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Ulrich Tukur (62) spielt den Bösewicht im Film «Jagdzeit»: «Ich hasse die Jagd»

Ulrich Tukur (62) gehört zu den ganz grossen deutschen Schauspielern. Für Regisseurin Sabine Boss (54) ist mit seinem Mitwirken in «Jagdzeit» ein Traum in Erfüllung gegangen. BLICK traf Tukur am Rande der Solothurner Filmtage.

BLICK: Wir haben gerade neulich Wim Wenders interviewt. Mit ihm haben Sie nie gedreht.
Ulrich Tukur: Nein, das hat sich leider nie ergeben. Es gibt viele Regisseure, mit denen ich nicht gearbeitet habe. Zwangsläufig ist das so im Leben. Man sehnt sich nach bestimmten Künstlern, aber man trifft sie nicht.

Wie sind Sie auf Sabine Boss getroffen?
Sabine Boss traf auf mich. Sie wollte, dass ich die Rolle des Hans-Werner Brockmann spiele. Warum, weiss ich nicht. Sie ist eine leidenschaftliche und obendrein sehr sympathische Frau, und sie hat mir ein tadelloses Drehbuch vorgelegt. Ich habe ein paar ihrer Filme angeschaut, unter anderem ihren grossen Erfolg «Der Goalie bin ig», den ich fabelhaft fand. Sie zeigt darin eine Schweiz, die ich so gar nicht kannte, spannend wie ein abgründiges Finnland, mit tollen Schauspielern. Stefan Kurt ist ein alter Bekannter aus Hamburger Theaterzeiten, er war ein starkes Argument für meine Zusage, einer der wunderbarsten Schauspieler überhaupt.

War es für Sie relevant, dass der Film auf einer wahren Geschichte basiert und die Zuschauer schon eine gewisse Erwartungshaltung aufbauen können?
Ich hatte von den Vorfällen bei der Zürich Versicherung gelesen und habe später einen der Hauptbeteiligten, Herrn Ackermann, persönlich kennengelernt, nach irgendeiner Theateraufführung oder Filmpremiere. Er wirkte auf mich sehr liebenswürdig, sympathisch und interessiert. Wir haben uns ein wenig unterhalten, soweit ich mich erinnere, hatte auch seine Tochter etwas mit Theater zu tun. Etwas Bestimmtes fasziniert mich an diesen Charakteren, wie eben auch an der Figur des Managers Brockmann. Es ist das Janusköpfige. Wir haben einen ansprechenden, charmanten Menschen, der sich aber blitzschnell wandeln und einen Kontrahenten eiskalt über die Klinge springen lassen kann und so in den Abgrund treibt. Ich habe grosse Mühe, das zu verstehen. Ich möchte in der Verkörperung eines solchen Menschen immer verständlich machen, was ihn antreibt, warum er so ist, wie er ist. Das ist das Spannende, eine Charakterrolle mit Fallhöhe, das macht man gern.

Hat es Spass gemacht, den bösen Deutschen zu spielen?
(Lacht und rollt die Augen, fasst sich dann wieder) Solche Machtmenschen und Alphatiere zu verkörpern, ist tatsächlich ein Vergnügen. Die deutsche Überheblichkeit spielt im Film zum Glück keine grosse Rolle, Brockmann ist ein internationales Arschloch. Aber auch diese Typen wackeln irgendwann und zeigen Risse, sie sind ja keine Psychopathen. Die spüren schon, dass sie was Schmutziges tun, aber wischen einfach drüber hinweg. Packend ist, wenn man zeigen kann, dass auch ein solcher Mensch weiss, dass er etwas Furchtbares tut. Dieser Widerspruch ist für mich die wirkliche Herausforderung. Denn wenn so ein Macher kühl nachdenkt, weiss auch er, dass er eines Tages verlieren wird. Abtreten muss er irgendwann und sterben auch. Mitnehmen kann er nichts von dem Profit, den er sich in die Tasche gewirtschaftet hat. Was ich damit sagen will: Diese vermeintlichen Gewinner haben gleichfalls eine Seite der Verlorenheit, der Einsamkeit, der Trauer und Dunkelheit in sich. Nur sie lassen derartige Gefühle nicht zu, nicht einmal vor sich selbst. Und das find ich als Schauspieler ungemein spannend.

In zwei, drei Szenen zeigen Sie den verletzlichen Brockmann. Wenn er sich Whisky einschenkt auf die Nachricht hin, dass sich Maier umgebracht hat, zum Beispiel.
Genau das meine ich, das haben Sie gut beobachtet. Er schenkt sich ein Glas ein und zittert. Er merkt, er hat was Abscheuliches getan, überspielt es aber. Solche Menschen wissen, sie haben jemanden nicht nur beschädigt, sondern zerstört, und drücken es weg. Aber das schlechte Gewissen bricht sich körperlich Bahn. Das ist auch der Kern des Films: An vielerlei Stellen in unserer Gesellschaft herrscht eine unglaubliche Kälte, ein erbitterter Kampf um Macht und Einfluss. Weit weg von Empathie, Rücksichtnahme und gegenseitigem Respekt. Wir leben im Schnitt 80 Jahre auf dieser Erde, was machen wir nur mit dieser knappen Zeit? Es geht doch nicht darum, sich die Taschen vollzustopfen und andere kleinzumachen … In diesem hyperkapitalistischen System, in dem wir uns bewegen, geht so viel Würde und Anstand kaputt. Deshalb ist der Film auch aktuell und wichtig.

Haben Sie zur Vorbereitung reale CEOs studiert?
Ich treffe selten auf solche Menschen. Das ist schade am Leben im Elfenbeinturm der Kunst. Ich habe in Hamburg vor 20 Jahren ein Theater geleitet und dort Erfahrungen gesammelt mit einem Versicherungsunternehmer, dem die Theaterimmobilie gehörte und der zeitweise auch HSV-Präsident war. Ein archetypischer Vertreter seiner Zunft. Was mich an solchen Menschen irritiert, ist, dass sie glauben, ein schlagendes Rezept gefunden zu haben, mit dem sie durchs Leben kommen. Auch unser Theaterbesitzer hatte eine ähnliche, pseudobuddhistische Weltsicht, wie sie in der Samurai-Bibel «Hagakure» vorkommt, aus der im Film ja ausgiebig zitiert wird. Das ist alles hart, überheblich und eben nicht erhaben, empfindungslos und vor allem auch humorlos.

Nochmals zurück zur Samurai-Bibel: Haben Sie selber auch so ein Buch, das Ihnen durchs Arbeitsleben hilft?
Nicht wirklich. (Denkt nach) Ich halte es mit Immanuel Kant, dem grossen Königsberger Philosophen, der gesagt hat: «Handle stets so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung dienlich sein kann.» Der kategorische Imperativ. Und ich halte es mit dem Pazifismus und der Lebenseinstellung eines Jesus Christus. Ich finde das Neue Testament wunderbar, obwohl ich kein religiöser Mensch bin. Im Weiteren glaube ich an Grosszügigkeit und Güte. Daran, dass man gibt und dass man nicht dazu da ist, diese Erde zu verbrauchen, sondern zu erhalten und das Leben zu lieben und die Menschen, mit denen man es teilt. Die hohe Kultur des Kompromisses eben. Denn jeder möchte in diesem Leben glücklich sein.

Wie steht es mit Ihren Jagdkünsten? Brockmann ist ja ein passionierter Grünrock.
(Lacht laut auf) Ich hasse die Jagd. Ich lebe zeitweise zwischen Bologna und Florenz auf einem alten Bauernhof in totaler Natureinsamkeit, in einer der schönsten Landschaften der Welt. Da wird gejagt. Und die Italiener haben, so hinreissend sie sonst sind, leider keine Jagdkultur. Da wird herumgeballert und niedergeknallt, was sich bewegt, und gegenseitig erschiessen sie sich auch noch. Es steht ein Grabstein keine fünfzig Meter unterhalb unseres Hofes. Da liegt ein Herr Chiaramonti, den sein Cousin für ein Wildschwein gehalten und mit Schrot durchlöchert hat. Ich kann diese Freizeitjägerei nicht ausstehen. Wie kann man einen stolzen Hirschen zu seinem Vergnügen töten? Ich verstehe, wenn ein Förster sich um den Bestand und die Balance in seinem Revier kümmert, das ist okay, aber es ist ein Beruf. Im Film ist das Signal jedenfalls klar: Im Moment, wo Alexander Maier sich gegen Brockmann wendet, bläst der zur Jagd, und er wird nicht stoppen, bis er ihn erlegt hat.

Was fasziniert die Mächtigen so stark daran?
Keine Ahnung, ich weiss es nicht, es ist wie beim Stierkampf. Die Faszination am Kampf und an der besiegten, blutenden Kreatur hat etwas Männlich-Archaisches, das mir überhaupt nicht eigen ist. Es ist zutiefst atavistisch. Das hat mal Sinn gemacht vor Tausenden von Jahren, als wir noch Jäger und Sammler waren und uns gegen eine übermächtige Natur durchsetzen mussten. Aber bitte, das ist schon lange vorbei.

Musik kommt im Film auch vor, sie wird Ihnen nähergelegen haben?
Ich bin ein leidenschaftlicher Musiker. Ich bin kein Profi und auch kein grosser Pianist. Ich kann das aber alles ganz ordentlich und singe gern. Ich könnte allerdings inzwischen von der Musik leben, die ich mit meiner Band mache. Die Rhythmus Boys – eine optische Tanzkapelle. Wir sehen noch besser aus, als wir spielen (lacht). Inzwischen sind wir aber schon fast so gut, wie wir aussehen.

Was läuft aktuell sonst noch bei Ihnen?
Ich bin gerade dabei, mein Leben neu aufzustellen. Nach 20 Jahren in Italien bin ich nach Berlin gezogen, und auf dem Weg dorthin durch all die bürokratischen Höllen, die wir uns geschaffen haben. Und ich bereite einen Film mit Regisseur Andres Veiel vor, der «Ökozid» heisst, eine Mischung aus Dokument und Fiktion. Ich arbeite an einem neuen Musikprogramm, und mein erster Roman ist erschienen. Und dann will ich wieder ins Theater und in die Oper gehen. Mir andere Künstler ansehen, statt immer nur in mir selber herumzuschaufeln. Das Geld, das ich verdient habe, ist da, und jetzt wollen meine Frau und ich auch mal etwas zum Leben kommen.

In Solothurn sind Sie erstmalig? Gefällt es Ihnen?
Ich bin tatsächlich noch nie hier gewesen. Das war eine der vielen Bildungslücken, die nun geschlossen ist. Solothurn ist unglaublich schön, mittelalterlich-barock, mit einem wunderbar geschlossenen Stadtbild. Aber leider sind wir gestern Abend um halb zwölf schon aus der Hotelbar geflogen.

Haben Sie sich derartig danebenbenommen?
Nein, die haben so früh zugesperrt. An einem Donnerstag während des Filmfests, bei Zimmerpreisen, die einem den Atem verschlagen … Was ich damit sagen will: Das Nachtleben scheint mir dann doch nicht so prickelnd.

Ulrich Tukur: Deutscher Charakterkopf

Ulrich Tukur, geboren am 29. Juli 1957 als Ulrich Gerhard Scheurlen, ist einer der profiliertesten und erfolgreichsten Bühnen- und Kinodarsteller Deutschlands. Vielen kennen ihn als «Tatort»-Kommissar Felix Murot oder aus dem Film «Das Leben der Anderen». 2019 erschien sein erster Roman «Der Ursprung der Welt». Tukur ist mit der Fotografin Katharina John (49) verheiratet. Letztes Jahr zog das Paar von der Toskana nach Berlin.