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Tränengas und Gummigeschosse: Die Gewalt kehrt zurück nach Beirut

Bild: keystone

Tränengas und Gummigeschosse: Die Gewalt kehrt zurück nach Beirut

Tränengaswolken, die durch die Innenstadt ziehen. Aufgebrachte Demonstranten vor Regierungsgebäuden und vermummte Protestierer, die Steine werfen. Ihnen gegenüber Sicherheitskräfte, die mit Gummigeschossen schiessen und schliesslich Soldaten, die in gepanzerten Fahrzeugen anrücken: Nach der Explosion in Beirut mit mehr als 150 Toten und 6000 Verletzten entlädt sich die Wut der Menschen gegen die libanesische Regierung auf offener Strasse. Tausende protestieren am Wochenende im Stadtzentrum zunächst friedlich, dann schlägt die Stimmung in Gewalt um.

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Für viele Libanesen scheint ein Punkt erreicht, an dem sie nichts mehr zu verlieren haben. Wirtschaftlich ist das kleine Mittelmeerland längst am Boden, der Libanon gehört zu den am stärksten verschuldeten Ländern weltweit und ist vom Staatsbankrott bedroht.

Nach extremen Preissteigerungen für Lebensmittel bauen einige ihr Gemüse auf Dächern und Balkonen inzwischen selbst an. Stromausfälle gehören zum Alltag. Und nun sind nach der Detonation vom Dienstag bis zu 300 000 Menschen obdachlos - zwölf Prozent der schätzungsweise 2.4 Millionen Einwohner. Viele Häuser sind zerstört oder schwer beschädigt.

Die Proteste in Bildern:

«Nachdem eine ganze Stadt dahingerafft wurde, haben wir vor nichts mehr Angst», sagt eine Demonstrantin dem britischen Radiosender BBC. «Unsere eigene Regierung hat uns getötet, hat uns sterben lassen, hat uns unter Trümmern begraben», sagt sie.

Viele Libanesen sehen die Regierung in der direkten Verantwortung für die Katastrophe - eine Elite, die das Volk ihrer Ansicht nach jahrelang mit korrupten Mitteln und wegen einer engen Verflechtung von Politik und Banken ausgeplündert und ihr nun den letzten Stoss verpasst hat. «Das hat meine Regierung getan», ist auf eine Mauer gesprüht. Dahinter liegt der in grossen Teilen zerstörte Hafen der libanesischen Hauptstadt.

Und so stürmen einige Demonstranten am Wochenende das Gebäude der Bankenvereinigung, andere dringen lokalen Medienberichten zufolge in das Aussen-, das Wirtschaft- und das Energieministerium ein. Einige versuchen, Absperrungen zum Parlament zu durchbrechen. Sie hängen rote Banner auf mit der Aufschrift «Beirut, entmilitarisierte Stadt» und «Beirut, Hauptstadt der Revolution».

Nach einer Mitteilung der Sicherheitskräfte wird ein Polizist getötet, der Menschen helfen wollte, die in einem Hotel im Zentrum festgesessen hätten. 250 Menschen werden nach Angaben des Roten Kreuzes verletzt. Augenzeugen berichten auch, sie hätten Schüsse gehört.

Diese Szenen sind für den Libanon nicht neu. Schon im Oktober waren wochenlange Massenproteste gegen die Regierung ausgebrochen, die dann zum Rücktritt von Regierungschef Saad Hariri führten. Teils wurden dabei Dutzende verletzt, auch Polizisten.

Demonstranten zertrümmerten Schaufensterscheiben von Juwelieren und Bekleidungsgeschäften, Geldautomaten und Verkaufsstände brannten. Auch hier waren teilweise Rufe nach einer «Revolution» zu hören. Proteste mit auch gewaltsamen Zusammenstössen werden in Beirut langsam zur traurigen Normalität.

Auf den öffentlichen Druck reagierte Regierungschef Hassan Diab am Samstag mit dem Vorschlag, die eigentlich für 2022 geplante Wahl vorzuziehen. Ein entsprechendes Gesetz will er seinem Kabinett in einer Sitzung am Montag vorlegen. Aber viele Libanesen zweifeln, ob das Land damit wirklich zu einem Neuanfang finden kann.

Bisherige Wahlen brachten kaum Veränderungen in dem konfessionell gespaltenen Land. Am Sonntag wurde sogar über einen möglichen Rücktritt der Regierung spekuliert. Informationsministerin Manal Abdel Samad legte ihr Amt nieder und sagte, ein Wandel sei jetzt «ausser Reichweite».

Wie schon vor der Explosion sind die Libanesen vor allem auf sich selbst angewiesen, auf Hilfe von Verwandten, Nachbarn und Freunden. Der Staat hat kein Geld, um Opfer direkt oder beim Wiederaufbau zu unterstützen.

Frankreich, dem Libanon als frühere Mandatsmacht noch eng verbunden, hat mit den Vereinten Nationen innerhalb weniger Tage eine Geberkonferenz organisiert. Deutschland kündigte vorab bereits ein Soforthilfepaket im Umfang von zehn Millionen Euro an.

Am 1. September begeht der Libanon den 100. Geburtstag seiner Staatsgründung. An jenem Tag im Jahr 1920 wurde der Grosslibanon als Staat ausgerufen, der später zum modernen Libanon wurde. Viel zu feiern gibt es dieses Jahr nicht. (sda/dpa)

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(jaw)

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