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St. Gallens Sportchef Alain Sutter: Vom Wunder-Kind zum Wunder-Macher

Jahrhundert-Talent, Bayern- und Nati-Star, Aussteiger, Kunst­maler, Handwerker, TV-Experte, Potenzial-Entfaltungs-Coach, Vizepräsident, Frauen-Coach. Und jetzt Vater des St. Galler Wunders. So bewegt war bisher das Leben des heutigen St. Galler Sportchefs Alain Sutter (52).

Am 3. Januar 2018 wird Sutter mit 50 als Quereinsteiger als Sportchef des FC St. Gallen vorgestellt. Gut zwei Jahre später erlebt der Berner mit seiner Rasselbande den vorläufigen Höhepunkt: Als Tabellenführer empfängt der FCSG mit Trainer Peter Zeidler (Sutter: «Zeidler ist sicher unser bester Transfer») heute den punktgleichen Meister YB zum Gipfeltreffen. Der Kybunpark ist mit 19 024 Fans bereits seit Mittwoch ausverkauft. Zum ersten Mal seit dem 7. April 2013. Die Ostschweiz steht kopf – dank dem Berner Sutter.

Karli Odermatts Tipp

Überrascht von der neuesten Entwicklung, gäll Alain? Sutter gestern zu SonntagsBlick: «Überrascht ist das falsche Wort. Aber: Es ist definitiv nicht selbstverständlich. Ich habe ja schon am ersten Tag gesagt: Unser Ziel ist es, dass wir mit der Art und Weise, wie wir Fussball spielen, den Fans Freude machen und das Stadion füllen wollen. Dass es gleichzeitig mit den Resultaten auch so aufgeht, weisst du natürlich nie im Voraus. Da spielen viele Faktoren eine Rolle.»

Einer der wichtigsten ist Sutter.

Sutters verrückter Weg von Bern-Bümpliz nach St. Gallen. Via München, Miami, Mallorca. Ein Rückblick.

Timo Konietzka (†2012), als Dortmunder Stürmer 1963 erster Bundesliga-Torschütze, erfindet 1985 für den damals 17-jährigen Spargeltarzan von der Bümplizer Bodenweid den Begriff «Jahrhundert-Talent». Der GC-Trainer schreibt später in einer BLICK- Kolumne: «Der Tipp kam von Karl Odermatt‚ ‹Timo›, sagte Karli zu mir, ‹da spielt einer bei Bümpliz mit der Nummer 11. Der ist blutjung, ein Riesentalent.› Ich war damals gerade zu GC gekommen. Die Mannschaft hatte drei Titel in Serie gewonnen, war etwas behäbig ge­worden. Ich sollte ein paar neue, hungrige Spieler einbauen. Also nichts wie los nach Bümpliz. Um zu sehen, was dieser Sutter draufhatte, brauchte man kein Fussballkenner zu sein.»

Sutter gibt bei einem 2:0 von GC gegen Grenchen im August 1985 unter Konietzka mit 17 sein Profi-Debüt. Schon im Oktober folgt das erste Länderspiel unter Coach Paul Wolfisberg beim 0:0 in Dänemark. Der nur 59 kg schwere Dribbler im linken Mittelfeld verzaubert die Fussball-Schweiz.

Papa Konietzka

Konietzka schrieb: «Ich kümmere mich um Alain wie um einen Sohn, versprach ich der Familie. Alain, der erste Profilehrling bei GC, ass über Mittag bei mir zu Hause, ich wollte ihm helfen, die Distanz zu seiner Heimat zu überwinden. Und ich merkte bald, dass mir das nicht gelingen würde.»

Den Berner Giel plagt Heimweh. Sutter «täubelet». Das Jahrhundert- Talent will seinen Fünfjahresvertrag beim Rekordmeister auflösen. Er droht: «Ich spiele nur noch für Bümpliz! Und beginne eine Lehre als Coiffeur.» Es kommt zum Gerichtsfall. GC gibt klein bei.

Sutter zieht wieder bei den Eltern ein. Und spielt leihweise ein Jahr unter Alexander Mandziara, dem Meistertrainer von 1986, bei YB. Sutter ist nicht wiederzuerkennen. «Eine wirklich beschissene Saison», gibt er im Mai 1993 im SonntagsBlick-Interview zu und gesteht Fehler ein: «Am Anfang meiner Karriere war es schon so. Ich ging mit 17 von Bümpliz weg. Von der 2. Liga zu GC, dem besten Schweizer Klub. Ich wurde sofort Stammspieler, auch in der Nati. Alles ging so schnell. Und als 17-Jähriger ist Relativieren noch nicht möglich. Sicher habe ich nicht so an mir gearbeitet, wie es notwendig gewesen wäre. Ich brauchte eins aufs Dach – bekams bei YB mit 18 Jahren auch. Eine wirklich beschissene Saison. Da merkte ich, dass Talent allein noch nichts nützt. Von da an habe ich hart an mir gearbeitet. Ich hatte es damals aus einem sehr tiefen Loch wieder herausgeschafft.»

Im Oktober 2013 schrieb die «Glückspost»: «‹Mich plagten immer wieder grosse Selbstzweifel›, gesteht Sutter. Ausgerechnet er, der oft als arrogant bezeichnet wurde? ‹Das war ein Selbstschutz, der wichtig war, um alles etwas abzufedern. Es fehlte mir die innere Stabilität.›» Die öffentliche Kritik habe geschmerzt, da er sie sich sehr zu Herzen nahm. Manchmal versteckte er sich daheim, da er fürchtete, die Leute würden alles glauben, was über ihn geschrieben wurde. «Da ist vieles kaputtgegangen, alte Wunden wurden aufgerissen.» Schon in der Schule ging er seinen eigenen Weg – und wurde deshalb oft ausgeschlossen, bekam einmal gar einen Brief, er sei ein A..., unterschrieben von allen Klassenkameraden. Längst vorbei, aber nicht vergessen: «Wir sind alles, was wir jemals waren.»

Zwei andere Schulerlebnisse verfolgen ihn bis heute. Zweimal wird Sutter vor der ganzen Klasse blossgestellt. Zum ersten Mal, als er mit beginnendem Stimmbruch ein Lied vorsingen muss. Ein zweites Mal, als er im Klassenlager, ohne vorher zu proben, einen Tanz vorführen muss. «Die Klassenkameraden lachten Tränen und haben sich auf dem Boden gewälzt.»

Freiheiten unter Hitzfeld

Bei einer seiner Buchpräsentationen («Alain Sutter: Stressfrei glücklich sein») gibt er 2015 preis, dass ihn wegen diesen negativen Jugend­erlebnissen öffentliche Referate «ohne Ende nervös machen». Sein autonomes Nervensystem habe diese Erfahrung damals als Gefahr gespeichert. «Deshalb schaltet es jedes Mal, wenn ich vor Publikum auftrete, auf den Flüchten- oder Totstellen-Modus um», erklärt Sutter und erntet damit die Lacher der Zuhörer.

Zurück zu GC. Unter Ottmar Hitzfeld, er löst 1988 Konietzka-Nachfolger Kurt Jara ab, hat Sutter erstmals die gewünschten Freiheiten.

Er lässt die Haare wachsen, fährt eine Harley, lässt sich oben ohne fotografieren. Zusammen mit Teamkollege Peter Közle stählt sich Alain im Kraftraum, legt über zehn Kilo Muskelmasse zu. «Unser Krafttraining hat aus einer gewissen Schwäche heraus stattgefunden, weil wir innerlich nicht so gefestigt waren», verriet er dem «Stern». «Peter hatte sich gerade von seiner Frau getrennt, ich mich von meiner Freundin.»

Sutter ist in dieser Zeit aber vor allem eines – sportlich erfolgreich: zweimal Meister (1990 und 1991), zweimal Cupsieger (1989 und 1990) mit GC.

1993 trifft er Melanie

An einem Hallenturnier in Stuttgart mit Ex-Real-Madrid-Trainer Leo Beenhakker überrascht Sutter im Januar 1993 erstmals die deutschen TV-Zuschauer. «Bei ihm möchte man Ball sein», sagt der SAT-1-Reporter anerkennend. Im Mai lernt Sutter bei einem Nati-Termin auf der Wettinger Altenburg seine heutige Gattin Melanie kennen, sie steht in der Schlange, um ein Autogramm vom langmähnigen Blonden zu ergattern. Im Sommer 1993 unterschreibt Sutter beim 1. FC Nürnberg. Melanie ist von da an bis heute immer an seiner Seite. Alain wird zum schönsten Spieler der Bundesliga gewählt, steigt mit den Franken Ende Saison aber ab.

Mit der Nati setzt Sutter unter Coach Roy Hodgson zum Höhenflug an. Im Oktober 1993 qualifiziert sich die Schweiz in Sutters damaligem Wohnzimmer Hardturm mit einem 4:0 gegen Estland erstmals seit 28 Jahren für eine WM.

An der WM 1994 in den USA steht ein Ami Sutter im Startspiel (1:1) auf den Fuss. Sutter spielt weiter. Am Tag danach wird ein Trümmerbruch des kleinen Zehs festgestellt. Und der Pechvogel muss sich in Detroit den Fragen des Schweizer Fernsehens stellen. Der Interviewer? Matthias Hüppi. Richtig, der heutige Präsident beim FCSG. Mit vier schmerzstillenden Spritzen spielt Sutter auch im Jahrhundertspiel gegen Rumänien, erzielt beim 4:1-Sieg das 1:0. Für den Achtelfinal gegen Spanien (0:3) muss er passen.
Nach der WM scheint Sutter am Ziel: Dreijahresvertrag bei Bayern München!

Doch die Probleme beginnen schon beim Fototermin auf der Münchner Wiesn. Sutter zieht zwar wie alle Teamkollegen die Lederhose an, der überzeugte Nicht-
Alkoholiker weigert sich aber, eine Mass Bier in die Hand zu nehmen.

Es folgen mysteriöse gesundheitliche Probleme. Bayern-Boss Uli Hoeness, nebenbei Wurstfabrikant, macht sich über Sutters Essgewohnheiten lustig. Ab und zu eine Schweinshaxe würde auch ihm guttun. Sutter stand im Ruf, Vegetarier zu sein. «Stimmt nicht», sagt er Ende 2019 im BLICK, «ich habe ab und zu Fleisch gegessen. Auch heute esse ich zwischendurch mal Fleisch.»

Im ersten Halbjahr in München nimmt Sutter 10 (!) Kilo ab. Manager Hoeness wirft dem Schweizer vor, dass er dem Verein gegenüber nicht professionell gehandelt habe. «Er hätte mit seinen Problemen früher zu unserem Arzt kommen sollen. Stattdessen wurstelte er sich mit irgendwelchen Quacksalbern durch. Das geht nicht! Ein Spieler ist auch dem Verein gegenüber
verantwortlich. Ab sofort wird sich Herr Sutter nur noch von Bayern-Ärzten behandeln lassen. Manche Leute muss man eben zu ihrem Glück zwingen.»

Doch es ist kein Bayern-Arzt, der Sutter wieder auf die Beine bringt, sondern Hans-Jörg Schwyn, Naturheilpraktiker, Drogist und Leiter des Zentrums für Biochemische Analysen in Frauenfeld. Sutter wird auf Unverträglichkeiten gegenüber Nahrungsmitteln untersucht. Auf 56 (!) von 273 getesteten Nahrungsmitteln reagiert sein Körper mit Unverträglichkeit. Besonders gegenüber glutenhaltigem Getreide. Sutter: «Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Durch die Ernährung, wie sie im Spitzensport üblich ist, mit hohen Mengen an Kohlehydraten in Form von Teigwaren und Brot, hat sich meine Darmfunktion von Jahr zu Jahr verschlechtert. Bis zu jenem Zeitpunkt in München, als meine Verdauung ihre normale Funktion fast vollständig aufgab. Mein Körper war damals nicht mehr fähig, die Inhaltsstoffe der zugeführten Nahrungsmittel aufzunehmen und zu verwerten. Was oben reinkam, ging unten wieder raus, ohne positiven Effekt auf meinen Körper.»

«Stressfrei glücklich sein»

Auch beim FC St. Gallen lässt Sutter heute glutenfreie Brote und Teigwaren auftischen. Der Spanier Victor Ruiz spendet der Mannschaft wegen seiner Rotsperre aus dem Servette-Spiel letzte Woche glutenfreie Pizza.

Im Oktober 1995 wechselt Sutter zum 1. FC Freiburg, wohnt zwischenzeitlich in Rheinfelden AG in einer Mietskaserne. Im Winter 1998 folgt der Transfer zu Dallas Burn in die USA. Ein Hüftschaden zwingt Sutter dann bereits im Sommer 1998 zum sofortigen Rücktritt. Eine Operation lehnt er ab. Alain und seine Melanie bleiben in den Staaten. Im Sonnenstaat Florida
beziehen sie ein Sechseinhalb-Zimmer-Haus mit Swimmingpool.

Sutter entdeckt seine Handwerker-Künste. Er kauft in Miami ein Haus mit neun Apartments und renoviert sie mit Melanie. «Böden verlegen, Wände rausreissen, Küchen einbauen – wir machten alles selber. Es war faszinierend, nicht mit den Füssen, sondern mit den Händen zu arbeiten.» Nach fast zwei Jahren ist der Umbau beendet. Sutter versucht sich auch als Kunstmaler. Der Fussball ist ganz weit weg.

2002 siedeln Melanie und Alain nach Mallorca über. Sie bauen in 40 km Distanz zur Partymeile Ballermann eine Villa mit je vier Schlaf- und Badezimmern. Sie sind mittlerweile ein Trio. Sohn Taya kommt vor bald 18 Jahren zur Welt.

An der EM 2004 kehrt Sutter sechs Jahre nach seinem Rücktritt ins Fussballgeschäft zurück. Zusammen mit Matthias Hüppi analysiert er die Schweizer Spiele in Portugal. 14 Jahre lang sind die beiden ein eingespieltes Duo, bis Hüppi beim SRF überraschend kündigt und den FC St. Gallen übernimmt.

Seit November 2008 leben die Sutters im Kanton Aargau. Mentalcoach Sutter gibt 2013 das Buch «Stressfrei glücklich sein» heraus, 2016 folgt «Herzensangelegenheit». Er ist kurz Vizepräsident von GC, coacht bei den Hoppers später auch die Frauen. Bis er vor zwei Jahren die Offerte seines langjährigen TV-Kollegen Hüppi annimmt. Sutters Handy klingelt Ende Dezember 2017 im Urlaub in Dubai. Sutter gestern: «Ich wollte, bevor ich zusagte, meine Ideen zuerst dem Verwaltungsrat präsentieren. Damit sie wissen, worauf sie sich einlassen.» Spätestens heute wissen es alle in der Festhütte St. Gallen.

Sutters Protest-Leintuch spaltete Nati und Nation!

Rädelsführer ist Alain Sutter: Der heutige St. Galler Sportchef schreibt am 6. September 1995 in Göteborg vor dem EM-Quali-Spiel gegen Schweden Weltgeschichte. Er entrollt vor dem Abspielen der Hymnen ein Transparent mit der Aufschrift «Stop it Chirac».

Sutter (und die Mehrheit der Nati) protestieren damit gegen Frankreichs Atomtests unter Staatschef Jacques Chirac (†2019). Die Bilder gehen um die Welt. Der damalige Bayern-Star: «Ich bin stolz, in einer Mannschaft zu spielen, die den Mut aufbringt, eine solche Message durchzugeben.»

Weniger stolz ist SFV-Boss Marcel Mathier: «Ich entschuldige mich im Namen des Fussballverbandes bei der schwedischen Bevölkerung. Wir haben das Feld missbraucht, um politische Reklame zu machen. Ich bedaure das sehr.»

BLICK titelt auf Seite 1: «Sutters Leintuch spaltet die Nati-on!» Gibts ein halbes Jahr später die Retourkutsche? Völlig unerwartet fliegt Sutter (und auch Adrian Knup) im letzten Moment aus dem EM-Aufgebot. Sutter damals: «Die Art und Weise, wie das Ganze zustande kam, lässt den Spekulationen natürlich Tür und Tor offen. An sich glaube ich zwar an das Gute im Menschen.» (M.K.)