stutz-Präsident Moscovics an das Hispano-Fahrerteam Weymann und Bloch 25 000 Dollar für die verlorene Wette zahlte.

Jay Leno ist vielleicht immer noch der grösste «Hisso»-Fan. Wenn er in seinem gigantischen Hispano-Eigenbau, der auf einem Chassis von 1915 aufgebaut ist und mit einem Hispano-Flugzeugmotor mit 18,5 Liter Hubraum ausgerüstet ist, aus seiner Garage rollt, strahlt er beglückt und wedelt begeistert wie ein kleiner Junge, der zum Flug ansetzt, mit den Armen. Auf dem kalifornischen Highway drückt er dann auf die Tube und erklärt, dass dieses nach dem Geschmack des exzentrischen Grafen Zborowski gebaute Chitty-Chitty-Bang-Bang-Hotrod-Monster ganz lässig 200 km/h erreicht: «Dieses gewaltige Drehmoment ist einfach unbeschreiblich», schwärmt Petrolhead Leno, «aber eigentlich ist ja alles an einem ‹Hisso› einzigartig und unübertroffen.»