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Souverän streiten statt kindisch pöbeln!

Kürzlich schrieb der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in der «Zeit», er leide unter «rage fatigue»: unter «Empörungserschöpfung» und «Wutmüdigkeit». Mit seinem Überdruss an einer überhitzten Gesellschaft, die pöbelt und brüllt, statt zuhört und miteinander redet, ist er kaum allein. Selten wurde so ausgiebig über die Sehnsucht nach Stille und die wichtige Botschaft der Introvertierten geschrieben wie in diesen Tagen.

Gegen das Gebrüll der Dauerempörten würden freilich auch Noise-Cancelling-Kopfhörer und Social-Media-Abstinenz helfen. Aber die Unruhe hat sich längst in unser Innerstes gefressen. Nicht nur aussen ist es zu laut, sondern auch in uns drin. Das schrille Spektakel, in dem alle um Aufmerksamkeit buhlen, pulverisiert die eigenen Relevanzkriterien zunehmend. Womit punkten die anderen? Hab ich was verpasst? Statt souverän die eigene Agenda zu verfolgen, verzwergen wir zu Rumpelstilzen, die jubeln, wenn sie vorne liegen, und toben, wenn etwas misslingt.

Schon während des Dreissigjährigen Kriegs war die Stoa beliebt.

Kein Wunder erlebt die stoische Philosophie gerade eine Blütezeit: Im Zentrum der antiken Weisheitslehre steht der Gedanke der Seelenruhe. Die Rezepte von Seneca, Marc Aurel und Epiktet klingen simpel: Statt den Vergleich mit anderen zu suchen, sollen wir uns selbst genügen. Starke Gefühle sind zu vermeiden, sie kosten zu viel Energie. Unser Schicksal können wir nicht ändern, also gilt es, sich auf das zu besinnen, was sich ändern lässt. Das sind vielleicht nicht unser Kontostand, die Anzahl Follower oder unsere äussere Erscheinung – wohl aber unsere Einstellung zu diesen Dingen. Indem sie diese Rezepte verinnerlichen, erobern sich moderne Stoiker jene Souveränität zurück, die sie als Dauerempörte verloren haben.

Die einfachen Rezepte finden Anklang. In den Buchhandlungen stapeln sich zurzeit Geschenkbändchen mit Textauszügen der antiken Philosophen, in den sozialen Medien erfreuen sich Gruppen wie @dailystoic, @livingstoicism oder @stoameditation wachsender Beliebtheit.

Dabei ist das bei weitem nicht die erste Renaissance, die die Philosophie der Stoa erfährt. Gerade in Krisenzeiten hatte sie immer wieder Konjunktur: Während des Dreissigjährigen Krieges beriefen sich sogar viele Staatsmänner auf sie. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die stoische Philosophie selbst in einer Krisenzeit entstanden ist. Als die griechischen Kleinstaaten im hellenistischen Grossreich und später im römischen Imperium aufgingen, wurde die damalige Gesellschaft von einem rasanten Wandel erfasst. Das eigene Glück in Zeiten grosser Veränderung nicht von äusseren Faktoren abhängig zu machen, sondern Selbstgenügsamkeit und innere Gelassenheit zu kultivieren, schien schon immer ein probates Mittel.

Auf ein gutes Mittelmass kommt es an

Doch übten wir uns alle in stoischer Gelassenheit und in der totalen Befreiung von Emotionen, wer setzte sich dann noch für ein soziales Miteinander ein? Mitleid hilft, uns in andere einzufühlen. Wut gibt uns Kraft, uns gegen Unrecht zu wehren. Und Empörung ist lebensnotwendig für eine anständige Gesellschaft. Dies behauptete zumindest der ehemalige französische Widerstandskämpfer Stéphane Hessel 2010 in seinem erfolgreichen Essay «Empört Euch!». Das Schlimmste, was man sich und der Welt antun könne, sei gleichgültig zu bleiben gegenüber den politischen Verhältnissen.

Wie also umgehen mit dem Zwiespalt? Vielleicht indem wir nicht nur die Stoiker, sondern auch Aristoteles neu entdecken. Er legte nahe, unsere Gefühle nicht zum Schweigen zu bringen, sondern sie zu kultivieren, das heisst, einen klugen Umgang mit ihnen zu finden: Sich also durchaus empören, aber mit Mass; sich einmischen, aber klug; souverän streiten statt kindisch pöbeln. In seiner «Nikomachischen Ethik» schreibt Aristoteles: «Wer alles flieht und fürchtet und nirgends standhält, wird feige. Wer aber nichts fürchtet und auf alles losgeht, wird tollkühn.» Vielleicht müssen wir unsere Empörung also nicht ganz abkühlen, sondern in erster Linie wohltemperieren.