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Spielerverträge, so lang wie eine Ehe – ein Trend, der (fast) allen hilft

Christoph Bertschy an der WM: Er unterschrieb bei Fribourg-Gottéron für sieben Jahre. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Spielerverträge, so lang wie eine Ehe – ein Trend, der (fast) allen hilft

Zuletzt sieben Jahre Gottéron für Nationalstürmer Christoph Bertschy – «Rentenverträge» im Hockey kommen in Mode. Sie helfen den Klubs und den Stars. Aber keine Regel ohne Ausnahme.

Ehen werden kürzer und die Spielerverträge im Hockey immer länger. Inzwischen unterschreiben die Stars Verträge, die so lange dauern wie eine durchschnittliche Ehe: Christoph Bertschy (27) hat sich soeben bei Fribourg-Gottéron ab dem nächsten Sommer für sieben Jahre bis 2029 gebunden. Der längste Vertrag bei einem Wechsel in der Geschichte unseres Hockeys.

An seinem Beispiel lässt sich der Mechanismus dieses neuen Trends sehr gut erklären. Was im Februar 2019 noch hockeylandesweites Aufsehen erregte – Tristan Scherwey verlängerte beim SCB vorzeitig um sieben Jahre bis 2027 – entlockt heute höchstens noch ein «na und?». «Rentenverträge» sind inzwischen gang und gäbe und wenn sie klug abgefasst sind, gut für den Klub und den Spieler.

«Ewig» in Bern: Tristan Scherwey. Bild: keystone

Tieferer Lohn, dafür Sicherheit

Am Anfang stand die Absicht der Klubs: Unterschreibe heute, zahle morgen. Oder besser: Wie bei einem Ratenkauf wird der Preis nicht auf einmal bezahlt (den man sich nicht leisten kann), sondern über die Jahre verteilt. Bei einer langen Laufzeit – vier und mehr Jahre – dürfte der jährliche Lohn nämlich höchstens noch halb oder zwei Drittel so hoch sein wie die Entschädigung bei einem Einjahresvertrag wäre.

Inzwischen ist das Modell der Rentenverträge verfeinert worden. Es ist nicht mehr so, dass jedes Jahr gleich viel bezahlt wird. Beim Vierjahresvertrag von Raphael Diaz (Gottéron) sind die Bezüge beispielsweise im zweiten und dritten Jahr markant höher als im vierten.

Ebenfalls lange in Fribourg: Raphael Diaz. Bild: keystone

Christoph Bertschy wird bei Gottéron anfänglich tiefer gelöhnt. Das Salär steigt dann kontinuierlich an, um im siebten und letzten Jahr wieder zu fallen. Gottéron-Präsident Hubert Waeber mag zwar nicht über die Verträge reden. Immerhin sagt er, am Anfang der Verhandlungen mit Bertschy sei eine Gesamtsumme über sieben Jahre gestanden. «Dann haben wir uns darüber unterhalten, wie wir das auf die Jahre aufteilen.»

«Nur ein sehr guter Spieler ist ein Thema für lange Verträge»

Der Vorteil liegt auf der Hand: Der Klub kann in einem Jahr, in dem höhere Ausgaben anstehen – wenn etwa Darlehen zurückbezahlt werden müssen, viele Verträge auslaufen oder in die Infrastruktur investiert werden muss – einen tieferen Lohn einsetzen und in vermeintlich besseren Jahren einen höheren. Und der Spieler hat die Möglichkeit, mit unterschiedlichen jährlichen Salären die Steuerbelastung zu optimieren. Indem er etwa in einem Jahr höhere Bezüge einplant, in dem er steuerrelevante Ausgaben im Auge hat.

Kommt dazu, dass die anfänglichen Befürchtungen grundlos waren, langlaufende Arbeitsverhältnisse könnten sich negativ auf die Leistungen auswirken. Verträge über vier oder mehr Jahre hatten bisher nicht den geringsten negativen Einfluss auf die Leistungen von Spielern wie Tristan Scherwey, Leonardo Genoni, Sven Andrighetto, Reto Berra oder Denis Hollenstein. Hubert Waeber sagt es so: «Nur ein sehr guter Spieler ist ein Thema für lange Verträge. Es sind in der Regel Internationale, die bei einer WM oder einem Olympischen Turnier dabei sein wollen.»

Bertschys kluge Entscheidung

Wir können es auch so sagen: Wer so gut ist, dass er für einen «Rentenvertrag» in Frage kommt, hat mit ziemlicher Sicherheit eine vorbildliche Berufsauffassung. Sonst wäre er gar nie so gut geworden. Und mit einer langfristigen Bindung an einen Schweizer Klub verbauen sich die Spieler die Option NHL nicht mehr: Das neue Transferabkommen mit der NHL erlaubt heute den Wechsel in die NHL aus einem laufenden Vertrag heraus. Eine NHL-Freigabeklausel ist nicht mehr erforderlich.

Christoph Bertschys Karriereplanung ist nachgerade beispielhaft. Er beginnt als Junior bei den Gottéron, reift in Bern zum Meister und Nationalspieler, erfüllt sich ab 2015 drei Jahre lang den Traum Nordamerika, kapitalisiert sein Talent erstmals so richtig bei der Rückkehr in die Schweiz zu Lausanne (2018) und hat nun von seinen Optionen (verlängern in Lausanne, Wechsel zu Bern, Lugano oder Gottéron) die klügste gewählt. Mit einem Vertrag über sieben Jahre kehrt er im nächsten Sommer zu seinen Wurzeln nach Fribourg zurück. Beim Auslaufen dieses Kontraktes wird er 34 Jahre alt sein und längst Kultstatus haben. Er kann dann, wenn er will, seine Karriere verlängern oder in der Organisation von Gottéron einen anderen Job übernehmen.

Seit der Rückkehr aus Nordamerika spielt Bertschy für Lausanne. Bild: keystone

Gottérons Sportchef Christian Dubé musste beim Vertrag mit Bertschy nicht einmal an die Schmerzgrenze gehen. Der SCB hat sein Geld bereits in Vierjahresverträge (bis 2026) mit Joël Vermin und Romain Loeffel investiert und nach wie vor viel Budget durch überrissene Saläre für Mitläufer blockiert, die Berner konnten im Werben um ihren «verlorenen Sohn» nicht mehr nachlegen. Hubert Waeber bestätigt auf Nachfrage: «Wir müssen unser Budget wegen des Transfers von Christoph Bertschy nicht erhöhen.»

Agenten haben das Nachsehen

Verlierer gibt es allerdings doch: die Agenten. Die Klubs übernehmen die Agentenprovision – durchschnittlich 5 Prozent des Jahresgehaltes – nicht mehr. Um dieses Geld zu sparen, beenden immer mehr Spieler die Zusammenarbeit mit ihrem Agenten und machen den letzten langen Vertrag selbst oder zusammen mit einer Vertrauensperson aus der eigenen Familie. So haben es beispielsweise Berra und Bertschy bei ihren Verträgen mit Gottéron gemacht. Dieser Trend – grosse Verträge ohne Agenten – wird immer populärer.

Wenn alle Stricke reissen, dann kann ein Klub unter Umständen (aber nicht in jedem Fall, wie wir noch sehen werden) den weiterlaufenden Vertrag immer noch an die Konkurrenz verkaufen, eine Ablösesumme für den vorzeitigen Wechsel verlangen und ein gutes Geschäft machen. Lange Verträge abschliessen und teuer verkaufen ist ja inzwischen sozusagen ein Geschäftsmodell im internationalen Fussball geworden. Hubert Waeber sagt: «Zu so etwas würde ich nie Hand bieten.» Das sind nicht nur schöne Worte: Hockey ist in seiner DNA trotz viel Geld und mancher Schlaumeierei immer noch ein recht bodenständiges und ehrliches Geschäft geblieben.

Die Ausnahme, die die Regel bestätigt

Der Trend zu längeren Verträgen hilft also eigentlich allen. Aber es gibt eben doch Ausnahmen. Raeto Raffainer, inzwischen SCB-Obersportchef in Bern, hat im Sommer 2020 Torhüter Robert Mayer (31) mit einem lukrativen Vierjahres-Vertrag im Gesamtwert von gut 1,5 Millionen Franken bis 2024 von Genf nach Davos gelockt. Inzwischen haben die Davoser schon etwas billig den Nationalgoalie zum Sündenbock für das Scheitern in den Pre-Playoffs gegen den SCB gemacht und mit Gilles Senn einen neuen Goalie verpflichtet.

Davos will Robert Mayer nicht mehr, aber noch braucht niemand sonst einen Robert Mayer. Bild: keystone

Bisher sind alle Versuche, den Vertrag im gegenseitigen Einvernehmen vorzeitig aufzulösen gescheitert. Nun sucht HCD-Sportchef Jan Alston einen neuen Klub für Robert Mayer. Aber noch ist niemand in grosser Goalie-Not.

Die Situation ist schon fast filmreif: Aus rechtlichen Gründen müssen die Davoser Mayer den Beruf ausüben und trainieren lassen. Er darf mit der ersten Mannschaft trainieren, aber nicht spielen und er hat keinen Zugang mehr zur HCD-Kabine. Er ist in einer der vielen Garderoben untergebracht worden, die ja schon wegen des Spengler Cups im Stadion eingebaut sind.

So ist bei langfristigen Hockey-Verträgen halt doch eine Regel zu beachten, die auch bei einer Eheschliessung gilt. Um nicht in den Verdacht zu kommen, zu polemisieren, zitiert der Chronist einfach eine Passage aus einem berühmten Gedicht («Die Glocke») von Friedrich Schiller:

Drum prüfe, wer sich lange bindet,
Ob der Spieler zum Trainer findet.
Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang.

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