Switzerland

Und immer wieder dieses verflixte Florida

Wer aus Amerika berichtet, hat die Qual der Wahl. Vorgefasste Ideen und Pläne erweisen sich rasch als überholt. Wider Erwarten zog es mich wegen des Steuerstreits, der erstaunlichen Renaissance der Space Coast und der faszinierenden demografischen Entwicklung mehrmals nach Florida. Dort wird auch künftig viel Musik spielen.

Von Palm Beach in Florida aus will Donald Trump auch künftig Einfluss auf die US-Politik nehmen.

Von Palm Beach in Florida aus will Donald Trump auch künftig Einfluss auf die US-Politik nehmen.

Imago

Als ich im Spätsommer 2014 den Posten des NZZ-Wirtschaftskorrespondenten in der amerikanischen Hauptstadt Washington übernahm, freute ich mich auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem allmächtigen Federal Reserve System, mit den Institutionen von Bretton Woods und den renommierten US-Denkfabriken. Ich ging davon aus, dass im Weissen Haus der Stab von Barack Obama an Hillary Clinton übergehen würde. Das hätte Kontinuität in der Wirtschaftspolitik bedeutet und damit mehr Freiraum gelassen, um aus den riesigen Vereinigten Staaten heraus vermehrt auch von abseits der bekannten Trampelpfade über Land, Leute und Wirtschaft zu berichten.

Den Gliedstaat Florida hatte ich dabei nicht speziell im Visier. In den folgenden sechs Jahren sollte ich aber mit Ausnahme der DMV-Region (District of Columbia - Maryland - Virginia) in keinem anderen Gliedstaat so viel Zeit verbringen wie im Sunshine State am Südostzipfel des Landes. Dass die Familie dort klimabedingt gerne Ferien machte, war das eine. Dass es mich aber auch für die NZZ immer wieder dorthin ziehen würde, hatte ich nicht erwartet.

Wirtschaft bedeutet auch Wirtschaftskriminalität

Überrascht hat mich auch, wie sehr ich als US-Wirtschaftskorrespondent zum Gerichts- und Justizkorrespondenten mutieren musste. Schon im Herbst 2014 kam es entgegen den Erwartungen der USA im Fall mit dem Aktenzeichen 08-CR-60322 gegen den ehemaligen UBS-Spitzenbanker Raoul Weil nicht zu einem aussergerichtlichen Vergleich, sondern zum Gerichtsprozess. Ich hatte zuvor das Thema des Steuerstreits zwischen der Schweiz und den USA stets zu umschiffen versucht. Nicht weil es unwichtig ist, sondern weil ich den Streit für die Schweiz als verlorenen Krieg betrachtete, in den ich mich nicht auch noch einmischen wollte.

Doch der Weil-Prozess musste verfolgt und abgedeckt werden. Deshalb reiste ich im Herbst 2014 dreimal in kurzer Folge nach Fort Lauderdale, ins «Venedig Amerikas». Wieso Fort Lauderdale in Florida? Die rund dreissig Kilometer nördlich von Miami gelegene Stadt beherbergt das für den Southern District of Florida zuständige US-Bundesgericht. Raoul Weil war dort angeklagt, weil laut den US-Behörden die UBS ihre Beihilfen zum Steuerbetrug zu einem wichtigen Teil in Südflorida, unter anderem an der Art Basel in Miami, geleistet hatte. Insgesamt, so lautete die Anklage, solle Weil dazu beigetragen haben, dass US-Bürger über die Jahre rund 20 Mrd. $ vor der Steuerbehörde IRS versteckten.

Die Geschichte des Prozesses ist schnell erzählt. Die amerikanischen Staatsanwälte konnten den amerikanischen Geschworenen keine handfesten Beweise dafür vorlegen, dass Weil als Chef des Vermögensverwaltungsgeschäfts zusammen mit anderen «Verschwörern» die Schwarzgeldstrategie der Grossbank in den USA verantwortete. Der Prozess begann am 14. Oktober und endete am 3. November mit dem Freispruch Weils. Für die Berichterstattung war das aber dramatisch, denn niemand konnte ahnen, dass die Geschworenen an jenem Montagnachmittag nur gerade eine Stunde brauchen würden, um zum Verdikt zu kommen.

Raoul Weil und Ehefrau Susan Lerch Weil während des Gerichtsprozesses in Fort Lauderdale.

Raoul Weil und Ehefrau Susan Lerch Weil während des Gerichtsprozesses in Fort Lauderdale.

Lynne Sladky / AP

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Es war absolute Glückssache, dass ich mich noch vor dem Gerichtsgebäude aufhielt, als es plötzlich hiess, das Urteil werde gleich verlesen. Eigentlich hätte ich bereits wieder im Hotelzimmer sein wollen, um meinen Bericht über die Schlussplädoyers zu schreiben und die NZZ-Leser darauf hinzuweisen, dass sich die Jury nun für unbestimmte Zeit zurückgezogen habe. Stattdessen eilte ich zurück in den Gerichtssaal, und noch während das Urteil verlesen wurde, packte ich meine Notizen zusammen und sprintete umgehend zurück ins Hotel, denn vor Gericht war kein Laptop erlaubt. So schaffte ich es gerade noch rechtzeitig vor dem letzten Redaktionsschluss, die News vom Freispruch Weils auch in der Printausgabe zu verkünden.

Die doppelte Überraschung – dass es überhaupt zum Prozess und anschliessend zum schnellen Freispruch gekommen war – führte zur Zäsur im Steuerstreit. Nach dem Scheitern in der Strafverfolgung von Raoul Weil stellte die US-Justiz ihre Jagd auf Schweizer Banker weitgehend ein; unter den Vermögensverwaltern mit US-Verbindungen kam es zu einem ersten kollektiven Aufatmen. Das Dossier war damit aber freilich längst noch nicht abgeschlossen. Es dauerte bis am 27. Januar 2016, bis das Justizministerium (DoJ) den letzten Vergleich mit einem Schweizer Institut der Kategorie 2 bekanntgab, und bis am 29. Dezember 2016, bis auch der Abschluss der Prüfung der Banken der Kategorien 3 und 4 vermeldet wurde.

Die grössten Zahlungen im US-Steuerstreit

In Mio. $

Institut Busse Datum der Bekanntgabe Gruppe*

Zwischen März 2015 und Januar 2016 einigte sich das DoJ mit achtzig Kategorie-2-Banken auf eine Abwendung der Strafverfolgung (Non-Prosecution Agreement) und zog Bussen von total 1,36 Mrd. $ ein. Zwischen Juli und Dezember 2016 erhielten fünf Kategorie-3-Institute die Bestätigung, nicht Ziel der US-Strafverfolgung zu sein (Non-Target Letters), während sich die Kategorie 4 (Fatca-Konformität) gar nie materialisierte. Noch nicht ganz abgeschlossen hat die US-Justiz mit der Kategorie 1. Nach den happigen Vergleichen mit UBS, CS oder auch Julius Bär kam im Mai 2020 die Bank Hapoalim als vorläufig letzte dieser Banken an die Kasse; übrig bleiben jetzt noch die Genfer Privatbank Pictet und die Zürcher Rahn + Bodmer Co.

Auch wenn Südflorida und generell die USA für Schweizer Banken ein hartes Pflaster geworden sind: Der Sunshine State bleibt als Finanzdrehscheibe zentral und gewinnt tendenziell sogar an Bedeutung. Miami verbindet Süd- und Nordamerika mit der Karibik und Europa. In der Corona-Krise scheint der Finanzplatz Florida vom Dichteproblem Manhattans zu profitieren; viele ins Home-Office verbannte Talente machen sich in den milden, steuerlich attraktiven Süden auf und errichten dort neue Geschäftseinheiten.

Von Washington nach Zürich

pfi. · Von den Auswirkungen der Finanzkrise und dem Steuerstreit über den Dieselskandal bis hin zur Finanz- und zur protektionistischen Handelspolitik Trumps: Martin Lanz (mla.) hat mit viel Detailkenntnissen und analytischem Tiefgang darüber berichtet. Nach sechs Jahren beendet er mit diesen persönlich gefärbten Erinnerungen seine Korrespondententätigkeit. Auf der Redaktion in Zürich wird er das Geschehen in den USA weiter verfolgen und für «NZZ PRO Global», unser neues digitales Angebot für global Interessierte und Entscheider in Wirtschaft und Politik, tätig sein.

Ein Land ohne Industrie ist kein Land

Kaum zu erwarten war auch, wie sehr ich mich während der sechs Jahre mit der Auto- und Flugzeugindustrie auseinandersetzen würde – und mit der amerikanischen Raumfahrt. Donald Trumps Drang, das Nordamerikanische Freihandelsabkommen zugunsten der US-Autoindustrie neu zu verhandeln, und die ständigen Drohungen, ausländische – und nicht zuletzt deutsche – Fahrzeuge und Komponenten mit Sonderzöllen abzuwehren, zwangen dazu, die Wertschöpfungsketten der Autoindustrie besser zu verstehen.

Meine Recherchen führten mich dazu nicht nur nach San Luis Potosí in Mexiko, wo BMW 2020 ein neues Werk zur Produktion der 3er-Serie in Betrieb nahm, sondern auch an die Standorte des weltweit produktionsstärksten BMW-Werks in Spartanburg (South Carolina) sowie des Mercedes-Werks in Tuscaloosa (Alabama). Die Besuche zeigten, welch wichtige Rolle die beiden deutschen Autobauer mit ihren Tausenden von Angestellten in der Reindustrialisierung und der Diversifizierung der durch Strukturwandel und Globalisierung gebeutelten US-Südstaaten spielen. Sie verdeutlichten aber auch, wie abhängig ihre ausgeklügelten Wertschöpfungsketten von offenen Grenzen sind.

Einmal mehr nach Florida führte mich aber nicht die Autoindustrie, sondern die erstaunliche Renaissance der amerikanischen Raumfahrt. Brevard County, das die Installationen von Cape Canaveral und die Space Coast im weiteren Sinn beherbergt, lag am Boden, nachdem 2011 die US-Raumfahrtbehörde Nasa das Space-Shuttle-Programm eingestellt hatte. Seit einiger Zeit herrscht nun aber wieder Aufbruch-, wenn nicht Boomstimmung, und das vor allem dank den Erfolgen privater Anbieter wie Elon Musks SpaceX.

Als Journalist sollte ich 2019 den Vorbereitungen für eine Mission zur Versorgung der Internationalen Raumstation (ISS) beiwohnen, welche SpaceX im Auftrag der Nasa durchführte. Ein Jahr später begann das neue Zeitalter definitiv. Jahrelang hatten die USA ihre Astronauten nach 2011 für teures Geld in russischen Raketen in die Umlaufbahn schiessen lassen müssen. Ende Mai 2020 dockte mit der Raumfähre «Crew Dragon» von SpaceX mit den Astronauten Doug Hurley und Bob Behnken an Bord endlich wieder «amerikanisches Gerät» an der Internationalen Raumstation (ISS) an.

Am 30. Mai hebt eine SpaceX-Falcon-9-Rakete mit den NASA-Astronauten Doug Hurley und Bob Behnken an Bord der Dragon-Raumkapsel vom Kennedy Space Center in Cape Canaveral ab.

Am 30. Mai hebt eine SpaceX-Falcon-9-Rakete mit den NASA-Astronauten Doug Hurley und Bob Behnken an Bord der Dragon-Raumkapsel vom Kennedy Space Center in Cape Canaveral ab.

John Raoux / AP

Laut der lokalen Wirtschaftsförderung hat das neue Kapitel der US-Raumfahrt bisher zu Anlageinvestitionen von 2 Mrd. $ und 17 000 neuen Jobs verholfen. Ein besonders prominenter Investor ist Blue Origin, das Raumfahrtprojekt von Jeff Bezos. Die Nasa selber entwickelt derzeit vor Ort ihr eigenes neues Space Launch System mithilfe von Lockheed Martin, Boeing und Northrop Grumman. Die Idee ist, 2024 mit der Artemis-III-Mission erstmals seit 1972 wieder Menschen auf dem Mond landen zu lassen.

Auch wenn die bemannte Raumfahrt der spektakulärste Auswuchs der Aktivitäten an der Space Coast ist, besteht das Brot-und-Butter-Geschäft der Branche aus den Satellitentransporten, zu kommerziellen wie militärischen Zwecken. Laut der Kommandantur des 45th Space Wing, der den Luftraum über der gesamten Ostküste absichert und ohne den in der US-Raumfahrt nichts läuft, sind für 2021 total 53 Missionen vorgesehen, die von Cape Canaveral abheben werden. 2020 waren es 31 Missionen. Das 2021er Programm umfasst drei bemannte Nasa-Missionen, von denen zwei von SpaceX und eine von Boeing durchgeführt werden sollen. SpaceX wird insbesondere regelmässig Raumtransporte abwickeln, um Starlink, das weltumspannende Satelliten-Internet von Elon Musk, aufzubauen.

Faszinierende Demografie

Neben den Stränden, dem Finanzplatz, der Raumfahrt und nach Überwindung der Pandemie voraussichtlich auch wieder den Disney-Vergnügungsparks sind die demografische Entwicklung und deren Auswirkungen auf die amerikanische Politik wohl der wichtigste Grund, weiterhin ein Auge auf Florida zu haben. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen 2020 besuchte ich erneut The Villages. Diese wohl weltgrösste, in Zentralflorida gelegene Alterssiedlung wächst seit Jahren ungestüm. Die Anziehungskraft auf im Nordosten und im Rostgürtel wohnhafte Amerikaner, die unter der Sonne Floridas beim Golfspiel unter Gleichgesinnten ihren letzten Lebensabschnitt verbringen wollen, ist ungebrochen. Das sorgt auf absehbare Zeit für einen stetigen Zufluss an konservativen Wählern – Leute, die 2016 und 2020 für Donald Trump gestimmt und dazu beigetragen haben, dass er die 29 Elektorenstimmen Floridas einheimsen konnte.

Die Alterssiedlung wird immer grösser

Bevölkerung von The Villages (MSA), in Tausend

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Die Senioren sind freilich nur ein Teil der Geschichte; im Herbst 2020 waren es die aus Kuba oder Venezuela stammenden Wähler in Südflorida, welche den Ausschlag zugunsten von Trump gaben, weil bei ihnen die Warnung verfing, dass unter Biden und den Demokraten der Sozialismus Einzug halten werde. Auch die stark gewachsene puerto-ricanische Gemeinde ist politisch aktiv und könnte in künftigen Wahlen das Zünglein an der Waage spielen. Das dank Alters-, Binnen- und internationaler Zuwanderung starke Bevölkerungswachstum der vergangenen zehn Jahre wird Florida voraussichtlich 2022 zwei zusätzliche Sitze im US-Repräsentantenhaus bescheren.

Und wem all das nicht Grund genug ist, die Entwicklung in Florida weiterzuverfolgen: Nach dem 20. Januar schlägt Donald Trump im Sunshine State permanent seine Zelte auf. Inwiefern ihm das verrückte Florida als sicherer Hafen und Plattform für ein politisches Comeback dient, wird Amerika in den kommenden Jahren umtreiben.

Bewohner der Alterssiedlung The Villages bekunden ihre Unterstützung für Donald Trump.

Bewohner der Alterssiedlung The Villages bekunden ihre Unterstützung für Donald Trump.

Douglas R. Clifford / Imago

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