Switzerland

Tessiner Gesundheitsdirektor Raffaele De Rosa erwartet Höhepunkt erst in Monaten: «In der Deutschschweiz wird der Ernst der Lage nicht erkannt»

Zeit hat Raffaele De Rosa (47) wenig. Jede Minute ist während der Corona-Krise besonders kostbar. Jeden Tag keimt neue Hoffnung auf. Ist die Spitze der Epidemie erreicht? Haben wir es bald geschafft? Dann kommen die neuen Zahlen rein. Ernüchternd. Auch heute. Weit mehr als 2000 Infizierte, 132 Tote. 400 Corona-Patienten in Spitälern. 320 sind in Akutbehandlung. 76 werden künstlich beatmet – auf der Intensivstation. Allein im Tessin. Ernst, aber gefasst stellt sich der Direktor des Gesundheitsdepartements den Fragen von BLICK zur Lage des Kantons.

BLICK: In nur zwei Wochen hat sich die Zahl der Infizierten vervierfacht. Die Zahl der Toten ist sogar zehnmal so hoch wie Mitte März. Wie dramatisch ist die Lage?
Raffaele De Rosa: Die Situation ist sehr ernst und sehr heikel. Die Zahlen steigen stetig an. Die Häufung der Todesfälle ist alarmierend. Wir machen uns grosse Sorgen. Wir müssen alles tun, um den Peak zu drücken und die Ausbreitung des Coronavirus zu entschleunigen.

Wann wird der Zenit der Epidemie im Tessin erreicht sein und die steile Kurve endlich abflachen?
Prognosen hierzu sind sehr schwierig. Experten und Berechnungsmodellen zufolge wird es noch Wochen oder sogar Monate dauern, ehe der Höhepunkt der Epidemie erreicht ist.

Aus epidemiologischer Sicht gehört das Tessin zum Epidemie-Gebiet der Lombardei. Wie nah ist dieses Epizentrum des Coronavirus dem Südkanton?
Was in der Lombardei passiert, geht uns direkt an. Seit dem Ausbruch der Epidemie stehen unsere Spezialisten in engem Kontakt mit dortigen Behörden und Ärzten, verfolgen aufmerksam die Entwicklung ihrer Epidemie.


In den Spitälern von Bergamo, Cremona, Brescia sind die Intensivstationen heillos überfüllt. Ärzte können nur einen Teil der Schwererkrankten behandeln. Sie entscheiden, wer ans Beatmungsgerät darf und wer nicht. Gibt es solche sogenannten Triagen auch in Tessiner Spitälern?
Noch funktioniert unser Gesundheitssystem. In einer gigantischen Anstrengung konnten die Spitäler die Zahl der Intensivplätze ausbauen. Allein für Corona-Patienten wurde die Kapazität auf zirka 100 Betten erhöht, während auf kantonaler Ebene vor der Entwicklung der Coronavirus-Krankheit 50 Betten auf der Intensivstation zur Verfügung standen. Wir haben zwei Referenz-Spitäler nur für Corona-Patienten, andere Spitäler bieten die Fortsetzung der Akutmedizin und zusätzliche Rehabilitationsplätze. Auch alle anderen, nicht an Corona erkrankten Patienten können versorgt werden. Ich betone nochmals: Wir haben im Moment noch verfügbare Plätze, aber wir wollen nicht so weit kommen, dass wir keine mehr haben.

Wie soll das klappen?
Wir müssen unbedingt die Ausbreitung des Virus eindämmen, sonst werden unsere Ärzte auch bald diese schmerzhaften Entscheidungen treffen müssen wie die italienischen Kollegen. Aus diesem Grund bestehen wir darauf, den Empfehlungen der Behörde zu folgen.

Sind Sie persönlich von Corona-Schicksalen betroffen?
Ja, ich habe gute Bekannte und Freunde durch das Virus verloren. Viele Tessiner haben mit dem Virus zu kämpfen, haben Erkrankte oder Todesfälle im Freundes- und Verwandtschaftskreis.

So hart ist das Tessin vom Coronavirus betroffen

Das Tessin ist der traurige Spitzenreiter der Corona-Pandemie in der Schweiz. Gemessen an der Zahl seiner Einwohner ist der Südkanton vom Coronavirus am stärksten betroffen. Der erste Corona-Fall in der Schweiz wurde am 25. Februar im Tessin vermeldet: Der Tessiner (70) wurde nach seiner Italienreise positiv getestet. Den ersten Corona-Toten, einen über 80-jährigen Altersheimbewohner, hatte das Tessin am 10. März zu beklagen. Am 11. März rief das Tessin als erster Kanton den Notstand aus. Mittlerweile zählt der Südkanton mindestens 2195 Corona-Infizierte. Dominique Rais

In der Deutschschweiz genossen am vergangenen Wochenende unzählige Menschen das schöne Wetter. Die Aussichten fürs Tessin versprechen Sonne und 20 Grad. Fürchten Sie Touristenströme?
Ich habe den Eindruck, in der Deutschschweiz wird der Ernst der Lage nicht erkannt. Sie sehen die Schönheit des Kantons. Die Seen, die Berge, die blühende Natur. Alles verlockend. Aber hier sterben Menschen. Zehn, zwölf, fünfzehn. Jeden Tag. Das Tessin ist jetzt kein Reiseland. Alles hat geschlossen. Restaurants, Hotels, Campingplätze. Die Polizei kontrolliert ziemlich streng das Versammlungsverbot. Und die Menschen sind bedrückt.

Welche Botschaft haben Sie an die Tessin-Freunde jenseits des Gotthards?
Wenn ihr das Tessin liebt, dann bleibt daheim! Dieser Appell richtet sich im Übrigen gleichermassen an unsere Leute. Auch die Tessiner sollen in ihren Häusern bleiben, nicht in die Täler ziehen. Nur so können wir das Virus bremsen.

Und wenn Deutschschweizer nun doch anreisen – vor allem zu Ostern?
Wir werden uns die Situation an diesem Wochenende anschauen. Sollten sich tatsächlich viele auf den Weg machen, schliessen wir nicht aus, den Bundesrat aufzufordern, mit einer Verschärfung der Massnahmen einzugreifen.

Mit Reiseverbot oder einer schweizweiten Ausgangssperre?
Es wird nicht leicht sein, eine Lösung zu finden. Die Bewegungsfreiheit ist schliesslich ein Grundrecht. Die Schweizer sind aber gewissenhafte Menschen. Ich vertraue auf ihr Verantwortungsbewusstsein.


Vor fünf Wochen brach das Coronavirus südöstlich von Mailand aus. Es gab Kritik am Kanton, er habe zu zögerlich gehandelt.
Der Kanton war schon sehr früh gut vorbereitet. Ende Januar, als das Coronavirus noch ausschliesslich China betraf, hatte sich unsere kantonale Expertengruppe bereits an die Arbeit gemacht. Am 26. Februar, wenige Tage nach dem Corona-Ausbruch in der Lombardei und am Tag nach dem ersten Corona-Fall im Tessin, hatten wir den Karneval, zwei Eishockeyspiele und Klassenfahrten ins Ausland gestrichen. Mit allen Massnahmen, die folgten, leisteten wir Pionierarbeit in der Schweiz, die vom Bundesrat anerkannt worden ist.

Als im Tessin der erste Corona-Fall bekannt wurde, hat das Bundesgesundheitsamt noch zum Händewaschen geraten. Von Grenzsperrung und Lockdown war man in Bern noch weit entfernt. Fühlen Sie sich vom Bund im Stich gelassen?
Der Bund hatte eine andere Sicht auf die Situation, weil die Lage schweizweit nicht dieselbe war. Am Anfang hat es uns viel Arbeit gekostet, ihn vom Ernst unserer Lage zu überzeugen. Seit ein paar Wochen jedoch werden wir besser angehört. Wir müssen zusammenarbeiten, brauchen Solidarität und Vertrauen.

Politik als Berufung

Raffaele De Rosa (47) ist seit dem 7. April 2019 Staatsrat in der Tessiner Regierung und steht dem Gesundheitsdepartement vor. Der Vater zweier Kinder wird am 2. Januar 1973 in Bellinzona TI geboren. Er studiert Volkswirtschaftslehre und promoviert an der Universität Freiburg. Seine politische Karriere beginnt im Jahr 2000 als Gemeinderat in Lodrino TI. Drei Jahre später wird er Grossrat. 2011 übernimmt er als Direktor die Regionalbehörde für die Entwicklung der norditalienischen Täler. 2017 wird er schliesslich Gemeindepräsident von Riviera TI.

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