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Tom Lüthi: Der alte Mann und sein Töff allein auf weiter Flur

Was bringt die neue Töffsaison, die am 8. März mit dem GP von Katar beginnt? Die offiziellen Tests im andalusischen Jerez liefern auf diese Frage Antworten. Während drei Tagen sind die Karten bei besten Bedingungen - Sonnenschein bei 22 Grad - erstmals auf den Tisch gelegt worden. Drei Fragen interessieren aus Schweizer Sicht.

Erstens: Ist Tom Lüthi der grosse Titel-Favorit? Ja, zum ersten Mal. Zu den Titelanwärtern gehörte er mit Ausnahme von 2018 (seine einzige MotoGP-Saison) jedes Jahr. Der grosse Favorit war er aber nie. Zuletzt standen ihm Alex Marquez und Brad Binder vor der Sonne. Beide sind nun in die «Königsklasse» MotoGP aufgestiegen.

So fällt Tom Lüthi automatisch die Favoritenrolle zu.

Aber da ist noch etwas anderes: in diesen drei Tagen haben wir den besten Tom Lüthi gesehen, den es je vor einer Saison gegeben hat. Zum ersten Mal hat der Emmentaler diese ersten Vorsaisontests dominiert, Renndistanzen auf hohem Niveau zurückgelegt und auch zum ersten Mal bei diesen Vorsaisontests die Bestzeit geholt.

Vor der längsten Saison mit 20 Rennen

Das ist auf den ersten Blick erstaunlich. Denn Tom Lüthi steht bereits vor seiner 18. GP-Saison. Die Bezeichnung «Legende» passt. Er ist der grosse alte Mann seiner Klasse. Die Stars ziehen Jahr für Jahr an ihm vorbei, hinauf in die Königsklasse. Er aber ist geblieben.

Nach dem missglückten MotoGP-Abenteuer 2018 ist er inzwischen mit sich und seiner Karriere im Reinen und konzentriert sich ganz auf die Moto2-WM. «Ich fühle mich fit wie noch nie und die Motivation stimmt auch.» Keine Schmerzen, wenn er am Morgen aus dem Bett steigt. Mit intensivem Training hat er die Blessuren aus mehr als 15 Jahren Rennsport «wegtrainiert».

Er ist so fit wie seine mehr als zehn Jahre jüngeren Herausforderer. Nach diesen ersten aussagekräftigen Tests zeichnet sich ab: diese Herausforderer werden in einzelnen Rennen triumphieren. Gut zehn Piloten können Rennen gewinnen. Aber Tom Lüthi hat die Erfahrung und die Konstanz, um am Ende die längste WM der Geschichte - erstmals 20 Rennen - zu gewinnen.

Seine Favoritenrolle ist also nur auf den ersten, aber nicht auf den Blick erstaunlich. Das Alter spricht für, nicht gegen ihn. Der Emmentaler wird im September 34 und ist noch kein bisschen müde und denkt über die Saison hinaus: «Das Ziel ist eine Verlängerung mit dem bisherigen Team um zwei Jahre.» Bis und mit der Saison 2022 traut er sich zu, ganz vorne zu fahren. Der alte Mann und sein Töff stehen vor einem goldenen Karriere-Herbst und Tom Lüthi ist auf weiter Flur der einzige Schweizer mit Aussichten auf Lob und Preis, Ruhm und Ehr.

Die Jungen sind noch nicht so weit

Zweitens: Kann der 23-jährige Jesko Raffin um Sieg und Podestplätze fahren? Nein. Er hat das Herz eines Löwen und viel Talent. Aber der Zürcher ist mit 181 Zentimetern und 73 Kilo zu gross und zu schwer für die Moto2. Lüthi ist 9 Zentimeter kleine rund 9 Kilo leichter. Wo es um Tausendstel geht, zählt jedes Kilo, das heruntergebremst und beschleunigt werden muss.

Kein Zufall, dass er bisher nur in Philip Island, einer Strecke ohne «Stopp & Go»-Kurven sein bisher bestes Resultat herausgefahren hat (4.). Der Vertrag beim Team des Holländers Jarno Janssen läuft zwei Jahre. In dieser Zeit wird erwartet, dass er sich zu einem «Top Ten-Piloten» entwickelt.

Drittens: Ist der 18-jährige Jason Dupasquier der nächste Tom Lüthi? Nein. Lüthis Freund und Manager Daniel M. Epp kümmert sich zwar um ihn und er kann vom Netzwerk profitieren. Aber erst einmal muss er sich von seinen «Helikopter-Eltern» lösen und eine eigenständige Persönlichkeit entwickeln. Er wird glücklich sein, wenn er in einer ersten Moto3-Saison in die WM-Punkte fährt.