Switzerland

Star-Choreograf Heinz Spoerli wird 80: «Ich lebe von der Liebe zum Tanz»

Man wird von klassischer Musik empfangen, wenn man Heinz Spoerlis lichtdurchflutete Wohnung im Zürcher Seefeld betritt. «Die Musik ist mein treuer Begleiter seit über 60 Jahren», sagt der legendäre Basler Star-Choreograf, der heute Mittwoch vor 80 Jahren zur Welt kam. Zum Gespräch nehmen wir Platz auf seinem Balkon mit Sicht über die Dächer von Zürich.

BLICK: Herr Spoerli, was bedeutet Ihnen Ihr 80. Geburtstag?
Heinz Spoerli: Nicht mehr als mein 60. oder 70. Eigentlich bin ich 4 mal 20 (lacht). So steht es auch auf der Einladung zu meiner Geburtstagsparty. Tanzen ist gut für den Körper und hat mich jung und fit gehalten.

Pensionierung scheint für Sie kein Thema zu sein.
Nein, Pension ist blöd für mich. Der Tanz bedeutet mir immer noch viel, und ich erhalte immer noch häufig Anfragen. Ich habe mein Engagement an der Mailänder Scala und mache bald auch etwas mit Freunden in Berlin.

Ihre Party steigt am Sonntag, wie feiern Sie?
Ich habe 55 Gäste in ein Restaurant am Zürichsee eingeladen. Die Feier findet draussen statt. Ich freue mich sehr darauf. An meinem eigentlichen Geburtstag gehe ich mit Freunden essen. Der Tag selbst ist mir allerdings gar nicht so wichtig. Schon als Kind hatte ich nie eine Party, sondern war immer in den Schulferien.

Was war Heinz Spoerli für ein Kind?
Ein Hansdampf in allen Gassen (lacht). Es gibt wohl kein Haus in Basel, bei dem ich nicht schon auf dem Dach stand. Ich habe alles gemacht: viel geturnt, Kunstrad gefahren und Schlittschuh gelaufen.

Und dann kam der Tanz.
Ja. Nachdem ich eine Verkäuferlehre in der Migros abgeschlossen hatte, arbeitete ich als Statist beim «Schwanensee» im Basel Theater. Da hat es mich gepackt. Schliesslich kriegte ich als 19-Jähriger das Angebot, in Kanada zu tanzen.

Der Start einer grossen Karriere. Sie wurden vom Tänzer zum Star-Choreografen. Über 60 Jahre lang stehen Sie auf der Bühne. Was war Ihr persönliches Highlight?
Als ich mit dem Zürcher Ballett im legendären Bolschoi-Theater in Moskau «Romeo und Julia» aufführen durfte. Ich vergesse nie, wie die Julia über diese lang gezogene Bühne rannte. Dort konnte sie, im Gegensatz zu Zürich, wirklich weit rennen. Das war ein magischer Abend.

Der Fotograf hört auf zu fotografieren und kündigt an, er werde gleich noch Porträtaufnahmen von Spoerli machen. Daraufhin erklärt dieser augenzwinkernd: «Porträts ... da brauch ich dann aber viel länger als für die anderen Aufnahmen.»

Man hört ja oft, dass Sie eine Diva seien.
Ach wissen Sie, es ist ganz einfach: In einem Opernhaus gibt es die Oper und das Ballett. Dem Opernensemble steht die Bühne fünf Wochen lang zur Verfügung. Als Ballettdirektor war ich schon froh, wenn ich sie zehn Tage kriegte. Wenn ich dann zur Bühne kam und sie noch nicht abgeräumt war, musste ich laut werden. Sonst ging nichts. Mit Operndirektor Alexander Pereira musste ich oft kämpfen, aber eigentlich haben wir uns wunderbar verstanden.

Sie haben das Zürcher Ballett in Ihrer Zeit als Direktor von 1996 bis 2012 weltberühmt gemacht. Erfüllt Sie das mit Stolz?
Nein, es ist bloss das Niveau, das man als Kompanie erreichen möchte. Es war eine wunderbare Zeit. Wir waren 110-mal auf Tournee in der ganzen Welt: China, Kairo, Paris – überall. Das schweisst eine Kompanie zusammen und war auch für die Tänzer ein Wahnsinnsereignis.

Wie war Ihr Verhältnis zu den Tänzern? Waren Sie Vater, Mutter oder guter Freund?
Vater und Mutter trifft es genau. Man kommt sich nahe, aber abends bin ich immer allein nach Hause. Ich habe nie Romanzen mit Tänzern gehabt. Ballett ist für mich sowieso eine Kunstform, die nichts mit Sexualität zu tun hat. Ich werde schon sauer, wenn es heisst: Alle Männer, die Tanzen, sind schwul. Einige sind es, andere nicht. Na und?

Wie ist Ihre Beziehung zum Zürcher Opernhaus heute?
Distanziert. Ganz klar. Wenn ich mir eine Vorstellung anschaue, dann zahle ich für das Ticket. Aber ich kaufe es nicht selbst, sondern schicke jemanden, der das für mich tut. Dann schaue ich mir die Produktion an und bin der Erste, der nach der Vorstellung den Saal verlässt. Ich will nicht zur Vorführung gefragt werden. Denn egal, was ich sage, es ist immer falsch.

Die ganze Kulturszene leidet unter der Corona-Krise. Wie nehmen Sie das in Ihrem Umfeld wahr?
Ich habe viele Freunde, vor allem Tänzer, die in der Luft hängen und froh sind, wenn sie irgendein Engagement erhalten. Niemand weiss, wie es weitergeht. Doch ich mache mir allgemein Sorgen um die klassische Kultur in der Schweiz – auch ohne Corona.

Die Klassik erhält allerdings in einigen Kantonen über 90 Prozent der Musiksubventionen. Das Zürcher Opernhaus erhält 80,3 Millionen Franken pro Jahr.
Stimmt, aber da ist ein Orchester dahinter, Bühnenarbeiter, ein riesiger Apparat. Der so wichtig ist für Zürich. Wenn das Opernhaus zumacht, kann Zürich zumachen. Natürlich müssen wir allen Künstlern unter die Arme greifen. Das Coronavirus hat uns alle ausgebremst. Ich konnte zum Glück im Februar gerade noch rechtzeitig Mailand verlassen, bevor die Situation mit dem Virus schlimm wurde.

Das muss dramatisch gewesen sein.
Ja, es war surreal. Anfang Februar war ich noch in Mailand und mit den Proben zu «Prometheus» von Beethoven beschäftigt. Plötzlich wurden alle immer nervöser. Die Meldungen zum Virus überschlugen sich. Am 7. Februar erwischte ich schliesslich noch den letzten Tag, um Mailand zu verlassen und um mit dem Zug nach Zürich zu fahren. Ich hatte keine Maske. Also musste ich aufpassen, dass ich im Abteil alleine sitzen konnte.

In Ihrem Alter gehören Sie zur Risikogruppe. Macht Ihnen das Angst?
Nein. Ich habe keine Angst. Ich glaube, ich könnte eine Erkrankung überstehen. Und ich bin keiner, der lange in einer dicht gedrängten Schlange ansteht. Auch beim Einkaufen nutze ich Randzeiten.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihre über 60-jährige Karriere, was würden Sie anders machen?
Ich hätte lieber noch früher angefangen (lacht). Ansonsten nichts. Es war eine wundervolle Zeit. Ich habe in allen Theater in Wien gearbeitet, Musicals gemacht und Film. Ich hatte eine reichhaltige Karriere. Manchmal frage ich mich: Hab ich das wirklich alles getan? Aber ja, es ist wahr.

Dabei sind Sie nie müde geworden. Das viele Arbeiten hat Sie beflügelt.
Absolut. Ich lebe von der Liebe zum Tanz und der Musik. Morgens, ich steh immer zwischen 9 und 10 Uhr auf, mache ich immer als Erstes klassische Musik an. Das hebt sofort meine Stimmung.

Sie sagten mal, Musik sei der Partner, der Sie inspiriere.
Ja, und das ist heute noch so. Musik ist etwas vom Besten, was es gibt. Sie stärkt einem. Wenn ich bedrückt bin und Bach höre, bin ich am nächsten Tag wieder munter.

Gibt es auch einen romantischen Partner, eine Liebe in Ihrem Leben?
Die hat es sicher gegeben. Im Moment allerdings nicht. Ich habe Leute, mit denen ich in die Ferien fahre, aber keinen romantischen Partner. Möchte ich auch gar nicht, das gibt nur Probleme (lacht).

Ein Zitat von Ihnen lautet: Leben ist Abschiednehmen. Von was nehmen Sie Abschied in dieser Phase Ihres Lebens?
Von manchen lieben Freunden leider. Ich bin in einem Alter, in dem einige von den guten alten Freunden sterben.

Gibt es noch einen Traum, den Sie sich gerne erfüllen möchten?
Nur einen: Ich wünsche mir, dass Corona bald vorbei ist. Denn ich reise für mein Leben gerne und möchte noch möglichst oft reisen. Es gibt noch so viel zu erleben und zu entdecken.

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