Switzerland

«Tatort» aus Stuttgart: Die schwäbische Sozialtristesse trägt Batikhosen

In der wohnungspolitischen Folge «Das ist unser Haus» jagen die Kommissare mit ihrem Porsche der Aura einer Mörderin hinterher. Das ist beste Realsatire aus dem schwäbischen Kessel.

Kaum ist der Einzug gefeiert, wird ausserhalb des Fundaments eine Leiche entdeckt.

Kaum ist der Einzug gefeiert, wird ausserhalb des Fundaments eine Leiche entdeckt.

SWR

Stuttgart und Umgebung ist eine Region, die etliches unternimmt, um ihre Klischees zu pflegen: Als Land der Tüftler und Erfinder ist man Weltmarktführer, man gilt als fleissig, clever sowieso, und Häuslebauer ist man seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Man hat und kann in Baden-Württemberg wohl so ziemlich alles – ausser Humor und Hochdeutsch.

Mit einem Teil dieser Mär räumt diese «Tatort»-Folge auf, und sie macht dabei keine Kompromisse. Denn humoriger war selten etwas, was derart lokalpatriotisch aus dem Stuttgarter Kessel schwäbelt. Und was hier schwäbelt, ist von besten Eltern: Es sind der Regisseur und Autor Dietrich Brüggemann und der Co-Autor Daniel Bickermann. Das preisgekrönte Duo der Stuttgarter Folge «Der Stau» (2017) verantwortet eine Sozialstudie mit satirischem Gepräge, die ihr Milieu ebenso ernst nimmt wie liebevoll auf den Arm. Die jüngste Folge mit dem Titel «Das ist unser Haus» liest sich in direkter Linie als wohnungspolitische Ansage zu jenem ersten Streich.

Natürlich sterben im Ökohaus

Im Zentrum des Falls steht eine regenbogenfarbene Truppe von Träumern und Träumerinnen, die ein genossenschaftliches Wohnprojekt namens Oase stemmen. Liebschaften und Amouren sind dabei das Salz in der Suppe. Man will sich «vom Fetisch Geld abkoppeln» und werkelt seit fünf Jahren gemeinsam an einem Dach über dem Kopf, das einem «niemand wegnehmen» kann. Die Hintergründe sind durchaus realpolitisch. Stuttgart kämpft mit einem Wohnungsmangel und zusehends steigenden Mietpreisen.

In dieser «Oase» aber versammelt sich eine Besetzung, bei der sich andere Regisseure die Finger lecken: Die Musikerin, Schauspielerin und «Lassie Singers»-Gründerin Christiane Rösinger ist eine herrlich unromantische WG-Glucke; der Liedermacher Heinz Rudolf Kunze gibt einen gescheiterten WG-Bewerber, einen unheimlich realistischen Sozialverlierer und vermeintlichen Kinderschänder. Auch die übrigen Hausbewohnerinnen und -bewohner – die Nachbarn titulieren sie «Batikhosen» – sind von derart verquerer Schrulligkeit, dass Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) in ihrer Gegenwart blass und charakterlos wie zwei Chorknaben wirken.

Und tatsächlich stellt sich die Frage: Was haben die beiden Kommissare in dieser Folge für eine Funktion? In ermittlungsdienstlicher Hinsicht jedenfalls sind sie pure Dekoration. Die Verdächtigen – und selbst das Opfer der Tat auf seine Weise – sind heller und schneller, als die Polizei erlaubt. Am Ende leistet nicht einmal Lannerts bestes Stück, sein Porsche, was es sollte. Ein Stadtbike nämlich macht das Mörder-Rennen.

Wie tot ist Beverly wirklich?

Denn der Gruppe «Oase» präsentiert sich, exakt während der Einweihung des gemeinsamen Hauses, die sprichwörtliche «Leiche im Keller». Der ist einerseits undicht, doch nun ist alles noch schrecklicher, und die Aura der Liegenschaft hat mehr als Wasserflecken. Die Frage wird schnell laut: Handelt es sich bei der Toten um Beverly, eine Wohnungsbewerberin, die vor einem Jahr wie vom Erdboden verschluckt verschwunden war? Mit der Leiche offenbart sich eine alte Schuld am Fundament der Wohngemeinschaft, die alle Beteiligten zutiefst erschüttert. Was aber hilft? Räucherstäbchen oder Heilpraktiken? In der «Oase» finden sich mehr Antworten, als es Leichen zu erlösen gibt.

Es sind die kleinen Binnenerzählungen, die diesen Tatort zu einem grossen machen. Und wenn sich im Mikrokosmos der Wohngemeinschaft die gleichen Dramen abspielen wie in deren Nachbarschaft, mag das vielleicht ein hoffnungsloses Fazit sein. Doch kaum sah man in einer «Tatort»-Folge so viele Menschen, die nicht aus Papier sind, sondern aus schuldhaftem Fleisch und Blut – genau wir ihr Publikum auch.

«Tatort»: «Das ist unser Haus», Sonntag, 20.05 / 20.15 Uhr auf SRF 1 / ARD.

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