Switzerland

Tanz in der Krise – der lange Weg vom Küchentisch zurück auf die Bühne

Die Pandemie hat fast alle Tanz- und Ballettkompanien in Europa lahmgelegt. Vereinzelt sind trotzdem neue Werke entstanden. Doch den Tanzschaffenden läuft die Zeit davon.

Qualmen gegen die Isolation: Szene aus Martin Zimmermanns Tanzstück «Eins Zwei Drei».

Qualmen gegen die Isolation: Szene aus Martin Zimmermanns Tanzstück «Eins Zwei Drei».

Augustin Rebetez / MZ Atelier

Es war Freitag, der Dreizehnte: der 13. März 2020, als John Neumeier mit seinen Tänzerinnen und Tänzern zur Schlussszene seines Hamlet-Balletts fand. Es sollte die vorerst letzte Probe seiner Kompanie sein. Das Hamburg-Ballett wie auch die Studierenden an Neumeiers Ballettschule wurden nach Hause geschickt, ausstaffiert mit zwei mal drei Metern Tanzboden – für die Küche oder das Schlafzimmer. Dort trainierten sie, gemeinsam einsam, nach Anleitung ihrer Ballettmeister via Zoom. Für einige Studierende aus Übersee fand das Training jeweils mitten in der Nacht statt.

Eine Woche zuvor, am 6. März, hatte das Opernhaus Zürich eine Aufführung von Christian Spucks «Nussknacker und Mäusekönig» absagen müssen, weil der Partner eines Tänzers positiv auf das neue Coronavirus getestet worden war. Am 10. März gab es hier die letzte Vorstellung. Die Mitglieder der Kompanie blieben zu Hause, auch ihnen wurde ein Stück Tanzboden nachgeliefert. «Die Tänzer mussten fit bleiben», erklärt Ballettdirektor Spuck: «Wir wollten ja nach dem Lockdown gleich wieder zu proben beginnen.»

Am 4. März zeigte der Zürcher Choreograf Martin Zimmermann in Marseille zum letzten Mal sein Stück «Eins Zwei Drei» und verabschiedete sich von den Performern und den Technikern – in der Hoffnung, dass man sich Ende März vor der nächsten Aufführung in Sevilla wiedersehen würde.

Und alle glaubten, der Spuk wäre nach wenigen Wochen vorüber.

Tanz auf Abstand

Am 29. April kam das Hamburg-Ballett im Ballettzentrum wieder zum Training zusammen, in Gruppen von sechs bis sieben Tänzern. Wie ein Arzt auf Visite zog Ballettdirektor Neumeier von Studio zu Studio: «Ich war ergriffen, mit welcher Konzentration hier gearbeitet wurde, mit welcher Hingabe, welchem Hunger nach der Arbeit – ich musste ein Ballett machen.» Am 11. Mai begann er mit der Kreation eines Schubert-Abends, daraus wurde sein neues Ballett «Ghost Light». So erzählt er es an einem Workshop im Festspielhaus Baden-Baden, wohin seine Kompanie das neue Stück nach der Hamburger Premiere Mitte Oktober gebracht hatte. Es war dies das erste Ballett einer grossen europäischen Kompanie nach dem Lockdown.

Auf dass ja keine bösen Geister die Aufführung stören: Szene aus «Ghost Light», dem neuen Ballett von John Neumeier, das unter dem Eindruck des Lockdowns entstanden ist.

Auf dass ja keine bösen Geister die Aufführung stören: Szene aus «Ghost Light», dem neuen Ballett von John Neumeier, das unter dem Eindruck des Lockdowns entstanden ist.

Kiran West / Hamburg Ballett

«Ghost Light» ist ein Stück Geisterstunde – eine Geisterstunde, die dieses Jahr ewig zu dauern scheint. Das titelgebende Ghost Light leuchtet in den angelsächsischen Theaterhäusern auf, wenn alle Mitarbeiter nach Hause gegangen sind. Es besteht aus einer nackten Birne auf einem einsamen Ständer mitten auf der Bühne und soll Unfälle verhindern. Der Legende nach soll es aber auch die Seelen der verstorbenen Theaterkünstler milde stimmen, damit diese des Nachts ihre alten Stücke aufführen können, anstatt die gegenwärtigen Produktionen zu stören.

Nun tanzt das Hamburg-Ballett um ein solches Licht – und lässt auch die Geister der berühmten Ballette John Neumeiers auftanzen: «Die Kameliendame», Nijinsky, Günther und Marie aus dem «Nussknacker». Im Hintergrund geistert dazu eine Sylphide durch den Raum. Und das Coronavirus – es geistert mit.

Die Corona-Regeln haben sich in das Ballett eingeschrieben. Sie haben die künstlerischen Entscheidungen Neumeiers verrückt, ebenso die Hierarchie seiner Kompanie. Geprobt wurde in kleinen Gruppen; zusammen tanzen durfte nur, wer zusammenlebt; alle anderen wahren Abstand. Getanzt wird zu Klaviermusik Schuberts, denn ob zu Spielzeitbeginn ein Orchester zur Verfügung stehen würde, war ungewiss. Die engen Koordinaten haben den Blick des Choreografen geweitet und neue Möglichkeiten eröffnet. Eine junge Tänzerin bekommt ein Solo: Ein Corps-Tänzer wird seiner Lebenspartnerin zum starken Tanzpartner.

Für das Gastspiel in Baden-Baden konnte der profilierte Schubert-Interpret David Fray gewonnen werden. Unter seinen Händen wird die Musik so fein und leise, dass sie zuweilen abzusterben droht – um gerade in den zerbrechlichsten Momenten mit unglaublicher Klarheit zu sprechen. Luzide, hoch intelligent, stark wie dieses wunderbare Stück. Auch hier bricht wieder und wieder ein Tänzer ein, verrenkt seine Glieder nach innen, dann huscht eine Gruppe von Frauen auf Spitze vorbei, als würde die Zuversicht mittanzen.

Tanz in der Infektionsgruppe

Indes – ein «Dornröschen» hätte unter solchen Ausnahmebedingungen kaum entstehen können. Christian Spucks Kompanie wurde in Zürich deshalb zu einer sogenannten Infektionsgruppe: «Innerhalb der geschlossenen Gruppe kann ohne Maske und Abstand geprobt und getanzt werden. Sobald wir den Ballettsaal verlassen, gilt Maskenpflicht», erklärt Spuck. Umgekehrt darf kein Aussenstehender die Räume des Balletts betreten. «Die Tänzerinnen und Tänzer tragen eine sehr grosse Verantwortung mit- und füreinander.» Privat mussten sie sich einschränken: keine Partys, kein Essen im Restaurant, Treffen nur mit Kollegen aus der Gruppe. «Das haben alle mitgetragen – die Tänzer wollten unbedingt auf die Bühne. Ihnen war klar, dass wir bei einer Infektion dichtmachen müssen.»

So nah kann man nur in einer geschlossenen «Infektionsgruppe» tanzen: Szene aus Christian Spucks neuer «Dornröschen»-Choreografie mit dem Ballett Zürich.

So nah kann man nur in einer geschlossenen «Infektionsgruppe» tanzen: Szene aus Christian Spucks neuer «Dornröschen»-Choreografie mit dem Ballett Zürich.

Gregory Batardon / Ballett Zürich

Besser als nichts, denn sieben Monate lang konnten sie überhaupt nicht auftreten. Das ist in der ohnehin kurzen Laufbahn eines Tänzers eine lange Zeit. Immerhin waren die Mitglieder des Balletts Zürich bis zur Wiederaufnahme der Proben am 8. Juni in Kurzarbeit und darum, anders als ihre Kollegen aus der freien Szene, nicht unmittelbaren Existenzängsten ausgesetzt. Mittelbar indes schon, denn Bühnenauftritte sind das Brot des Tänzers, vielleicht mehr noch als die Gage. Und Balletttänzer sind keine Einzelkämpfer, sie haben von Kindheit an täglich im engen Gruppenverband gearbeitet.

Nun aber mussten sie am Küchentisch trainieren. Es war Spuck darum wichtig, sie so bald als möglich aus der Isolation zu holen. Am 11. Mai wurden die Ballettsäle für Trainings in Gruppen von höchstens zehn Personen geöffnet. Vom 8. Juni an konnte drei Wochen lang bis zu den Sommerferien für die Neuproduktion von Tschaikowskys «Dornröschen» geprobt werden, in kleinen Gruppen und auf der grossen Probebühne Escher Wyss. Anfang Oktober war das Ballett Zürich dann so weit aus dem Dornröschenschlaf geweckt, dass die Uraufführung der Choreografie am 10. Oktober stattfinden konnte.

«Aber da hängt immer dieses Damoklesschwert über uns: eine Ansteckung.» Das sagte Christian Spuck drei Tage später. Am 16. Oktober mussten dann tatsächlich erst zwei, dann alle Ballettvorstellungen bis zum Monatsende abgesagt werden. Ein Mitglied war positiv getestet worden, die Kompanie begab sich in Quarantäne.

Tanz am Abgrund

Am 13. Oktober trat Martin Zimmermann in der französischen Stadt Bourges nach sieben Monaten zum ersten Mal wieder vors Publikum, mit seinem Solo «Hallo». Der Zürcher Choreograf ist einer der international erfolgreichsten Tanzschaffenden aus der freien Schweizer Szene und geht regelmässig mit zwei Produktionen und den von ihm entworfenen wundersam wandelbaren Bühnenräumen auf Tour.

Zimmermann gehört zu den Arrivierten, die mit einer «Kooperativen Fördervereinbarung» von Pro Helvetia sowie Stadt und Kanton Zürich auf drei Jahre hinaus gefördert werden. Dieses Jahr wurde ihm die Förderung glücklicherweise erneut für drei Jahre zugesprochen. Das gibt ihm und seinem Team Planungssicherheit und eine gewisse finanzielle Basis. Einen weiteren grossen Teil der Produktions- und Betriebskosten spielen die umfangreichen Tourneen ein. Dennoch hat ihm Corona – wie so vielen freien Tanzschaffenden – den Boden unter den Füssen weggezogen. Und kein Ballettdirektor liess einen Tanzboden liefern. «Für mein ‹MZ Atelier› und mich ist eine Welt zusammengebrochen», sagt Zimmermann.

In den über zwanzig Jahren seiner Arbeit in der freien Szene hat er mit dem langjährigen Bühnenbildner Ingo Groher ein innovatives System für seine Tourneen entwickelt, das logistisch und ökonomisch funktioniert. «Die komplexen Bühnenbilder müssen in einen einzigen Lastwagen passen und innerhalb von fünf Stunden aufbaubar sein.» Er beschäftigt acht Techniker als Freelancer und zahlt derzeit drei Tänzer und einen Musiker pro Vorstellung. «Ich weiss genau, was es braucht, damit wir zwei Jahre lang von der Tournee eines Stücks leben können. Aber jetzt habe ich plötzlich gemerkt, wie fragil ich dastehe.»

Gemäss der Verordnung des Bundesrats vom 14. Oktober können Kulturschaffende für den Ausfall verbindlich programmierter Veranstaltungen Ausfallentschädigung beantragen. Die Verordnung sieht auch eine Nothilfe zur Deckung der Lebenskosten vor. Laut Liliana Heldner vom Berufsverband der Schweizer Tanzschaffenden Danse Suisse können Tanzschaffende als Privatpersonen und Selbständigerwerbende für ausgefallene Vorstellungen bei der EO ein Taggeld beziehen. Nun sieht sie eine neue Problematik kommen: «Bisher konnten die Tanzschaffenden der freien Szene noch Verträge für Engagements und Gastspiele vorlegen. Im Moment werden aber kaum Verträge für Gastspiele oder Koproduktionen abgeschlossen, da niemand weiss, wie es weitergeht.»

Für Martin Zimmermann sind finanzielle Sorgen die eine Seite. Die andere: «Theater ist für mich Live-Auftritt, ich glaube ans Handwerk – aber alles, woran ich bisher geglaubt hatte, war plötzlich nichts mehr wert.» Um ob der Unsicherheiten und Zweifel nicht verrückt zu werden, begann er im Studio mit der Kreation eines neuen Solos. Er holte sein Skelett-Kostüm aus der «Mr. Skeleton»-Kurzfilmreihe aus der Schachtel, vergrub sich in Recherchen über die Darstellung des Todes in der Kunst und arbeitet nun an einem komisch-tragischen Totentanz, der Corona überleben soll. «Goodbye Johnny» soll am 10. Dezember im Tanzhaus Zürich zur Uraufführung kommen.

Am 28. Oktober wird der Bundesrat dem Vernehmen nach erneut weitreichende Beschränkungen für die Veranstalter in der Schweiz verkünden. Und alles beginnt wieder von vorn.

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