Switzerland

Solstad ist der Taktgeber des norwegischen Romans, und einer dieser Takte heisst «16. 7. 41»

Norwegen besitzt ausserordentlich viele hochkarätige Autoren. Ein sicherer Wert, dem selbst der Nobelpreis zugetraut wird, ist der 1941 in Sandefjord geborene Dag Solstad.

Der Poet will nach Frankfurt und landet in Berlin: zum Glück für seinen Roman. – Flughafen Tegel.

Der Poet will nach Frankfurt und landet in Berlin: zum Glück für seinen Roman. – Flughafen Tegel.

Stefan Zeitz / Imago

Hinter vorgehaltener Hand wird er nicht nur in Norwegen als künftiger Nobelpreisträger gehandelt. Dag Solstad werde eher zum Zuge kommen, wird uns zugeraunt, als sein Landsmann Jon Fosse, der seit Jahren zum Favoritenkreis gehört. Für Solstad spricht das Überraschungsmoment.

Seit den sechziger Jahren ist Solstad der Taktgeber des norwegischen Romans. Obwohl er mit seinem Privatleben nicht zu hausieren pflegt, ja Scham als Voraussetzung der Zivilisation begreift, plakatierte er vor achtzehn Jahren sein Geburtsdatum, den 16. 7. 41, als Titel eines Romans, der nun in der Übersetzung von Ina Kronenberger auf Deutsch vorliegt. Autor, Hauptfigur und Ich-Erzähler tragen denselben Namen – genauso wie später in Karl Ove Knausgårds Welterfolg «Mein Kampf». Während aber Knausgård von Selbstentblössungsdrang getrieben wird, etabliert Solstads spielerische Ironie den nötigen Abstand zwischen dem Ich und dem, der «ich» schreibt. Der 60-jährige Ich-Erzähler weiss, dass er bestenfalls noch drei Romane verfassen kann. «Ich stehe vor der letzten Phase.» Was nun?

Solstad hat seine Poetik ständig erneuert. Der Jungdichter definierte die Autorenrolle neu und liess aus dem Propheten einen Experimentator werden. Danach läutete er das maoistische Jahrzehnt der norwegischen Literatur ein, das er aber auch wieder ausklingen liess, um sich existenziellen Fragen zuzuwenden. Jetzt sagt er: «Mein Verhältnis zu Geschichten ist ein eher gleichgültiges.» Eher reflektierend als erzählend gibt er Einblick in seine Werkstatt. Das «Ungreifbare» des Romans, das nicht nacherzählt werden kann, treibt ihn um, das «unauflösliche epische Element».

Kurzer Sprung in die Ewigkeit

«16. 7. 41» beginnt ganz profan mit einer Reise. Wohin reist der Poet? Nach Frankfurt zur Buchmesse. Dass das Flugzeug in Berlin landet, ist Pech für ihn und ein Glück für die Erzählung. Während die Maschine kreist und kreist, wagt Solstad einen «kurzen Sprung in die Ewigkeit». «Zeichen der Gnade und deutliche Bilder der Erlösung» sieht er, und er erblickt «das Gesicht eines Engels, der mit seiner Posaune in den Händen auf einer Wolke sass, die Flügel nachdenklich herabgesenkt. Es war mein Vater.» Dag war gerade elf, als dieser starb. Dichter und ihre Väter: Während Vater Solstad als Gottes Posaunist auf einer Wolke schwebt, schwebt Knausgårds Vater wie ein böser Geist über dem «Mein Kampf»-Zyklus. Als Karl Ove das Sterbehaus betritt, stinkt es nach Fäulnis und Urin. Bei Solstad indes ist der Vater der heimliche Held des Romans.

Damit es nicht ein Zuviel der Himmelsklänge und Posaunenstösse wird, schiebt Solstad ein Kapitel über den trivialen Alltag in Berlin ein, das sich streckenweise liest wie eine Rhapsodie der Strassennamen. Solstad betrachtet die Metropole mit den Augen des Fremden, der auch nach zwei Jahren noch kein Deutsch spricht, aber eine «Faust II»-Aufführung besucht, die 16 Stunden dauert. Als er am Kurfürstendamm soupiert, bleibt ihm der Bissen buchstäblich im Halse stecken; mit Blaulicht wird er ins Krankenhaus gefahren.

Der Roman gipfelt in der tragikomischen Reise Solstads in seinen Geburtsort Sandefjord – zum 40-Jahr-Jubiläum der Reifeprüfung. Pech für ihn, aber erneut ein Glück für die Erzählung, dass er die Einladungskarte in Berlin vergessen hat. In einer wilden nächtlichen Taxi-Fahrt zu sich selbst sucht er die Gaststätten der Gegend ab. Erst nach Mitternacht entdeckt er die fröhliche Runde beim Absacker ausgerechnet in seinem einstigen Elternhaus. Er bleibt draussen – aus Schamgefühl. «Ich konnte unmöglich brüllend in meinem früheren Hinterhof stehen und mit meinem Gebrüll vielleicht Nachbarn aufwecken. Dann kämen die Leute ans Fenster und würden Dag Solstad in seinem früheren Hinterhof sehen, nach vierzig Jahren stockbesoffen und mitten in der Nacht, wie er dort stand und das offene Esszimmerfenster seiner Kindheit anbrüllte.»

Eine Aufgabe zu erfüllen

In Sandefjord kennt jeder jeden. Solstads Vater, ein gedemütigter Pleitier, sah sich als von Gott erwählter Erfinder eines Perpetuum mobile, er wollte eine von der Londoner «Times» ausgelobte Prämie von einer Million Pfund ergattern. Dag war sein Assistent, die Mutter ernährte die Familie als Verkäuferin. «Vater war es wichtig, dass meine Mutter das Recht bekam, die Nase wieder hochzutragen.»

Ähnlich träumt in Ibsens «Wildente» Hjalmar Ekdal, Spross einer deklassierten Familie, von einer bahnbrechenden Erfindung, die es seinem Vater ermöglichen soll, die Uniform wieder in aller Öffentlichkeit zu tragen. Auch Ibsens Vater war ein kleinstädtischer Pleitier, einige Bahnstationen von Solstads Sandefjord entfernt. «Seit Vaters Tod war ich nicht mehr ich selbst. Ich war der Autor Dag Solstad. Ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und die habe ich noch nicht vollendet», heisst es auf der letzten Seite des Buchs. Dag Solstad fliegt zurück nach Berlin und schreibt den Roman. Dass er ihn zunächst nach dem Todesdatum des Vaters «29 .1. 53» betiteln wollte, verriet er der Literaturzeitschrift «Vagant».

Dag Solstad: 16. 7. 41. Roman. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Dörlemann-Verlag, Zürich 2020. 285 S., Fr. 33.90.

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