Switzerland

Undercover-Journalist infiltriert Netzwerk von Schweizer Corona-Verschwörern

François de Siebenthal (rechts) ist eine der öffentlich auftretenden Figuren der Gruppierung, die von einem Westschweizer Journalisten unterwandert wurde. Bild: keystone

Undercover-Journalist infiltriert Netzwerk von Schweizer Corona-Verschwörern

Ein junger Westschweizer Journalist verbrachte zwei Monate «undercover» bei einer Gruppierung, die gegen das Maskentragen und die SwissCovid-App kämpft. Seine Enthüllungen werfen unbequeme Fragen auf.

Dieser Beitrag dreht sich um die Enthüllungen eines jungen Westschweizer Journalisten, der eine Gruppe von Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern in der Romandie «infiltriert» hat. Dies im Auftrag des Westschweizer Online-Mediums Heidi.news, das nun in einer Serie über die Akteure und ihre beunruhigenden Ansichten berichtet.

In der Matrix

Die Pandemie war geplant. Das Virus existiert nicht. Alles eine riesige Verschwörung, in Kombination mit 5G und obligatorischen Impfungen, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Zudem lässt die Schweizer Regierung Kinder entführen, um reiche und mächtige Pädokriminelle zu versorgen.

Das sind keine geschmacklosen Scherze, sondern einige der Verschwörungstheorien, die von «einer gut organisierten Gruppierung» in der Romandie vertreten werden, wie Heidi.news berichtet. Mit den bei YouTube und Facebook verbreiteten Videos werden Millionen Zuschauer erreicht.

Die gleichen Leute bilden auch das Referendumskomitee gegen die SwissCovid-App. Mit an Bord: ein Mitglied des eidgenössischen Parlaments aus dem Wallis.

Um zu verstehen, wer diese Menschen sind, wie sie denken und welche Absichten sie verfolgen, hat Sami Zaïbi das «Verschwörungs-Netzwerk» infiltriert. Während fast zwei Monaten – mitten in der Corona-Krise – recherchierte der 24-jährige Journalist «undercover». Dies im Auftrag von Heidi.news, dem im Frühling 2019 lancierten französischsprachigen Online-Magazin, das seinen Sitz im Kanton Genf hat.

Heidi.news hat am Montag die ersten Artikel zur grossen Recherche von Sami Zaïbi veröffentlicht, früh am Dienstagmorgen einen dritten. Weitere Artikel sollen folgen.

Ist das zulässig?

«Wir haben einen Journalisten eingeschleust bei den unerbittlichsten Verschwörern der Westschweiz», titelte das französischsprachige Online-Medium Heidi.news am Montag. Chefredaktor Serge Michel erklärt in dem Beitrag, warum zu dieser journalistischen Methode gegriffen wurde.

«Für uns begann alles mit diesen beleidigenden Briefen, die wir zu Beginn der Pandemie von einigen von Ihnen erhalten haben. Wir Journalisten seien Unterwürfige, Idioten, Kick-Asses der mächtigen Handlanger von Bill Gates, hirnlose, willige Opfer. Unser Tod wurde angekündigt, manchmal gewünscht.»

Die Gewalt der Worte habe die Journalisten herausgefordert, schreibt Michel. So wie auch der Erfolg von Verschwörungsvideos, die über den im April 2020 gegründeten YouTube-Kanal Agora TV verbreitet wurden (dazu unten mehr).

Zudem hätten die Macher der Verschwörer-Videos die gestellten Fragen nicht beantwortet. Darum habe er einen ehemaligen Studenten angefragt, ob er als Investigativreporter tätig werden könne. «Eine Kamikaze-Mission.»

Man sei sich durchaus bewusst, dass solche «Infiltrationsmethoden» Fragen aufwerfen würden, räumt der Chefredaktor von Heidi.news ein. Gemäss Artikel 4 der Münchner Konvention über die Rechte und Pflichten von Journalisten müssten Informationen nach «fairen Methoden» eingeholt werden. Artikel 1 ersuche darum, die Wahrheit zu respektieren.

In Bezug auf Undercover-Journalismus und versteckte Kameras verlange die schweizerische und europäische Rechtsprechung, um sie zu rechtfertigen, dass die so erhaltenen Informationen von öffentlichem Interesse sein müssen und dass es keinen anderen Weg gebe, um sie zu bekommen.

Für ihn seien diese beiden Bedingungen erfüllt, hält der Chefredaktor in dem Beitrag fest und begründet dies mit ziemlich beunruhigenden Erkenntnissen, die wir im Nachfolgenden zusammengefasst wiedergeben.

Hat die Gruppe mit der QAnon-Bewegung zu tun?

Ja, findet der Heidi.news-Chefredaktor, und beschreibt die zwei auffälligsten Ähnlichkeiten zwischen den Westschweizern und der amerikanischen QAnon-Bewegung:

Sie seien zutiefst antidemokratisch, aber sie zögerten nicht, die Instrumente der direkten Demokratie zu nutzen, wird in einem der Heidi-News-Berichte kommentiert. Zum Beispiel durch die Lancierung des SwissCovid-Referendums (Ende der Unterschriftensammlung am Donnerstag, 8. Oktober) und durch die Organisation von öffentlichen Anti-Maskendemonstrationen, wie die vom 12. September in Genf.

Sind das alles Rechtsextreme?

Nein. Was die politische Positionierung betrifft, gibt es gemäss den Recherchen von Heidi.news «einen Zusammenschluss der beiden Extreme, von der Anti-Globalisierungs-Linken bis zur ultranationalistischen Rechten, von den ‹gelben Westen› bis zur SVP, einschliesslich Donald Trump». Es würden kontroverse Persönlichkeiten unterstützt wie der französische Komiker Dieudonné, der wegen rassistischer Äusserungen verurteilt wurde, sowie auch andere Antisemiten.

Was hat die Gruppe vor?

Die Verantwortlichen halten sich bezüglich ihrer eigentlichen Motivation bedeckt, schreibt Zaïbi. Dies, um mögliche Interessenten nicht im Vornherein abzuschrecken.

«Ihre Strategie ist eindeutig, die öffentliche Meinung zu gewinnen. Um dies zu erreichen, sind sie bereit, manchmal ihre wildesten Ideen beiseite zu legen und sich um ‹Mainstream›-Themen zu scharen, wie zum Beispiel den Widerstand gegen die SwissCovid-App oder die Ablehnung des Maskentragens.»

Ihren bislang grössten Erfolg konnte die Gruppierung im Juli mit der Lancierung der Unterschriftensammlung gegen die SwissCovid-App feiern. Ein vielbeachteter öffentlicher Auftritt an einer Medienkonferenz in Bundesbern, landesweit verbreitet durch Journalisten. Auch watson berichtete.

Warum tun sie das?

Laut den Verschwörern sind alle «Mainstream-Medien» Komplizen der Mächtigen und schüren eine irrationale Angst vor dem Coronavirus.

Dabei offenbart das Engagement der Corona-Leugner religiöse Züge, wie Zaïbi beschreibt:

«Ihre Ideologie ist von einem religiösen Substrat durchdrungen, das traditionelle Kirchen nicht verkörpern. Davon zeugen Ihre ständigen Hinweise auf ‹Satan› hinter den von Ihnen angeprangerten sogenannten Komplotten.»

Dies sei auch in der internen Vorbesprechung auf die Medienkonferenz zum SwissCovid-Referendum ersichtlich gewesen. Die Verantwortlichen hätten diskutiert, ob sie öffentlich über Bill Gates, die Pädokriminalität etc. sprechen sollten. Dies sei schliesslich verworfen worden, aus Angst, damit die Bevölkerung zu verunsichern und Goodwill zu verlieren.

Welche Rolle spielt Agora TV?

Der in der Westschweiz bekannte YouTube-Kanal ist das Online-Sprachrohr der Gruppierung.

Die YouTube-Videos bestehen laut Heidi.news im Allgemeinen aus «Reden» von angeblichen «Whistleblowern», die vor der Kamera «die schreckliche Wahrheit» erzählten. Inhaltlich gehe es um fünf Hauptthemen: Satanismus, Kinderkriminalität, 5G, Impfstoffe und natürlich die Corona-Krise.

Für die sogenannten «Whistleblower» seien alle Themen eng miteinander verbunden und bildeten zusammen eine immense und gefährliche Verschwörung, die in Genf, dem Sitz der Globalisierung und der Uno, ausgebrütet werde.

Wer steckt dahinter?

Chloé Frammery

Sie ist laut den Berichten von Heidi.news eine zentrale Figur. «Mathematiklehrerin an einem Genfer College. Französisch-belgischer Herkunft.» Sie sei ein «Star» der Westschweizer Verschwörungsszene, schreibt Zaïbi, und dank eines Facebook-Videos, das sich viral verbreitete, bekannt geworden. «Sie organisierte einen Marsch gegen das Maskentragen und steht auch hinter dem Referendum gegen SwissCovid.» Und sie war Mitorganisatorin von Gelbwesten-Protesten in Genf.

Frammery: «Wenn man nicht die Nachricht töten kann, tötet man den Überbringer.» Bild: keystone

François de Siebenthal

Studierter Ökonom und Banker, Informatiker und später philippinischer Konsul in Lausanne. Er stamme aus einer alten Schweizer Familie, von der er behaupte, sie habe zahlreiche Verschwörungen überlebt. Seit zwei Jahrzehnten sei der Kampf gegen die Freimaurerei sein erklärtes Ziel.

Der 64-jährige Waadtländer nahm im vergangenen Jahr an Gelbwesten-Protesten auf dem Berner Bundesplatz teil und machte sich 2018 für die Vollgeld-Initiative stark.

Heidi.news bezeichnet ihn als «liberalen Nationalisten»: Er habe Verbindungen zur ultranationalistischen Résistance-Helvétique-Bewegung geknüpft und schreibe alle seine Kämpfe in die Linie des Eides von 1291 für die Freiheit und die Macht des Schweizer Bürgers, Bild: keystone

Und noch ein Video, das tief blicken lässt:

In fünf Minuten erkläre de Siebenthal die Zusammenhänge zwischen einem Berner Brunnen, Pädokriminalität, «falschen Juden», Satan, den Kommunisten, Covid-19 und Vitamin D, hält Heidi.news fest. Video: YouTube/AGORA TVNEWS

Dies sind nur zwei Figuren aus dem Führungsgremium. Heidi.news benennt noch weitere Personen, die zum Teil ebenfalls in der Romandie als Pädagogen tätig seien.

Wie schlimm ist es?

Das kommt auf die Perspektive an.

Heidi.news schreibt:

«Wir haben nicht die Absicht, ihre Meinungsfreiheit anzugreifen. Aber Kinder ihren anti-wissenschaftlichen und anti-demokratischen Theorien auszusetzen, scheint uns keine gute Idee zu sein.»

Die Redaktion werde deshalb die Bildungsdirektionen (DIP) im Kanton Waadt und Genf zu diesem Thema befragen.

Chloé Frammery nimmt in einem bei YouTube (Agora TV) veröffentlichten Video Stellung zur Recherche und sagt, sie sei weder antidemokratisch, noch antiwissenschaftlich.

Quellen

Die Enthüllungsberichte bei Heidi.news:

100 symbolische «Gräber» am Strand von Copacabana

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