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Trump und Biden buhlen um die amerikanischen Frauen

Ein Überraschungssieg in Wisconsin verhalf Donald Trump 2016 ins Weisse Haus. Einen solchen will er nun wiederholen, indem er gezielt weisse Frauen in den Vorstädten umgarnt. Doch viele Wählerinnen haben genug vom Präsidenten.

Anhänger beider politischer Lager tun ihre Unterstützung für die jeweiligen Präsidentschaftskandidaten in der Stadt Manitowoc in Wisconsin kund.

Anhänger beider politischer Lager tun ihre Unterstützung für die jeweiligen Präsidentschaftskandidaten in der Stadt Manitowoc in Wisconsin kund.

Mark Makela / Reuters

Die Vorgärten in den USA kann man vielerorts als Pulsmesser heranziehen. Dieser Tage sind die Gärten in Wisconsin mit Kürbissen in allen Grössen dekoriert, ebenso mit Plastik-Spinnennetzen und -Skeletten – und mit reihenweise Wahlkampf-Schildern. Es ist nicht nur Herbst und bald Halloween, sondern auch Wahlsaison – und da werden die Gärten zum Indikator für die politische Stimmung, insbesondere in den Vorstädten. Je weiter man aus der demokratisch geprägten Metropole Milwaukee hinausfährt, desto grosszügiger werden die Vorgärten, desto häufiger die Flaggen – und desto mehr Trump-Schilder säumen die Rasen.

Wisconsin lieferte die Überraschung von 2016

Wisconsin zählt zu den wichtigsten «Battlegrounds» der diesjährigen Präsidentenwahl. Hier gelang Donald Trump 2016 die vielleicht grösste Überraschung: In der einstigen Hochburg der Demokraten siegte er mit 22 748 Stimmen oder umgerechnet 0,8 Prozentpunkten Vorsprung. Es war das erste Mal seit mehr als dreissig Jahren, dass Wisconsin einen Republikaner zum Präsidenten wählte. Keine einzige Umfrage hatte das vorausgesehen; bis zuletzt lag Trump 5 bis 6 Prozentpunkte hinter Hillary Clinton – wie derzeit auch hinter Joe Biden.

Trumps Sieg erklärte sich auch damit, dass Clinton Wisconsin sträflich ignoriert hatte. Die Unterstützung in der einstigen Hochburg der Gewerkschaften hatte sie für selbstverständlich gehalten. Kein einziges Mal besuchte sie «Dairyland», wie der Gliedstaat wegen der wichtigen Milchindustrie auch heisst.

Dieses Jahr hatten die Demokraten bewusst Wisconsins grösste Stadt, Milwaukee, für ihren Parteitag auserkoren, vier Tage lang sollte im August die linke Elite des Landes am Ufer des Lake Michigan zusammenkommen. Letztlich kam nicht einmal der Kandidat Joe Biden – wegen der Corona-Pandemie akzeptierte er die Nominierung in seiner Heimat Delaware. Er besuchte Wisconsin erst im September, zum ersten Mal seit fast zwei Jahren.

Wie an einem Verkehrsknotenpunkt treffen in Wisconsin mehrere Probleme des Landes aufeinander. Die Corona-Pandemie wütet hier gerade so schlimm wie in kaum einem anderen Gliedstaat, jede vierte getestete Person ist derzeit positiv.

Die Schlange vor einer «Drive-Thru»-Testanlage in Milwaukee zeigt die prekäre Corona-Lage in Wisconsin.

Die Schlange vor einer «Drive-Thru»-Testanlage in Milwaukee zeigt die prekäre Corona-Lage in Wisconsin.

Bing Guan / Reuters

Zudem brachen hier im August Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus aus, nachdem in Kenosha im Südosten Wisconsins ein Polizist dem Afroamerikaner Jacob Blake sieben Mal in den Rücken geschossen hatte. Der Effekt war, als werfe man frisches Holz in das Feuer, das der Tod George Floyds im benachbarten Minnesota Ende Mai entfacht hatte. Die Proteste riefen rechte Gegendemonstranten auf den Plan, die Gewalt eskalierte, ein 17-Jähriger erschoss zwei Demonstranten. Kenosha gilt Trump als mahnendes Beispiel dafür, wie Amerikas Städte ohne «Recht und Ordnung» verkommen.

Frauen als Schlüssel zum Sieg

Vor dieser Kulisse tobt in Wisconsin der Wettbewerb um eine Wählergruppe, die sich am 3. November als entscheidend erweisen könnte: die «Suburban Women», also Frauen aus den Vorstädten. Im Politjargon meint man damit weisse Hausfrauen aus der gehobenen Mittelschicht, auch «Soccer Moms» genannt, die wegen der besseren Schulen und der niedrigeren Kriminalitätsraten mit ihren Familien statt in den Städten in den Agglomerationen leben. Demokraten wie Republikaner glauben, dass in einem schwer umkämpften «Swing State» wie Wisconsin diese Wählerinnen den Ausschlag geben könnten.

Das liegt daran, dass Frauen nicht nur die grösste, sondern auch die zuverlässigste Wählergruppe sind. «Wählerinnen haben seit der Einführung des Frauenwahlrechts die Männer immer zahlenmässig übertroffen, das wird auch dieses Jahr so sein, insbesondere angesichts des grossen Enthusiasmus», sagt Kelly Dittmar, Wissenschafterin am Center for American Women and Politics der Rutgers University in New Jersey, der führenden Forschungsstelle zu Geschlechterfragen in der Politik.

Dass Frauen Trump unterstützen würden, wirkte 2016 wenig wahrscheinlich – nicht zuletzt, weil zum ersten Mal eine Frau für das Oval Office kandidierte. Tatsächlich stimmten 54 Prozent aller Frauen für Hillary Clinton und nur 41 Prozent für Trump. Doch schaut man sich nur die weissen Frauen an, zeigt sich ein umgekehrtes Bild: Sie unterstützten Trump mit 52 zu 43 Prozent. Unter den weissen Frauen ohne Studienabschluss wählten ihn in Wisconsin gar 56 Prozent.

2016 unterstützten vor allem weisse Frauen Trump

Wahlverhalten laut Exit-Polls im November 2016, in Prozent*

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Trump hofft nun, dass die weissen Frauen ihn auch dieses Mal ins Ziel tragen werden. «Die Hausfrauen aus den Vororten werden mich wählen», behauptet er seit Monaten auf Twitter. Seit einigen Wochen ist der Tonfall etwas flehender geworden: «Frauen in den Vororten, könnt ihr mich bitte mögen?», bettelte er jüngst bei einem Auftritt. Seine Wahlkampfteams verteilen in Wisconsin inzwischen pinkfarbene «Women for Trump»-Schilder für die Vorgärten.

Mit eigens entworfenen, pinkfarbenen Wahlkampfschildern will das Trump-Lager zeigen, dass Frauen den Präsidenten unterstützen.

Mit eigens entworfenen, pinkfarbenen Wahlkampfschildern will das Trump-Lager zeigen, dass Frauen den Präsidenten unterstützen.

Marie-Astrid Langer

In Vorstädten wie Fox Point, nordöstlich von Milwaukee gelegen, ist auf den ersten Blick klar, welchen Kandidaten die Anwohner unterstützen.

In Vorstädten wie Fox Point, nordöstlich von Milwaukee gelegen, ist auf den ersten Blick klar, welchen Kandidaten die Anwohner unterstützen.

Marie-Astrid Langer

An die Frauen in den Vorstädten richtet sich auch seine Rhetorik von «Recht und Ordnung». Am Parteikonvent im August beschworen er und die Republikaner vier Tage lang Horrorszenarien herauf, in welches Chaos die Vorstädte unter den Demokraten stürzen würden – Polizeibudgets würden gestrichen, und ethnische Minderheiten würden in neu entstehende Sozialsiedlungen ziehen. Doch in Gesprächen zeigen sich die «Suburban Women» wenig beeindruckt von dieser Angstmacherei.

Mequon, 30 Autominuten nordöstlich von Milwaukee gelegen, sieht aus wie der Mittlere Westen im Bilderbuch: Einen Steinwurf vom Lake Michigan entfernt, grasen Rehe in einem Vorgarten, bunt gefärbte Blätter schmücken die Bäume, das Stadtzentrum besteht aus einer Mikrobrauerei, einem Yogastudio und ein paar Bioläden. Eigentlich ist Mequon stramm konservativ, Trump gewann das umliegende County 2016 mit 20 Prozentpunkten Vorsprung. Doch dieses Jahr gilt das Rennen als offen; Mequons Vorgärten gleichen einem Meer aus blauen, roten und pinkfarbenen Wahlkampf-Schildern.

Auf dem Parkplatz des «Piggly Wiggly»-Supermarkts im Stadtzentrum lädt eine ältere Dame gerade ihre Einkäufe in den Kofferraum, sie trägt neben der obligatorischen Gesichtsmaske auch Handschuhe. Die Corona-Pandemie sei für sie das wichtigste Thema, erzählt sie. Ihren Namen will sie nicht preisgeben, ihre politische Meinung aber schon: Sie habe bereits brieflich abgestimmt und anders als 2016 nicht für Trump.

«Ab seinem ersten Tag im Amt war es fürchterlich zuzusehen, was er trieb», sagt die Frau mit den kurzen grauen Haaren. «Ich bereue enorm, dass ich für ihn gestimmt habe.» Und nein, sie sorge sich nicht im Geringsten um die Sicherheit in Mequon und anderen Vorstädten. Selbst wenn die Demonstrationen in Gewalt ausarteten, würde die Polizei das wieder in den Griff bekommen.

Tatsächlich scheinen sich Frauen in verblüffendem Ausmass von Trump abzuwenden: Im Durchschnitt mehrerer Umfragen bevorzugen sie Biden mit 25 Prozentpunkten Unterschied. Es könnte der grösste Geschlechterunterschied der Geschichte bei einer Präsidentenwahl werden, sagen Experten.

Frauen favorisieren 2020 eindeutig Joe Biden

Wahlabsicht am 3. November, Angaben in Prozent

InsgesamtFrauenMännerGeschlecht534260344550

Selbst weisse Frauen ohne College-Abschluss unterstützen in Umfragen nun mehrheitlich Biden. Sollte Trump die Wahl 2020 verlieren, wäre dies einer der wichtigsten Gründe, schreibt die Brookings Institution in einer Analyse.

Wut über die Neubesetzung am Supreme Court

Doch es ist weniger die Begeisterung für den 77-jährigen Biden, die viele Frauen antreibt, als vielmehr die Absicht, Trump loszuwerden. In der Vorstadt Muskego, westlich von Milwaukee gelegen, weht an diesem Samstagmittag ein eisiger Wind, das Thermometer zeigt sechs Grad, und dicke Regenwolken hängen über der Stadt. Trotzdem haben sich etwa drei Dutzend Frauen entlang der Hauptstrasse versammelt, an der Kreuzung zwischen Tankstelle und Starbucks. Viele sind mit ihren Töchtern und Schwestern gekommen, manche tragen pinkfarbene Wollmützen, andere haben sich mit Spitzenkragen als die verstorbene Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg verkleidet. «Kämpfe wie RBG» steht auf ihren handgemalten Schildern und «Vorstadt-Frauen kämpfen für Integrität».

Der Protestmarsch in Muskego ist einer von mehreren Dutzend landesweiten «Women's Marches» an diesem Samstag; seit Trumps Amtsantritt hat es unzählige solcher Veranstaltungen gegeben. Die Frauen hier werfen Trump Sexismus vor, ebenso Rassismus – und dass er die Neubesetzung am Supreme Court durchgepeitscht hat. «So viel steht auf dem Spiel», sagt eine Dame mittleren Alters, die sich als Heidi vorstellt. Sie protestiert mit ihrer Schwester Christa. Sie befürchten, dass die neu berufene Oberste Richterin Amy Coney Barrett Frauen das Recht auf Abtreibungen verwehren könnte. «Jahrzehntelang ging es mit der Emanzipation vorwärts», sagt Christa, «nun laufen wir Gefahr, dass wir uns rückwärts bewegen.»

An einem «Women's March» in Muskego demonstrieren Frauen Mitte Oktober, unter anderem für mehr Anstand in der Politik.

An einem «Women's March» in Muskego demonstrieren Frauen Mitte Oktober, unter anderem für mehr Anstand in der Politik.

Marie-Astrid Langer

Einige Autofahrer unterstützen die Demonstrantinnen hupend, doch ein Mann im Pick-up-Truck schreit im Vorbeifahren eine üble Beschimpfung aus dem Fenster und hebt den Mittelfinger. Solches Verhalten sei sie gewohnt, sagt Mary Karfonta, die den heutigen Protest in Muskego organisiert hat. Die pensionierte Krankenschwester erzählt, dass ihr Biden-Schild im Vorgarten platt getrampelt worden sei, nachdem Kamala Harris zur Vizepräsidentschaftskandidatin gekürt worden sei. Davon lasse sie sich aber nicht beirren, sagt die zierliche Frau. Sie organisiere regelmässig Protestmärsche, telefoniere Wählerdatenbanken ab und schreibe Postkarten an Wähler. «Tagsüber bin ich Grossmutter und abends und am Wochenende Aktivistin», sagt sie lachend. Zähneknirschend gibt sie zu, dass sie sich 2016 nicht politisch engagiert habe, weil sie gedacht habe, dass Clinton ohnehin gewinnen werde.

«Trump ist nicht mein Eheberater»

Doch nicht nur die Demokraten umgarnen die Frauen Wisconsins. In Dutzenden Schulungen bilden die Republikanerinnen freiwillige Helfer darin aus, wie sie Wählerinnen von Trump überzeugen können. Verstärkung bekommen sie vom «Women for Trump»-Bus, der seit Wochen quer durch die USA zieht; an Bord des pinkfarbenen Cars sitzen Fürsprecherinnen Trumps wie seine Schwiegertochter Lara und die frühere Generalstaatsanwältin Floridas Pam Bondi.

Trumps Schwiegertochter Lara (Mitte) ist mit dem «Women for Trump»-Bus im Land unterwegs und versucht, Frauen zu überzeugen.

Trumps Schwiegertochter Lara (Mitte) ist mit dem «Women for Trump»-Bus im Land unterwegs und versucht, Frauen zu überzeugen.

Keith Srakocic / AP

Ein gern zitiertes Argument der Republikaner ist etwa, dass die Grand Old Party vor hundert Jahren das Frauenwahlrecht durchgeboxt hatte. Manche Wählerinnen würden sich an Trumps Gebaren und seinen Tweets stören, gibt Kathy Kiernan im Gespräch zu; sie leitet den Frauenverband der Republikanerinnen im Washington County. «Aber ich sage ihnen dann: Er ist nicht mein Eheberater, er ist der Präsident. Er versucht, die Dinge voranzutreiben.»

So sieht das auch Carole Hahm. Die 77-Jährige steht vor ihrem grosszügigen Einfamilienhaus in Mequon, wenige Autominuten vom «Piggly Wiggly»-Supermarkt entfernt. Auch in ihrem Vorgarten stehen Schilder für Trump. «Manchmal würde man Trump am liebsten den Hintern versohlen», sagt Hahm. «Aber er hält seine Versprechen!»

Sie sieht dem Präsidenten auch seine Sprüche gegenüber Frauen und die früheren Vorwürfe sexuellen Missbrauchs nach. Trump und sie seien die gleiche Generation, sagt Hahm, eine grossgewachsene Frau mit kurzen blond gefärbten Haaren und blauen Augen. «Damals waren die sozialen Normen anders. Als junge attraktive Frau musste man auf sich aufpassen. Politiker und Sex-Geschichten, das gibt es doch ständig!»

Carole Hahm aus Mequon wird erneut Donald Trump wählen.

Carole Hahm aus Mequon wird erneut Donald Trump wählen.

Marie-Astrid Langer

Hahm stimmte 2016 für Trump, dieses Jahr will sie das wieder tun. Doch auch die Republikanerin glaubt nicht an Trumps Horrorszenarien für die Vororte. Zu schaffen mache ihr allerdings, wie gespalten das Land sei und dass es nach der Wahl politisch motivierte Unruhen geben könne. Sie selbst besitze eine Waffe und eine Lizenz, um diese verdeckt tragen zu dürfen. «Wer auch immer am 3. November gewinnt, wird Probleme bekommen», befürchtet sie.

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