Switzerland

Swiss-Ski-Chef Urs Lehmann: «Nationenwertung ist eine der höchsten Auszeichnungen, die es zu gewinnen gibt»

Haben Sie daran geglaubt, dass Lara Gut-Behrami wieder Weltcuprennen gewinnen wird?

Urs Lehmann: Selbstverständlich. Ich habe immer betont, dass es eine Frage der Zeit ist, bis sie wieder Rennen gewinnt. Du wirst nicht einfach so Gesamtweltcupsiegerin. Es sind sich alle einig, dass Lara Gut-Behrami Ski fahren kann. Sie wurde durch einige andere Gründe, für die sie teilweise nichts dafür kann, teilweise aber auch unglücklich agierte, zurückgeworfen. Aber keiner kann sagen, dass ihre Rückkehr an die Spitze eine Überraschung sei. Ich mag ihr den Sieg von Herzen gönnen.

Die Tessinerin gilt als nicht einfacher Charakter. Wie schwierig war ihre Integration im Frauenteam?

Lara kam in den letzten Jahren schrittweise näher ans Team heran. Sie war schon immer eine Athletin, die konsequent den Weg ging, den sie als erfolgversprechend erachtet. Ich vertrat stets die Meinung, unser Frauenteam müsse einfach so gut sein, dass Lara von sich aus dort dabei sein will.

Was hat es gebraucht, damit sie wieder zur Siegfahrerin wird?

Diese Antwort kann nur sie selber geben. Ich habe in der Abfahrt von Crans-Montana eine selbstbewusste Athletin gesehen, die mit viel Kampf und gutem Instinkt unterwegs war. Es gibt wie bei jeder Fahrerin einige individuelle Parameter, die stimmen müssen. Ich habe Lara während ihrer Siegfahrt beispielsweise kein einziges Mal driften gesehen.

Mit dem Doppelsieg in der Abfahrt erhöht sich der Vorsprung auf Österreich in der Nationenwertung auf fast 800 Punkte. Welche Bedeutung hat der Sieg in dieser Wertung?

Es ist für unser ganzes System, für Swiss Ski, für die Trainer und für das Team, eine der höchsten Auszeichnungen, die es zu gewinnen gibt. Dieser Erfolg steht vielleicht für den einzelnen Athleten nicht im Vordergrund, aber umso mehr für die Summe der Athleten. Es zeigt auch, dass wir in den letzten Jahren bei Swiss Ski sehr gut gearbeitet haben. Ich auf jeden Fall habe eine riesige Freude an unserer Führung in der Nationenwertung.

Für die Athleten scheint der Stellenwert heute kleiner zu sein als beim letzten Schweizer Sieg vor 32 Jahren. Wieso ist das so?

Das glaube ich eben nicht! Auch vor 32 Jahren war die Nationenwertung für den Einzelnen nicht so wichtig. Aus Sicht eines ehemaligen Athleten kann ich das nachvollziehen. Wir betreiben nun mal zuallererst eine Individualsportart.

Dann stört Sie die offensichtliche Gleichgültigkeit von Athleten der Nationenwertung gegenüber nicht?

Wir arbeiten daran, dass unsere Athleten auch ein Auge für die Gesamtsicht haben und nicht nur auf sich selber schauen. Wenn wir Verträge mit Sponsoren oder TV-Sendern verhandeln, dann sind diese umso wertvoller je erfolgreicher wir als Team unterwegs sind. Um auch in Zukunft sportlich konkurrenzfähig zu sein, muss Swiss Ski jedes Jahr mehr Geld investieren. Da kann die Differenz von rund 300 000 Franken zwischen Rang 1 zu Rang 2 in der Nationenwertung einiges ausmachen. Diese Denkweise ist auch für die Athleten wichtig.

Crans-Montana will sich an diesem Wochenende von seiner allerbesten Seite zeigen. Die Konkurrenz für die mögliche Durchführung der WM 2025 ist mit Saalbach und Garmisch aber sehr hart?

Crans-Montana ist ein Superkandidat. Wenn man aber einen Blick auf den politischen Prozess wirft, muss man berücksichtigen, dass 2025 nicht die Schweiz an der Reihe ist. So präsentiert sich die Ausgangslage. Dies bedeutet aber nicht, dass wir uns schon geschlagen geben. Es stellt sich für uns nicht die Frage, ob Crans-Montana den Zuschlag für die WM erhält, sondern nur wann. Klappt es für 2025 nicht, dann halt zwei Jahre später.

Wann steigen Sie als Kandidat ins Rennen als neuer FIS-Präsident?

Dazu kann ich im Moment noch nichts sagen. Es ist noch zu früh.

Von welchen Faktoren hängt Ihre Entscheidung ab?

Es ist eine Entscheidung von weitreichender Konsequenz, die man nicht einfach so über Nacht fällt. Es gibt private und wirtschaftliche Faktoren und auch Auswirkungen auf Swiss Ski.