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Unter der Oberfläche brodelt es in Syrien

Der Mufti von Damaskus ist bei einem Autobombenanschlag getötet worden. Der regimetreue Kleriker führte «Versöhnungsgespräche» mit Rebellen. Seine Ermordung zeigt, wie fragil Asads Herrschaft noch immer ist.

Betende verneigen sich am Donnerstag vor dem Sarg des getöteten Mufti Mohammed Adnan al-Afyuni in der Umayyaden-Moschee in Damaskus.

Betende verneigen sich am Donnerstag vor dem Sarg des getöteten Mufti Mohammed Adnan al-Afyuni in der Umayyaden-Moschee in Damaskus.

Omar Sanadiki / Reuters

Der Krieg in Syrien ist längst nicht vorbei. Am Donnerstag töteten die USA nach eigenen Angaben 17 hohe Kaida-Mitglieder in der Rebellenhochburg Idlib durch einen Drohnenangriff. Besonders aktiv ist der bewaffnete Untergrund derzeit in der Provinz Daraa im Süden, an der Front in Idlib kommt es ebenfalls zu regelmässigen Scharmützeln, und in der Wüste im Osten verübt die Terrormiliz Islamischer Staat wieder vermehrt Überfälle. Doch in der Hauptstadt Damaskus ist es ruhig geworden. Der letzte grössere Terroranschlag geht auf den Januar 2019 zurück. Umso bemerkenswerter ist deshalb die Ermordung von Mohammed Adnan al-Afyuni, dem Mufti der Region Damaskus.

Afyuni wurde am Donnerstagabend in einem Vorort der Hauptstadt in seinem Auto bei einem Bombenanschlag getötet. Der Mann mit dem schlohweissen Bart war einer der höchsten geistlichen Würdenträger des Landes. Er war Mitglied des wissenschaftlichen Rates im Ministerium für religiöse Stiftungen und leitete ein Zentrum zur Bekämpfung des Extremismus. Der Mufti habe sehr enge Kontakte zu Präsident Bashar al-Asad und den syrischen Geheimdiensten gehabt, schreibt die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Vermittler zwischen Regime und Rebellen

Ab 2016 spielte Afyuni eine zentrale Rolle bei den sogenannten Versöhnungsgesprächen mit Rebellengruppen in mehreren Vororten der Hauptstadt. Im Grunde ging es jedoch nicht um eine Versöhnung, sondern um eine Kapitulation. Die Aufständischen waren meistens seit Jahren in kleinen Enklaven eingekesselt und völlig entkräftet. Angesichts heftiger Bombardements durch die russische Luftwaffen verhandelten sie aus einer schwachen Position heraus. Die Aufständischen hatten die Wahl, mit ihren Familien in die Rebellenprovinz Idlib im Norden evakuiert zu werden oder sich unter die Willkürherrschaft des Regimes zu begeben.

Auf Bildern von damals ist zu sehen, wie Afyuni im September 2016 das Gebet im Vorort Daraya leitete, nachdem die Rebellen evakuiert worden waren. Im Hintergrund kniet auch Präsident Bashar al-Asad auf dem Teppich der Moschee. Doch die andächtige Szenerie täuscht. Die Umsetzung der Versöhnungsabkommen werde zu einer Verschlechterung der Beziehung zwischen dem Regime und der lokalen Bevölkerung und zu einer neuen Dynamik der Gewalt führen, schrieb das European University Institute bereits 2017 in einer Studie. So geschehen ist dies dann vor allem in der Provinz Daraa im Süden, wo ein bewaffneter Untergrund weiter existiert und operiert. Für Unmut in der Bevölkerung sorgt unter anderem, dass das Regime die in den Versöhnungsabkommen versprochene Freilassung von Gefangenen bis heute nicht umgesetzt hat.

Afyuni leitet das Gebet in Daraya nach der Evakuierung der Rebellen im September 2016. Rechts im Bild sitzt Präsident Bashar al-Asad.

Afyuni leitet das Gebet in Daraya nach der Evakuierung der Rebellen im September 2016. Rechts im Bild sitzt Präsident Bashar al-Asad.

AP

Noch ist nicht klar, wer hinter dem tödlichen Attentat auf den Mufti steckt. Der erste Verdacht fällt natürlich auf den bewaffneten Widerstand gegen das Asad-Regime. Andrerseits erinnert das Ereignis auch an die Ermordung des einflussreichen regimetreuen Klerikers Ramadan al-Buti im März 2013, angeblich durch einen Selbstmordattentäter. Der Imam der Umayyaden-Moschee in Damaskus war ein langjähriger Unterstützer des Asad-Regimes und Kritiker der Muslimbruderschaft. Die syrische Opposition verurteilte das Attentat auf Buti damals jedoch als unentschuldbares Verbrechen und verdächtigte das Regime, hinter der Bluttat zu stehen. «Keine Meinungsverschiedenheiten erlaubt die kaltblütige Tötung von Muslimen», erklärte Moaz al-Khatib. Der frühere Imam der Umayyaden-Moschee hatte seine Funktion wegen seiner Kritik am Asad-Regime verloren.

Zuerst der Krieg, jetzt der Hunger

Was auch immer die Hintergründe für Afyunis Ermordung sein mögen, sie zeigt, dass es auch in den vom Regime kontrollierten Gebieten in Syrien unter der Oberfläche weiter brodelt. Auch wenn kein offener Krieg mehr herrscht, ist die wirtschaftliche Not der Menschen so gross wie nie zuvor. Rund 90 Prozent der Bevölkerung unter Asads Kontrolle leben unter der Armutsgrenze, die Arbeitslosigkeit liegt bei 80 Prozent.

Der Kollaps des Finanzsystems in Libanon, neue US-Sanktionen und die Corona-Epidemie führten in Syrien zu einem rasanten Währungszerfall. Der Mangel an harten Devisen ist so gross, dass Damaskus seit dem Sommer jeden Syrer, der in sein Heimatland einreisen will, dazu zwingt, 100 Dollar zum offiziellen Wechselkurs in lokale Währung zu wechseln. Gerade für syrische Gastarbeiter in Libanon, wo sich der Preis für einen Dollar in den vergangenen Monaten verfünffacht hat, ist das eine hohe Hürde.

In Syrien selbst hat die Regierung den Zugang zu verbilligtem Brot oder Benzin stark rationiert. Ein vierköpfiger Haushalt bekommt noch zwei Pakete Fladenbrot pro Tag. Wer mehr braucht, muss sich zum fünffachen Preis auf dem Schwarzmarkt eindecken. Die Folge sind endlose Schlangen vor staatlichen Bäckereien und Tankstellen. Die Leute müssen sich bereits in den frühen Morgenstunden anstellen, wollen sie sicher sein, ihre Brotration zu ergattern.

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